Buch-Rezi: Regen – Drift ins Existenzielle 4Literatur & Kolumnen | 31.10.2023 | Lars Bargmann
Ferdinand von Schirachs Büchlein „Regen“ schaffte es quasi aus dem Stand an den Sonnenplatz der „Spiegel“-Bestsellerliste. Wer es gelesen hat, dem kommt die Frage in den Sinn: Warum?
Auf 50 Seiten führt ein vom Regen durchnässter Mensch in einer Bar ein Selbstgespräch. Er ist Schriftsteller a. D., einer, der seit 17 Jahren nichts mehr geschrieben hat. Seinen Gedichtband „Statt Gedichte“ hatte der Drucker ebenso eigenmächtig wie einfältig in „Stadtgedichte“ umgetauft. Das ist lange her. Hängt ihm aber immer noch nach. Doch das ist eine andere Geschichte. Nun jedenfalls wurde er zum Schöffen in diesem Strafverfahren berufen (Frau sagt Mann, er hat einen zu kleinen Penis, Mann dreht durch, Frau tot). Gedanklich noch gefangen vom Prozessauftakt, sitzt er da – der Mord geschah auf der anderen Straßenseite – und sinniert über die großen Fragen in seinem eigenen Leben. Und über die der Gesellschaft. Über Schuld und Trauer, über Depression und Sinn, über Rucksackträger in Fußgängerzonen, über das Schreiben („Das Schreiben ist kein demokratischer Prozess. Es ist das Gegenteil.“) Zuweilen driftet der Text ins Existenzielle, sozusagen das Wohnzimmer des Autors Gedankenwelt. Geschrieben ist „Regen“ für die Bühne. Dort mag es Kraft entfalten.
Dem Text folgt ein ebenso fünfzigseitiges (!) Interview, das von Schirach der Süddeutschen gegeben hat.
Regen
von Ferdinand von Schirach
Verlag: Luchterhand, 2023
112 Seiten, gebunden
Preis: 20 Euro









