Notherbergen im Paradies – Erkundungen in der vielfältigen literarischen Landschaft rund um Freiburg 4Literatur & Kolumnen | 31.08.2025 | Erika Weisser

Herzkammer: In Marie-Luise Kaschnitz‘ Trauzimmer im Rathaus werden bis heute Ehen geschlossen. Herzkammer: In Marie-Luise Kaschnitz‘ Trauzimmer im Rathaus werden bis heute Ehen geschlossen.

Fünfzig Gemeinden gibt es im Breisgau und Hochschwarzwald, die zusammen einen Landkreis bilden, der Freiburg fast vollständig umgibt. Im Laufe der Geschichte brachten sie einige Literaten hervor und beherbergten andere, Zugewanderte – vorübergehend oder für immer. Ihren Spuren folgen Thomas Schmidt und Felix Schiller in ihrem druckfrischen Lesebuch „Herzkammern“.

Der Titel verweist auf Marie-Luise ­Kaschnitz, die den im südlichen Hexental gelegenen Ort Bollschweil in ihrer 1966 erschienenen „Beschreibung eines Dorfes“ als „Herzkammer der Heimat“ bezeichnete: Dort steht das Elternhaus der Dichterin, in dem sie einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte und wohin sie immer wieder zurückkehrte. Dort hat sie geheiratet – und dort ist sie begraben.

Dort hat sie auch viele Besucher empfangen, darunter ihre nicht nur literarischen und stets gesprächsbereiten Freunde Christoph Meckel und Peter Huchel. Deren Erinnerungen an die Begegnungen trägt Herausgeber Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv Marbach zusammen, Kaschnitz‘ Leben in Bollschweil hat die Freiburger Autorin Iris Wolf einen schönen, einfühlenden Text gewidmet.

Mit dem Lyriker Peter Huchel, der nach einigen Odysseen in Staufen bis zu seinem Tod seine „Notherberge“ fand, beschäftigt sich Lutz Seiler. Und Yannic Han Biao Federer geht der Frage nach, ob der hartnäckig in Staufen verortete Goethe-Protagonist und Alchimist Johannes Faust womöglich hinter den Geothermie-Rissen steckt, die die Stadt vor ein paar Jahren heimsuchten.

 Heimathaus: Schloss Bollschweil ist Privatbesitz – die Dauerausstellung zu Marie-Luise Kaschnitz ist deshalb im Rathaus.

Heimathaus: Schloss Bollschweil ist Privatbesitz – die Dauerausstellung zu Marie-Luise Kaschnitz ist deshalb im Rathaus.

Die Freiburger Autorin Manuela Fuelle erkundet hingegen „die revolutionäre Welt der A.“: In Amalie Struves 1850 verfassten „Erinnerungen aus den badischen Freiheitskämpfen“ spielt die Fauststadt eine wichtige Rolle. Von dort ist es nicht weit nach Sulzburg. Auch in dieser Stadt finden die sich Spuren einiger Literaten. Etwa die von Gustav Weil, der weniger mit seinem Namen als mit seinem Werk Berühmtheit erlangte: Der Sohn des damaligen Ortsrabbiners hat 1841 die Geschichten aus 1001 Nacht aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Als Erster. Die Freiburger Autorin Fatma Sagir wandert mit ihm durch die Gassen Sulzburgs.

Die nächste Station ist Badenweiler, wo außer Anton Tschechow einst auch Scholem Alejchem vergeblich Heilung von der Tuberkulose suchte. Angesichts des lieblichen Markgräflerlands schrieb der Verfasser von „Tevje, der Milchmann“ an seine Familie, dass er sich in einem „erdischen ganeyden“ wähne – einem irdischen Garten Eden. Dieses Gefühl hatten vielleicht auch Annette Kolb, Gabriele Wohmann, René Schickele und einige andere Schriftsteller, die hier eine Zeit lang lebten und wirkten.

Das Buch ist ein ausgezeichneter Reiseführer zu literarischen Orten, die es auch am Kaiserstuhl und im Schwarzwald gibt und die hier leider nicht alle erwähnt werden können. Ebenso wenig wie viele Autoren wie etwa Hartmann von Aue oder Paul Celan.

Es ermöglicht per QR-Code außerdem einen virtuellen Ausflug in die Digitale Literaturlandkarte Breisgau-Hochschwarzwald – mit vielen Text-, Bild- und Tondokumenten.

Zudem lädt Herausgeber Thomas Schmidt am 9. September, 18 Uhr, zu Vortrag und Gespräch ins Stubenhaus in Staufen.

Cover

Herzkammern
Eine literarische Reise durch Breisgau und Hochschwarzwald
Von Thomas Schmidt & Felix Schiller (Hg.)

Fotos: © Gemeinde Bollschweil