400 Überstunden: Wie ein Pfleger für seinen Job ans Limit geht Featured | 28.08.2022 | Till Neumann

Manuel Wiegert mit Patient Blinzeln zur Kommunikation: Manuel Wiegert lässt sich von seinem Patienten per Blickkontakt etwas buchstabieren.

Schon als Kind hat Manuel Wiegert seine Großeltern gepflegt. Heute kümmert er sich beruflich um Patienten. Dabei stößt er ans Limit: Hunderte Überstunden und einen Burn-out haben ihm die vergangenen Jahre gebracht. Aufgeben will er aber nicht. Von der Politik wünscht er sich vor allem eins. Dass Menschlichkeit in eine Zahl gefasst wird.

„Ich bin für die Pflege geboren“, sagt Wiegert. Der 33-Jährige hat seit Kindestagen anderen geholfen. Mit zehn Jahren zog er zu den Großeltern und kümmerte sich um seinen Opa. Als der starb, wurde die Oma dement – auch sie betreute er.

Heute arbeitet der Mann mit dem roten Hut für einen Freiburger Pflegedienst. Er macht häusliche Intensiv­pflege. Patient·innen werden dabei rund um die Uhr in ihren eigenen vier Wänden betreut. Die Pflegekräfte leisten meist 12-Stunden-Schichten. Von 8 bis 20 Uhr – oder von 20 bis 8 Uhr. Ein langer Einsatz? „Für mich ist das normal“, sagt Wiegert. Mal arbeitet er den ganzen Tag, mal die ganze Nacht. Der Körper stellt sich darauf ein.

Meist betreut er eine 20-Jährige mit einer seltenen Krankheit. Seit sechs Jahren ist er an ihrer Seite. Die prognostizierte durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 15 Jahren. Heute hilft der drahtige junge Mann bei einem Pflegefall in Kenzingen aus. Der ehemalige Chefarzt einer Klinik sitzt im Rollstuhl. Bewegen kann er sich nicht. Ein Beatmungsgerät versorgt ihn mit der nötigen Luft. Wiegert kann nur über die Augen mit ihm kommunizieren. „Einmal blinzeln heißt ja, zweimal blinzeln nein“, erklärt er.

Das Beatmungsgerät summt. Im Radio läuft „La Camisa Negra“. Wiegert startet mit dem Check der technischen Geräte. Er zieht einen Stecker, schaut, ob die Ersatzbeatmung anspringt und prüft den Druck eines Absaugers. „Wir müssen uns immer versichern, dass alles funktioniert“, erklärt der Mann in blauen Socken und rosa-schwarzen Bermuda-Shorts. Ohne die Technik könnte es lebensgefährlich werden.

Porträt Manuel Wiegert

„Für die Pflege geboren“: Trotz der Widrig­keiten – Wiegert hängt an seinem Job.

Dann meldet sich sein Patient per Blickkontakt. Wiegert zückt eine Schreibtafel und beginnt zu buchstabieren: A, B, C, D … Sein Gegenüber bestätigt Buchstaben mit einem Blinzeln. Schritt für Schritt entstehen so Worte und Sätze. Ob der Journalist ein Glas Wasser möchte, lautet seine Frage. In etwa 20 Sekunden haben sie sich verständigt. Ein eingespieltes Team.

Wiegert reagiert schnell auf Impulse. Die Handgriffe sitzen. Der Blick ist wach und zugewandt. „Einer der wichtigsten Faktoren ist das normale Leben“, sagt er. Also alles, was über die Grundversorgung hinausgeht. Mit dem ehemaligen Arzt geht sein Team beispielsweise angeln oder zum Freiburger Mundenhof. Kürzlich waren sie beim Tote-Hosen-Konzert. Solche Ausflüge sind aufwendig, zeigt Wiegert in seinem Pflegebüro nebenan. Beatmungsmaschinen muss er doppelt mitnehmen. Ein ganzer Trolli werde beladen mit der nötigen Ausrüstung.

Die langen Dienste und der große persönliche Einsatz sind für Wiegert Standard. Klemmen tut’s an anderer Stelle: „Unser Hauptproblem ist das Personal.“ Sein Arbeitgeber suche händeringend nach Leuten. Die sind wie überall rar. Sobald jemand im Team ausfalle, müsse er als Teamleiter Ersatz finden. Gerade in Corona-Zeiten war die Lage äußerst angespannt. Auch er sprang immer wieder ein – und sammelte so bis zu 400 Überstunden. Im Oktober setzte ihn ein Burn-out außer Gefecht. „Ich habe zu wenig auf mich geachtet“, sagt Wiegert. Als Leitungskraft habe er sich verantwortlich gefühlt und geholfen, wo nötig. Kumpel ließ er dafür oft sitzen. Er witzelt: „Selbst schuld, wenn sie mit einem Pfleger befreundet sind.“

Ob er seinen Traumjob für die eigene Gesundheit aufgibt? Wiegert haderte, stieg dann aber wieder ein mit dem Vorhaben: Häufiger mal nein sagen. Seitdem versucht er Überstunden abzubauen – und ist aktuell nur noch bei 200. Er ist überzeugt: „Ich bin da einfach reingeboren. Wenn ich etwas anderes mache, spüre ich es nicht hier drin.“ Dabei legt er die Hand auf sein Herz.

»Tropfen auf den heissen Stein«

Der Patient meldet sich. Er möchte ins Bett. Mit einem Lifter bringen ihn Wiegert und ein Kollege ins Schlafzimmer. Ausnahmsweise zu zweit. „Luxus“, sagen sie und lachen. Dann saugt er dem Mann Bronchialsekret mit Hilfe eines Hustenassistenten ab Über dem Bett hängen Fotos aus vergangenen Zeiten – er auf dem Rennrad in den Bergen. Oder mit seinen Kindern auf Ausflügen.

Die Politik macht Wiegert ratlos: „Der Corona-Bonus ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Bis zu 550 Euro sollen Pflegekräfte für ihren Einsatz in Pandemiezeiten bekommen. So auch Wiegert. Das Problem für ihn: „Langfristig ändert sich so nix.“ An die Politik hat er mit Blick auf den Pflegenotstand vor allem einen Wunsch: „Meine Fantasievorstellung wäre, dass Menschlichkeit in eine Zahl gefasst wird.“ Bei der Bewertung von pflegerischer Arbeit soll auch berücksichtigt werden, wie viel Liebe und Aufmerksamkeit den Bedürftigen entgegengebracht wird.

Bei aller Passion für seinen Job: Mittlerweile spielt Wiegert mit dem Gedanken, Deutschland den Rücken zu kehren. In der nahe gelegenen Schweiz seien Arbeitsbedingungen und Bezahlung besser. Seine über Jahre begleiteten Patienten will er aber eigentlich nicht im Stich lassen.

Pflegenotstand
Rund 1,7 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in der Pflege. Sie klagen über Zeitdruck, fehlendes Personal und psychische Belastung. Das Portal pflegenot-deutschland.de hat in diesem Jahr allein für Klinik-Personal etwa 93 Millionen Überstunden gezählt. Laut Bundesagentur für Arbeit blieb eine ausgeschriebene Pflegestelle 2019 rund 170 Tage unbesetzt. Prognosen zeigen, dass bis 2030 mehr als 300.000 Pflegekräfte fehlen könnten.

Fotos: © Till Neumann