chilli-Interview mit Christoph Glück über den zweiten Lockdown Featured | 13.11.2020 | chilli

Restaurant Stühle gesperrt Abgesperrt: Das Gastronomen-Leben ist 2020 eine Baustelle.

Das Hotel- und Gastronomiegewerbe wurde Anfang November erneut komplett heruntergefahren. Christoph Glück, Vorsitzender der Freiburger Kreisstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), spricht im Interview mit chilli-Autor Christian Engel über Aufschwung im Sommer, Herausforderungen im Winter – und die Zukunft von öffentlichen Außenflächen.

chilli: Zum 2. November hat die Bundesregierung einen „Lockdown light“ ausgerufen, was für Ihre Branche ziemlich zynisch geklungen haben dürfte: Hoteliers und Gastronomen mussten schließlich komplett dichtmachen. „Light“ ist was anderes, oder?
Glück: Es ist ein kompletter Lockdown für unsere Branche. Uns trifft es nicht light, sondern hart. Und vor allem: unverschuldet. Studien haben ergeben, dass die rasant steigende Verbreitung des Virus nicht auf Kneipen- und Restaurantbesuchen fußt. Wir kriegen einen Stempel aufgedrückt: Ihr seid schuld! Das tut weh und macht einen schier sprachlos.

chilli: Haben Sie es kommen sehen?
Glück: In Frankreich hatte man zahlreiche Restaurants schon früh heruntergefahren. Da war mir klar, dass uns so etwas auch blühen kann.

chilli: Bereits im Frühjahr waren Gastronomie und Tourismus außer Gefecht gesetzt. Über den Sommer allerdings schien es wieder ordentlich zu laufen …
Glück: Am Ende des Jahres werden Hotels und Gastronomiebetriebe in Freiburg in der Summe 40 Prozent weniger umgesetzt haben, manche mehr, manche weniger. Aber zum Glück hatten wir noch diesen Sommer: Die Leute sind wieder rausgegangen, Touristen waren vor Ort, viele haben im Inland Urlaub gemacht, auch im schönen Freiburg – da wurde aus einem dunkelblauen Auge der Hoteliers und Gastronomen langsam ein Veilchen. Wir konnten wieder atmen.

chilli: Lag wohl auch an der frischen Luft, die Sie und Ihre Kollegen bei der Arbeit vermehrt abbekommen haben, schließlich wurde Gastronomen ein Sonderrecht gewährt, auf öffentlichen Außenflächen zu bedienen.
Glück: Diese Sondernutzung, die der Gemeinderat im Frühjahr beschlossen und im Oktober verlängert hatte, hat viele Gastronomen gerettet. Die Außenplätze wurden von den Gästen sensationell angenommen, weil jeder, auch wegen der Pandemie, am liebsten an der frischen Luft sitzen wollte.

Christoph Glueck

chilli: Da hockten die Menschen zum Teil auf umgebauten Parkplätzen.
Glück: Super, oder? Wie die Parklets etwa das Sedanviertel verändert haben, war doch toll. Die Außenflächen haben nicht nur den Gastronomen gutgetan, weil sie ihre Tische besetzt bekamen, sondern auch dem Freiburger Stadtbild: Da fand draußen soziales Leben statt, und die Bereiche waren sauberer als je zuvor, weil plötzlich der Gastronom ein Interesse daran hatte, sie zu pflegen.

chilli:Aber nicht alle Innenstadtbewohner sind gleichermaßen begeistert, manche murren jetzt schon, weil sie keine Parkplätze mehr finden.
Glück: Das ist für mich kein Widerspruch. Überall dort, wo der Mensch den öffentlichen Raum nutzt, kann das Auto zurückstecken. Im Sedanquartier hätte ich keine Probleme damit, das Anwohnerparken deutlich auszuweiten, als Kompensation für die Parklets. Der Individualverkehr kann hier beispielsweise in die Tiefgarage des Konzerthauses ausweichen.

chilli: Kleiner Dämpfer zum Schluss: Der November ist für die Katz – und der Winter fängt erst noch richtig an. Kriegen Sie bereits Kopfweh beim Gedanken an die kommenden Monate?
Glück: Als Gastronom steckt man seinen Kopf niemals in den Sand, wir müssen uns ja ständig neuen Trends anpassen, das haben meine Kolleginnen und Kollegen auch während der Corona-Pandemie meist gut gelöst: die Maßnahmen umgesetzt, Lieferservices angeboten, die Sommermonate genutzt. Aber ja, der Winter wird uns vor besondere Herausforderungen stellen: Falls wir im Dezember wieder normal öffnen können, was wird dann aus Weihnachts- und Silvesterfeiern? Kommen die Gäste wieder oder bleiben sie ängstlich daheim? Im Endeffekt steht und fällt alles mit dem Gast: Wenn er seine Kneipe oder sein Restaurant wieder besucht, kommen wir über die Runden. Wenn nicht, fängt die Krise für uns erst so richtig an.

Zur Person

Christoph Glück, 43, ist seit sechs Jahren erster Vorsitzender des Dehoga Freiburg. Er ist Stadtrat, Wirt im Gasthaus Schiff und Mitinhaber des Roten Bären.

Fotos: © iStock/ Let pictures tell the Story, Christian Engel