Vielseitige Kopfkinos – Das sind die Bücher des Jahres von Freiburger Buchhändler·innen 4Literatur & Kolumnen | 29.12.2025 | chilli
Wer nicht zielgerichtet wegen eines bestimmten Buchs eine Buchhandlung betritt, gerät schnell in die Qual der Wahl unter den vielen Neuerscheinungen, die jährlich auf die Ladentische gelangen. Gut, dass es da in den Freiburger Buchläden gleichermaßen belesene wie beratende Fachleute gibt – die sich auch noch die Zeit nehmen, den chilli-Leser·innen ihr besonderes Buch des Jahres vorzustellen.

Die Heilung von Luzon
von Karl-Heinz Ott
Verlag: Hanser, 2025
336 Seiten
Hardcover
Preis: 26 Euro
„Die Heilung von Luzon“ ist reinstes Kopfkino: Gemeinsam mit den psychologisch fein gezeichneten Figuren ist man von der ersten Seite an mittendrin auf der philippinischen Insel. In einem Urlaubsresort treffen zwei sehr unterschiedliche deutsche Paare aufeinander, jeweils mit einem schwer an Krebs erkrankten Partner. Sie hoffen auf Rettung durch einen bisweilen surreal anmutenden Geistheiler, auch wenn es sie ein Vermögen kostet und sie mitunter an dem ganzen „Hokuspokus“ zweifeln.
Raffiniert spielt Ott mit Wahrnehmungsebenen, rückt Fragen nach Inszenierung ins Zentrum und lässt den zwischen Paradies und Albtraum changierenden Tropenschauplatz zum Brennglas lange schwelender Beziehungskonflikte und ambivalenter Sehnsüchte werden. Dabei begegnet er seinen Figuren schonungslos, bisweilen urkomisch und stets auf Augenhöhe.
Charlotte Steinweg, Buchhandlung fundevogel

Nachtgäste
von Nenad Veličković
Übersetzung von Barbara Antkowiak
Verlag: Jung und Jung, 2025
240 Seiten
gebunden
Preis: 24 Euro
Sarajevo während der Belagerung: Die achtzehnjährige Maja findet mit ihrer Familie, dem Hund Sniffy, dem Pförtner Brkić und dessen Freund Julio Zuflucht im Museum. Zusammen bilden sie den Klub der Nachtgäste.
Sie beobachtet aus dem Fenster des Museums, was in der belagerten Stadt passiert, und folgt den aus der Not geborenen Tagesabläufen ihrer Mitbewohner·innen. Mit aufgewecktem Blick und psychologischem Gespür beäugt sie deren Eigenarten und Überlebensstrategien – und enttarnt wie nebenbei auch die Irrationalität des Krieges. Darin steckt eine Tragikomik, die entwaffnet.
„Nachtgäste“, nach 30 Jahren neu aufgelegt, besticht durch seine unmittelbaren Beschreibungen des Überlebens im Krieg. Das ist mal traurig, mal unsinnig, dann wieder herzergreifend komisch und immer schonungslos ehrlich.
Katharina Tillmann, Buchhandlung Schwarz

Was vor uns liegt
von Alba de Céspedes
Übersetzung von Esther Hansen
Verlag: Insel, 2025
380 Seiten
Hardcover
Preis: 25 Euro
In diesem Jahr erschien der Debütroman von Alba de Céspedes in deutscher Sprache, ein Text, mit dem sie 1938 zu einer literarischen und feministischen Ikone wurde.
Acht Mädchen unterschiedlicher Herkunft und Abstammung leben 1934 in einem Konvikt. Was sie eint, ist die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben – mit unterschiedlichen Vorstellungen zu Liebe und Heirat, Beruf, Aufbruch in neue Welten, der Sehnsucht nach Heimat.
Der Text lebt von vielschichtigen Blickwinkeln auf die Besonderheiten der je eigenen Entwicklung. Die Autorin bricht Frauenbilder auf, ohne dass es moralische Einordnungen gibt. Sie verzichtet auf ein Urteil über die Lebens- und Denkwege der Frauen und lässt damit Raum zum Denken, für eigene Reflexionen – und zerstört damit alte Gewissheiten, Muster und Bilder.
Dieses Buch sollte zum europäischen literarischen Kanon gehören. Und Alba de Céspedes ist eine Autorin, der ich, gerade auch als Mann, mehr zu verdanken habe, als ich mir je ausmalen konnte.
Björn Siller, Buchhandlung zum Wetzstein

