Cezanne – Paul Cézannes Spätwerk spiegelt sein Gespür für Licht, Farbe und Form Veranstaltungstipp | 16.02.2026 | Erika Weisser

Cezanne Joueurs

Paul Cézanne revolutionierte die Kunst durch immer neue Sichtweisen auf seine Sujets – und durch deren sich stetig weiterentwickelnde Darstellung. Knapp 120 Jahre nach dem Tod des Malers widmet die Fondation Beyeler ihm nun eine Einzelausstellung. 79 Exponate aus seinem „bahnbrechenden Spätwerk“ sind hier zu bewundern, darunter auch die sieben Werke aus der hauseigenen Sammlung.

Zu dieser gehört eine zwischen 1900 und 1902 entstandene Arbeit, die einen durch Unterholz führenden felsigen Weg zu dem in der Nähe von Cézannes Atelier gelegenen Château Noir abbildet. Doch anders als die vorwiegend düsteren Bilder zu diesem Thema wirkt es durch Sonnenlicht-Flecken sogar heiter. Zumindest deutlich heiterer als eine zehn Jahre früher entstandene Ölmalerei, die laut Museumsdirektor Sam Keller „noch nie zuvor nach Europa ausgeliehen wurde“ und die ein eher undurchdringliches Dickicht darstellt. „La Pierre à Moudre au Parc du Château Noir“ (Mühlstein) heißt es und ist im Besitz des Philadelphia Museum of Art.

Es dokumentiert Cézannes allmähliche Abkehr von der traditionellen Illusionstiefe und seine Suche nach der Struktur hinter der Natur, von der sein Schaffen in den letzten Lebensjahren zunehmend geleitet war. Auffällig ist auch die Platzierung des titelgebenden Mühlsteins am unteren linken Rand des Bildes; sie markiert die Befreiung der Kunst von der Zentralperspektive und der naturgetreuen Anatomie – ein radikaler Neuanfang, der ihn zu einer Schlüsselfigur der Moderne werden ließ. Oder zum „Vater von uns allen“, wie Pablo Picasso ihn nannte.

Eine weitere Erstmaligkeit, auf die man bei Beyeler immer großen Wert legt, ist die Gegenüberstellung des berühmten Ölbilds „Der Knabe mit der roten Weste“ (1888–90) mit zwei zeitgleich entstandenen Aquarellen mit demselben Motiv aus anderer Perspektive. In den Aquarellen stimmen die anatomischen Proportionen noch; im Gemälde sind sie aufgelöst: Ein Arm des Jungen ist übermäßig lang und hängt, wie bei den „Kartenspielern“,  in einem seltsamen Winkel an der Schulter.

Cézannes Werdegang von der naturalistischen hin zur stark abstrahierten und analytischen Darstellung seiner Sujets lässt sich besonders gut an einem Landschaftsmotiv nachvollziehen: die Montagne Sainte-Victoire. Mehr als 80 Ansichten dieses Bergs und der umgebenden Wälder und Felder im speziellen provenzalischen Licht hat er gemalt, sie wurden zum Herzstück seiner neuen, aus strukturierten Farbfeldern bestehenden Bildsprache. Und diese prägte nicht nur die Entwicklung der „Kunst als Parallele zur Natur“, sondern auch die Wahrnehmung der Region als Sehnsuchtslandschaft, indem Natur, Stille und Schönheit in kraftvollen Farben miteinander verschmelzen.

Sainte-Victoire

Sainte-Victoire

Sieben Ölbilder und zwei Aquarelle der Sainte-Victoire sind nun in Riehen zu sehen; ihre Zusammenführung gehörten laut Kurator Ulf Küster „zu den Höhepunkten der Ausstellung“. Denn hier spiegelt sich deutlich sein künstlerischer Ansatz, „die beständige Kraft des Berges und die flüchtigen Eindrücke des Augenblicks“ in Einklang zu bringen. Und das gelingt Cézanne durch die selbstverständlich erscheinende Übertragung seiner reinen Farbempfindungen durch schnelle farbige Pinselstriche auf die Leinwand oder auf Papier.

Auch in den verschiedenen Variationen seiner „Badenden“, die teilweise förmlich in der sie umgebenden Natur aufgehen, sowie auch in den Stillleben zeigt sich Cézannes Bestreben, die sichtbare Welt als Ausdruck einer unsichtbaren Struktur abzubilden: Was wie ein schlichtes Arrangement aus Obst, Krügen und sorgfältig drapierten Tüchern erscheint, entpuppt sich als Tableau für eingehende Erkundung von Form, Farbe und Gleichgewicht. Eine augenöffnende und intensive Präsentation, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

CEZANNE Pommes et oranges

Cezanne
Fondation Beyeler, Riehen
bis 25. Mai 2026
www.fondationbeyeler.ch

Paul Cézanne: Les joueurs de cartes, 1893-1896, Musée d‘ Orsay, Paris © Musée d‘ Orsay, Dist. GrandPalaisRmn / Patrice Schmidt; Pommes et oranges, © GrandPalaisRMN (Musée d‘ Orsay) / Hervé Lewandowski; La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves, um 1904, Privatsammlung, Derbyshire Foto: Christie`s Images / Bridgeman Images; La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves, um 1904/05, The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri, Ankauf William Rockhill Nelson Trust Image courtesy of Nelson-Atkins Digital Production & Preservation