Klischeebehaftetes Chamäleon – Akkordeon ist Instrument des Jahres – Experte sagt: zu früh 4Musik | 10.04.2026 | Till Neumann
Ein Leben verbunden: Volker Rausenberger spielt das Instrument seit mehr als 50 Jahren.
Es hat einen staubigen Ruf, kann aber so viel mehr: das Akkordeon. Kaum einer in Freiburg weiß das so gut wie Volker Rausenberger. Im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann erzählt der 57-Jährige von Überraschungsmomenten, einer Hochburg und einer erstaunlichen Statistik.
chilli: Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026. Wie finden Sie das?
Rausenberger: Sehr cool. Aber wenn ich ehrlich bin, kommt das drei Jahre zu früh. 1829 hat Cyrill Demian das Patent bekommen auf das, was man heute Akkordeon nennt. Also hätte man noch bis 2029 warten können. Aber es ist toll, dass wir die Gelegenheit haben, die ganzen Klischees ein bisschen abzustauben.
chilli: Ich denke mal, ein gängiges lautet: Akkordeon ist Volksmusik – und das ist falsch.
Rausenberger: Nein, das ist nicht falsch. Das ist noch ein sehr nettes Klischee, weil der Titel Akkordeon mit drin ist. Normalerweise beginnt die Überschrift von fast jedem Presseartikel mit Schifferklavier, Quetschkommode, Zerrwanst, alles, was es halt so gibt.
chilli: Ist das despektierlich?
Rausenberger: Nö, das ist so gewachsen. Man hat ja immer auch einen eigenen Anteil an den Bildern. Man kann das Akkordeon seit den 70er-Jahren an den Musikhochschulen studieren. Davor ging es nur an der Musikschule Trossingen. Das war der Ausgangspunkt seit den 50er-Jahren.
chilli: Wie groß ist die Szene?
Rausenberger: Diese künstlerische Szene ist nicht so groß. Aber es gab mal eine Statistik bei Ebay, dass das Akkordeon das weit verbreitetste Instrument in Deutschland ist. Mit Dachbodenfunden und so. Im Umlauf sind viele Instrumente, richtig spielen können es nur wenige.
chilli: Wann haben Sie zum ersten Mal eins in Händen gehalten?
Rausenberger: Ich glaube, ich hatte letztes Jahr mein 50-jähriges Jubiläum. Ich war sechs Jahre alt oder so. Mein Vater hat es gespielt, mein älterer Bruder auch.
„Es ist mir sozusagen an den Körper gewachsen“
chilli: Also Familientradition?
Rausenberger: Genau. Ich erinnere mich nicht, dass ich gefragt wurde, welches Instrument ich lernen will. Das war einfach da. So wie man das Akkordeon umarmen kann, ist es mir sozusagen an den Körper gewachsen.
chilli: Was ist das Schwierigste, wenn man dieses Instrument lernt?
Rausenberger: Die Koordination zwischen rechter Hand und linker Hand. Und zwischen den verschiedenen Konzepten Melodie und Begleitung. Man hat ja zudem noch einen Balg, mit dem man den Ton produzieren kann.
chilli: Also drei Sachen gleichzeitig …
Rausenberger: … und man sieht im Gegensatz zum Klavier nicht auf sein Spielfeld. Man muss im Prinzip lernen, blind zu spielen.
chilli: Also üben in der Dunkelheit?
Rausenberger: Gute Idee, auf die bin ich noch gar nicht gekommen. Oder mit verdunkelter Ski-Brille, so als Ski-Aggu.
chilli: Was kann ein Akkordeon besser als andere Instrumente?
Rausenberger: Sich verwandeln. Also in unterschiedlichen Stilen spielen. Es kann sehr kurze Töne und sehr lange Töne spielen. Es kann sehr laut sein und sehr leise. Ein Akkordeon hat eine unglaubliche dynamische Bandbreite. Ein Chamäleon – musikalisch als auch stilistisch.
chilli: Dennoch die Klischees. Müsst ihr euch rechtfertigen, Akkordeon zu spielen?
Rausenberger: Rechtfertigen eigentlich nie. Aber man hört oft Sätze wie: Ich wusste gar nicht, was man mit dem Akkordeon alles spielen kann. Oder dass es so schön klingen kann.
chilli: Ist Freiburg Akkordeon-Hochburg?
Rausenberger: Ja, das von mir geleitete Freiburger Akkordeon-Orchester hat 2028 hundertjähriges Jubiläum. Es ist eines der ältesten Akkordeon-Orchester in ganz Deutschland. Wir waren schon immer auf der einen Seite ambitioniert und auf der anderen Seite gesellschaftlich sehr verankert.
chilli: Was wünschen Sie sich in diesem besonderen Jahr fürs Akkordeon?
Rausenberger: Dass viele Leute eine kleine innere Hürde überwinden und zu Konzerten kommen.
Zur Person
Volker Rausenberger (57) lebt in Heitersheim. Er leitet das Freiburger Akkordeon-Orchester und unterrichtet unter anderem an der Musikschule Freiburg. Er leitet den Deutschen Akkordeon-Lehrerverband. Live-Termine gibt’s auf www.efac.de/konzerte.
Foto: © Ellen Schmauss