Die Lesereise
von Andi Watson
Übersetzung von Ruth Keen
Verlag: Schaltzeit Verlag, 2022
272 Seiten
Hardcover
Preis: 25 Euro
In seiner Graphic Novel schickt Andi Watson den angesehenen, doch nicht sehr erfolgreichen Autor G. H. Fretwell auf eine Lesetour mit kafkaesken Wendungen. Nichts läuft nach Plan, das Publikum bleibt aus, Verkäufe finden nicht statt. Trotzdem wird die Reise weiter und weiter verlängert. Allmählich wird sie zum Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Und obwohl ohnehin schon alles schief läuft, scheint es, als ob Fretwells Probleme gerade erst beginnen. Denn inzwischen hat die Kriminalpolizei einige Fragen an ihn …
Ein mörderisches Verwechslungsdrama und eine großartige Persiflage auf den Literaturbetrieb. In seinem Comic beschwört der gefeierte Cartoonist Andi Watson die Urängste von Schriftstellern herauf und verdichtet sie zu einem komödiantischen Buchjuwel. Witzig, surreal und scharf beobachtet, ist „Die Lesereise“ eine fesselnde Lektüre.
Das Buch ist zwar schon 2022 erschienen, gelangt aber erst jetzt, da der Folgeband „Der Bücherkoffer“ erschienen ist, so richtig ins Bewusstsein.
Michael Schumann, Comicladen X für U

Die Fletchers von Long Island
von Taffy Brodesser-Akner
Übersetzung von Sophie Zeitz
Verlag: Eichborn, 2025
577 Seiten
gebunden
Preis: 25 Euro
Es könnte alles so schön sein. Das florierende Familienunternehmen ermöglicht den Fletchers das Leben in enormem Reichtum in einer großen Villa auf Long Island und die großzügige Alimentierung der Kinder und ihrer Lebensentwürfe.
Wäre da nicht die vor 40 Jahren erfolgte Entführung des Familienvaters, die keinen in der Familie unbeschädigt gelassen hat. Das Opfer ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Dem ältesten Sohn fällt nach dem ersten erfolgreichen Filmdrehbuch über eine Entführung nichts Neues mehr ein. Der zweite wird zum Sicherheitsfanatiker und Rechtsanwalt für so was Ödes wie Bodenrecht, Hauptsache keine Verbrecher, und die jüngste Tochter hadert mit dem Vermögen und engagiert sich als Sozialromantikerin. Als die Firma dann ins Schlingern gerät, kommen auch noch unschöne Familienwahrheiten auf den Tisch.
Mit überbordender Fabulierlust und Detailreichtum schildert die Autorin die Neurosen, Phobien und Krisen dieser jüdisch-amerikanischen Familie.
Heiko Kaminski, Buchhandlung Rombach

Papiervögel
von Mana Neyestani
Übersetzung von Christoph Schuler
Verlag: Edition Moderne, 2025
200 Seiten
Hardcover
Preis: 28 Euro
Auf der Grenze zwischen Iran und Irak liegt das Zagros-Gebirge. Durch dieses Gebirge und über die Grenze schmuggeln kurdische Lastenträger·innen – Kolbar genannt – unter Einsatz ihres Lebens verschiedene Waren und versuchen so, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einer dieser Kolbar ist der Ingenieur Jalal, der Geld verdienen möchte, um seine kranke Mutter zu pflegen. Auf ihn wartet Rojan, die von einem Leben in der Anonymität und Freiheit von Teheran träumt. Dorthin will sie zusammen mit Jalal flüchten, wenn dieser zurückkehrt.
Die Sorgen und Nöte, die die Kolbar dazu bewegen, diese lebensgefährliche Aufgabe auf sich zu nehmen und die patriarchalen Verhältnisse, in denen Rojan zurückbleibt, bringt der iranische Zeichner und Karikaturist Mana Neyestani mit filigranen Strichen präzise auf Papier, ohne dabei die Hoffnung auf eine bessere Welt zu verlieren.
Jonas Großmann, Buchhandlung Jos Fritz








