Lebensdramen unter Sternen – Die Grether Nachtlese geht in die 19. Runde 4Literatur & Kolumnen | 25.07.2025 | Erika Weisser
Das ist schon eine Leistung: Bereits zum 19. Mal organisiert Thomas Hohner mit einer Handvoll Leuten die Grether Nachtlese. Dieses kleine, aber feine Lesefestival bringt an drei Donnerstagabenden vorwiegend regionale Autor·innen auf die Bühne im kleinen Innenhof der selbstverwalteten Wohnprojekte, die seit den 1980er-Jahren auf dem Gelände der ehemaligen Metallgießerei Grether & Cie. entstanden sind.
Die Nachtlesen, die von der Grether Kultur, der Buchhandlung Jos Fritz und inzwischen auch von der Rosa Hilfe organisiert werden, gehören zu den Highlights des Sommerferiensommers in Freiburg. Sie sind divers, machen neugierig und bringen an einem schönen, zentral gelegenen und beinahe familiären Ort ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Auch mit Autoren, von denen man vielleicht noch nie gehört hat – und hernach dennoch ins Gespräch kommen kann, etwa im Hof des benachbarten Strandcafés. Heuer gibt es am 31. Juli sowie am 7. und 14. August dazu Gelegenheit.
Den Auftakt macht die Freiburger Übersetzerin und Lektorin Sarah Norman, die jetzt ihr eigenes literarisches Debüt vorlegt. „Zum Geburtstag eine Leiche“ lautet der Titel ihres queeren, mit viel Freiburger Atmosphäre gewürzten Krimis, in dem drei vom Alltag ohnehin gebeutelte Freundinnen auch noch in einen Mordfall verstrickt werden: Ausgerechnet bei ihrer Geburtstagsfeier findet eine von ihnen im Weinkeller einen ihr flüchtig bekannten und gar nicht eingeladenen Mann. Und während sie an dem mysteriösen Fall rätseln, offenbaren sich nach und nach und sehr treffsicher viele kleine versteckte Lebensdramen.

Um Lebensdramen geht es auch am zweiten Abend, wenn Joachim Zelter seinen autofiktionalen und existenziellen Roman „Staffellauf“ zur Nachtlese mitbringt. Beginnend in Freiburg beschreibt er außer Lebenswegen auch Umwege, Abwege, Kehrtwendungen sowie Werdegänge und Notausgänge. Wie um sein Leben erzählt der in Freiburg gebürtige Autor von familiären (Un-)Bindungen, von Höhenflügen, Niederlagen, Seitensprüngen, Lebenssprüngen, Lebenslügen. Zu lesen, mit welcher Rasanz er erinnert, erfindet, zusammenreimt und neu ordnet, macht großen Spaß. Und das Zuhören sicher auch.

Den Lesereigen beschließt Martin R. Dean aus Basel mit seinem Roman „Tabak und Schokolade“. Darin geht er der Geschichte seiner Mutter nach – und damit seiner eigenen: In jungen Jahren verliebt sich die Tochter Aargauer Stumpenfabrikarbeiter in einen Studenten aus Trinidad und wandert mit ihm aus. Nach gescheiterter Beziehung kehrt sie mit ihrem kleinen Sohn zurück, macht eine „gute Partie“ und spricht nie mehr über ihren „Ausrutscher“. Erst nach ihrem Tod geht der Sohn auf Spurensuche und findet Vorfahren, die zu Kolonialzeiten aus Indien als Kontraktarbeiter für Trinidads Kakaoplantagen angeheuert wurden.

Gäste: Bei der Nachtlese im kleinen Grether Innenhof präsentieren in diesem Sommer Joachim Zelter, Sarah Norman und Martin R. Dean ihre jüngsten Romane.








