Analytisch und kultig, atmosphärisch und skurril: Das sind für die chilli-Redaktion die Bücher des Jahres 2021 Featured | 31.12.2021 | chilli

Lesen

Asterix, Corona und Roadtrip: Diese Bücher haben die Redaktion 2021 begeistert.

Vokabular der Ortlosigkeit

Alphabet der SehnsuchtAuch wenn der Untertitel es nahelegen mag: Zum Vergessen sind Fatma Sagirs Texte nicht. Weder inhaltlich noch formal. Im Gegenteil: In den Geschichten und Gedichten der Freiburger Kulturanthropologin geht es um Erinnerung. Um persönliche Erinnerungen an ihre Erfahrungen als Tochter von Arbeitsmigranten aus Anatolien. Aber auch um die „offizielle und kollektive Erinnerungskultur dieses Landes“, in der die „Gastarbeiter“ fehlen – und somit auch die gesellschaftliche, kulturelle und politische Anerkennung ihrer Leistung. Diese mangelnde Anerkennung, macht Sagir in ihren atmosphärischen und zugleich analytischen Texten wider das Vergessen nachvollziehbar, wird bis in die nachfolgenden Genrationen als existenziell bedrohlich erlebt. Erika Weisser

Fatma Sagir: Alphabet der Sehnsucht – Texte zum Vergessen, Edition Schreibstimme, Uster (CH) 2021, 166 Seiten, 16,90 Euro

Kult bleibt Kult

Der gewiefte Asterix und der bärenstarke Obelix begleiten so manch einen seit Kindheitstagen. Die unbeugsamen Gallier haben ihre Erfinder überlebt – Zeichner Uderzo ist 2020 verstorben, Texter Goscinny 1977. Seit fünf Ausgaben spinnt das Gespann Ferri/Conrad die Geschichte um die raufsüchtigen und gutmütigen Krieger weiter. In Band 39 verschlägt es sie in die „Welt östlich von Rom“, das Barbaricum. Dabei kommen auch aktuelle Anspielungen wie Fake News und Verschwörungstheorien nicht zu kurz. Mag sein, dass die neuen Abenteuer nicht mehr an die alten Klassiker ranreichen. Spaß machen sie allemal – beim Teutates! Pascal Lienhard

Jean-Yves Ferri (Text) / Didier Conrad (Zeichnungen): Asterix und der Greif, Egmont Ehapa Media GmbH, 2021, 48 Seiten, Hardcover 12 Euro, Softcover 6,90 Euro

Zwei mit Visionen

Projekt LightspeedSeit bald zwei Jahren hat Corona die Welt im Griff. Dabei ist eine Wunderwaffe bereits da. Der Impfstoff des Mainzer Unternehmens BioNTech. Wie hat es das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci geschafft, in so kurzer Zeit einen so wirksamen Impfstoff herzustellen? Das zeigt der Spiegel-Bestseller „Projekt Lightspeed“ in beeindruckender Weise. Financial Times-Journalist Joe Miller hat die zwei Forscher seit März 2020 begleitet und ihre Geschichte aufgeschrieben. Das Buch erzählt die Geschichte eines Paars, das manche als Helden feiern. Es gibt Einblicke in Verhandlungen mit Regierungen und beleuchtet, wie aus einem kleinen Betrieb eine Firma wird, die Milliarden Impfdosen produziert. Doch die Geschichte dreht sich nicht allein um Covid19 – es beleuchtet auch, wie die mRNA-Technologie gegen Krebs oder HIV helfen könnte. So schlimm die Lage zum Jahresende 2021 ist: Ohne Visionäre wie Sahin und Türeci sähe es düsterer aus. Till Neumann

Joe Miller: Projekt Lightspeed, Rowohlt Buchverlag, 2021, 352 Seiten, 22 Euro

Skurriler Roadtrip

Der erste letzte TagKein Thriller. Das musste der für dieses Genre berühmte Autor extra auf das Cover schreiben. Damit niemand blind kauft und dann enttäuscht wird. Aber auch Thriller-Fans hätten dieses wunderbare Werk wohl nicht wieder zur Seite gelegt. Livius Reimer und Lea von Arnim spielen die Hauptrollen, sie treffen sich kurz vor dem Abflug im Flugzeug in München und wollen nach Berlin. Der Flug fällt aus, er hat zwar Geld, aber seinen Führerschein vergessen, sie hat einen Führerschein, aber keine Kohle. So starten sie zusammen in einem 7er BMW die lange Fahrt, die so kurzweilig, so skurril, so aberwitzige Haken schlägt, dass man oftmals einfach nur noch laut loslachen kann. Aber auf dem Roadtrip geht es zuweilen auch um die großen Fragen des Lebens. Und Hand aufs Herz: Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, heute ist Ihr letzter Tag? Also der erste letzte Tag … Lars Bargmann

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag, Droemer, 2021, 272 Seiten, 16 Euro

Alte Weisheiten

Viele Menschen sind auf der Suche nach Liebe. Viele verzweifeln, wenn sie sich einsam fühlen. Und viele scheitern mit ihren zwischenmenschlichen Beziehungen – immer und immer wieder. Aber warum ist das so? Weil es viel mehr darum geht, zu lieben, anstatt geliebt zu werden. Um Demut, Wohlwollen und Großzügigkeit – erklärte zumindest Henry Drummond vor über 100 Jahren. Paolo Coelho hat die alten Erkenntnisse für sich entdeckt und in seinem neuen Werk für die heutige Zeit adaptiert. „Und wie einfach ist es doch, freundlich zu sein. Freundlichkeit wirkt umgehend und wird nie vergessen“, heißt es etwa an einer Stelle. Mit „Und die Liebe hört niemals auf“ hat der Erfolgsautor die christliche Lehre in klassischer Coelho-Manier in weltliche Weisheiten übertragen. Beinahe jede Seite füllt eine neue Erkenntnis, Kapitel für Kapitel hat der Brasilianer so eine Anleitung fürs alltägliche Leben geschaffen. Liliane Herzberg

Paolo Coelho: Und die Liebe hört niemals auf. Nach einem Text von Henry Drummond, Diogenes Verlag, 2021, 112 Seiten, 16 Euro

Collage einer Katastrophe

Februar 33Es sind keine Heldengeschichten, die Uwe Wittstock erzählt. Aber persönlich sind sie, die Schicksale der Schriftsteller·innen, die der Literaturkritiker nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 nachzeichnet. Mit Gepäck, Koffern, einmal nur mit Regenschirm treten sie die Flucht nach Paris, Prag oder New York an. Während sich die Schlinge um Regimegegner wie Brecht oder Mann weiter zuzieht, vermutet manche·r zu Beginn dieser Chronik noch einen üblen Spuk. Aus Lampenfieber vor einem Presseball-Auftritt wird jedoch binnen weniger Wochen Existenzangst vor einem menschenverachtenden Regime. Nur einen Monat später spricht Innensenator Göring: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt durch irgendwelche juristischen Bedenken oder irgendeine Bürokratie. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts.“ Philip Thomas

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur, C. H. Beck Verlag, 2021, 288 Seiten, 24 Euro

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