Heimspiel: Freiburger Ur-Einwohner 4Literatur & Kolumnen | 02.07.2025 | David Pister
In Freiburg geboren, hiergeblieben, nie woanders gewesen. Der Freiburger Bächle-Egel ist ein Unikat. Den gibt es nur bei uns. Im Heimspiel meldet sich der sonst stumme Weingartener ausnahmsweise mal zu Wort.
„Wenn ich mich vorstellen darf: Freiburger Bächle-Egel. Ihr Latein-Freaks könnt mich auch Trocheta intermedia nennen. Oder Bobbele. Ich bin nämlich ein echtes Freiburger Original.
1983 wurde ich im Dietenbach in Weingarten entdeckt. Ich bin aber schon viel länger da. Da bin ich aufgetaucht, weil ich das allererste Zelt-Musik-Festival miterleben wollte. Aber irgendwas hatte ich da nicht auf dem Schirm. Ich dachte, das findet am Mundenhof statt. Aber damals stieg die Party noch mitten in der Innenstadt. Da muss Freiburg noch cool gewesen sein, ohne dass sich die Bewohner über jede Bluetooth-Box beschweren. Aufwändig musste ich also über die Dreisam und das Bächle zum Platz der Alten Synagoge schwimmen. Flussaufwärts! Aber es hat sich gelohnt.
Ich bin Lokalpatriot durch und durch. Ich war noch nie woanders, wieso auch? Ein stolzer Nesthocker. Außerdem bin ich ein Prachtkerl, wie ihr seht. Muskulös, zahnlos. Farbe: tiefes, geheimnisvolles Schlammschwarzbraun. Ich messe etwa fünf bis sieben Zentimeter. Ein Siebtel einer Langen Roten also. Aber den Fraß könnt ihr behalten. Ich schwärme für Mückenlarven, Regenwürmer und den ein oder anderen kleinen toten Fisch – alles bio, alles regional versteht sich.
Manche sagen, ich bin ein Raubtier (ich selbst). Andere nennen mich einen parasitären Müllbeseitiger (blöde Biologen). Das klingt doch doof, und hätte ich bei dem Attribut nicht schon längst eine Vergütung der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg erhalten sollen? Immerhin mache ich deren Job.
Ich heiße zwar weder Betty BBQ noch Dita Whip oder Chloé de la Chocho, bin aber auch zuerst als Männchen und später als Weibchen unterwegs. Und das ganz easy, auch schon vor dem Selbstbestimmungsgesetz. Zwittrig, sagen die Biologen. Genderfluid, sage ich.
Seit einigen Jahren ist ganz schön was los in meiner Gegend. Aktivistinnen und Aktivisten setzen sich dafür ein, dass meine schöne Gegend hier erhalten bleibt. Erdaushub hier, Spatenstich dort, Kanzlerbesuch und so weiter. 16.000 Menschen sollen hier mal wohnen. Da bleibt wenig Platz für mich. Obwohl ich die ganze Zeit hier war, muss ich mich um eine neue Behausung kümmern. Und das bei den Mietpreisen.
Stühlinger, Altstadt, Wiehre oder Littenweiler wären gut. Die haben eine gute Dreisam-Anbindung. Das Westbad-Außenbecken, das bald kommt, wäre nichts. Ich verlange ja nicht viel: kein Chlor, keine Großbaustelle, kein Mietwucher – einfach ein bisschen frisches Wasser und ein schattiges Plätzchen unter der Bachkiesel-Markise.
Vielleicht will ich aber auch mal ganz woanders hin. Ich habe einige Verwandte: Den achtäugigen Schlundegel etwa – seine Sippe ist in ganz Mitteleuropa verbreitet. Der Karpatenegel haust natürlich auch nicht schlecht. Mit toller Aussicht. Und wäre nicht so ein Verrückter im Amt des US-Präsidenten, wäre ich auch bereit, bei meinem entfernten Cousin, dem Golden Gate-Egel, zu wohnen. Aber Trump will ja keine Migranten, außer sie sind weiß.
Was soll’s. Ich bin zäh. Ich bin alt. Ich war schon da, als sich kein Mensch für Flächennutzungspläne interessiert hat. Und wenn die Bagger rollen, steh ich da mit einem Schild: „Dieti bleibt“. „Hirschkäferplatz“, „Pirolstraße“, „Grauschnäpperstraße“ – klingt nach Bioladen und Lastenrad. Aber wo bleibt der „Freiburger-Bächle-Egel-Weg“? Kein Platz für Schlamm, Schatten und Stille. Lebensqualität. Nur halt nicht für so kleine, glitschige Ureinwohner wie mich.“
Foto: © Ulrich Kutschera, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)









