Politikwissenschaftler Uwe Wagschal über eine Wahl, die eigentlich schon gelaufen ist STADTGEPLAUDER | 07.04.2018 | Tanja Senn | 44 mal gelesen

Ein Obdachloser, der sich für eine „Willkommenskultur der Armen und Unglücklichen“ engagiert. Ein sich selbst als „alternder Loser“ bezeichnender Arbeitsloser. Ein Frührentner, der überlegt, ob er für die Pogo-Partei antreten soll.

Dass von dieser „bunten Mischung“ einer dem jetzigen Oberbürgermeister den Rang ablaufen kann, glaubt Wahlforscher Uwe Wagschal von der Universität Freiburg nicht. Lediglich ein einziger Kandidat könnte dem Amtsinhaber am 22. April gefährlich werden, sagt er im Interview mit chilli-Redakteurin Tanja Senn.

chilli: Wenn man sich in Freiburg umhört, scheint die vorwiegende Meinung zu herrschen, dass der Amtsinhaber auch in diesem Jahr wieder das Rennen macht.
Wagschal: Das ist die Freiburger Wohlfühl-Monarchie. Wenn man es realistisch sieht: Es gibt keine wirkliche Wechselstimmung in der Stadt. Es gibt auch keinen großen Wettbewerber, der Salomon herausfordert, sondern viele exotische Kandidaten, die um die Reststimmen kämpfen. Auch die CDU hat ja kampflos die Stadt an Salomon übergeben. Der einzige, der eine gewisse Seriosität ausstrahlt und ein achtbares Ergebnis kriegen könnte, ist Martin Horn.

chilli: Die Mehrzahl der Bürgermeister in Baden-Württemberg sind Verwaltungsfachleute. Das spricht ja für Horn …
Wagschal: So ist es. Seine Verwaltungserfahrung unterscheidet ihn von den meisten Kandidaten. Aber trotzdem wird er – wie von Kirchbach bei der letzten Wahl – keinen Erfolg haben. Ich glaube noch nicht einmal, dass es zu einem zweiten Wahlgang kommt. Wenn ich mal – aus dem Bauch – schätzen sollte: Horn wird 20 bis 25 Prozent holen, Stein 9 bis 10 und der Rest wird sich – in der Summe – mit 6 bis 7 Prozent begnügen müssen.

chilli: Statistisch gesehen werden wieder kandidierende Bürgermeister nur selten abgewählt. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 1:13.
Wagschal: Es gibt einige berühmte Beispiele, wo abgewählt worden ist. Pforzheim ist so eins. Aber im Großen und Ganzen ist so eine Wiederwahl eine sichere Sache. Die Leistungsbilanz spricht ja auch für Salomon. Freiburg ist eine Wohlfühlstadt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Finanzen sind in Ordnung. Es gibt keine großen Schlachten wie früher ums Konzerthaus. Man hat manchmal das Gefühl, das größte Problem in Freiburg ist, ob der SC am Sonntag gewinnt.

chilli: Ist tatsächlich alles so rosig?
Wagschal: Überhaupt nicht. Beim Thema „Innere Sicherheit“ ist die Bilanz zum Beispiel schlecht, was Einbruchszahlen und Diebstähle angeht – mein Fahrrad hat man auch geklaut. Trotzdem ist das kein Thema im Wahlkampf. Bis auf Stephan Wermter kommen ja alle Kandidaten eher aus dem linken, anarchischen oder grünen Milieu. Da ist keiner auf dem Law-and-Order-Trip.

chilli: Salomon selbst befürchtet, die gute Stimmung trage dazu bei, dass seine Befürworter nicht wählen gehen. Nach dem Motto: Die Wahl ist doch eh schon gelaufen …
Wagschal: Wenn ein haushoher Favorit in die Wahl geht, drückt das auf die Wahlbeteiligung. Trotzdem müssen die Herausforderer überzeugen, was schwierig gegen die lange Amtserfahrung von Salomon ist. Die anderen Kandidaten fischen meist im selben Terrain und klauen sich gegenseitig die Stimmen von den unzufriedenen Wählern.

chilli: Man hat das Gefühl, dass sich die Kandidaten alle auf die gleichen Themen konzentrieren: Bezahlbarer Wohnraum, Bildung, Nachhaltigkeit … Spielt es Salomon in die Hände, dass niemand mit der großen Überraschung um die Ecke kommt?
Wagschal: Da sich die Kandidaten fast alle im selben Milieu positionieren, haben sie auch alle mehr oder weniger die gleiche Programmatik, bis auf Wermter. Aber auch Salomon bietet keine Überraschungen: Innovationen sehe ich vom Oberbürgermeister keine. Der Tübinger OB Boris Palmer macht da im Vergleich viel mehr: kostenloser Nahverkehr am Samstag, eine Beteiligungs-App, die enge Partnerschaft mit der Uni. Da merkt man, dass in Freiburg noch Luft nach oben ist.

chilli: Bei dieser OB-Wahl dürfen erstmals auch 16-Jährige an die Urnen. Werden die Jungen anders wählen?
Wagschal: Junge wählen tendenziell etwas linker, in Freiburg vielleicht noch mehr als woanders. Aber bei so einer Personenwahl wird das wohl keine so große Rolle spielen. Vielleicht sind sie nicht so auf Salomon fixiert wie die Älteren. Das hat man ja auch an dem Unterstützungskomitee „Stimmen für Salomon“ gesehen: Da ist alles eine Alterskohorte. Die Freunde der Jugend, die zusammen ergraut sind. Da spielt es auch keine Rolle mehr, ob man zur FDP oder CDU gehört, man hat sich aneinander gewöhnt wie ein gutes Ehepaar.

Foto: © Tanja Senn