„Ergebnis gescheiterter Friedenspolitik“ Featured | 12.05.2022 | Philip Thomas

Portrait: Karen Hinrichs „Euphorie, Waffen zu liefern, finde ich irritierend“: Karen Hinrichs

Als erste Hochschule in Deutschland bietet die Evangelische Hochschule in Freiburg den Masterstudiengang Friedenspädagogik an. Laut Leiterin Karen Hinrichs schließt das Angebot eine Lücke in einem noch jungen Forschungsfeld. Im Interview mit chilli-Redakteur Philip Thomas spricht die 63-Jährige über den Studienstart, den pädagogischen Schwerpunkt und den Krieg in der Ukraine. 

chilli: Frau Hinrichs, am 3. März ist der Master „Peace Education“ an der Evangelischen Hochschule gestartet – eine Woche nachdem Russland die Ukraine überfallen hat. Beeinflusst dieser Krieg Ihre Arbeit?
Karin Hinrichs: Natürlich. Der Krieg in der Ukraine war nicht nur in jeder Rede der Eröffnungsveranstaltung präsent. In jedem Gespräch an der Hochschule, in dem es um Frieden geht, werden Kriegsursachen und Möglichkeiten zur Deeskalation diskutiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob dieser Krieg vermeidbar war. In der Friedensforschung gibt es dazu verschiedene Antworten. Nicht wenige sagen, es hätte nicht so weit kommen müssen. 

chilli: Was steht abseits dieser Gespräche auf dem Stundenplan?
K. Hinrichs: Der Studiengang schließt eine Lücke. Im deutschsprachigen Raum ist die Friedens- und Konfliktforschung eine junge Disziplin. Die bisherigen Studiengänge sind politikwissenschaftlich oder juristisch orientiert, das gehört bei uns zu den Grundlagen. In Freiburg werden die Studierenden ausgebildet für den Bildungsbereich, für Gewaltprävention und die praktische Friedensarbeit in zivilgesellschaftlichen Initiativen, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen oder Religionsgemeinschaften. 

chilli: Dieses Engagement scheint notwendig. Laut Außenministerin Annalena Baerbock sind wir am Tag des Angriffs auf die Ukraine „in einer anderen Welt aufgewacht“.
K. Hinrichs: Mit dieser Aussage habe ich große Schwierigkeiten: Es ist dieselbe schreckliche Welt, in der sich Menschen unvorstellbare Dinge antun, in der Menschen im Mittelmeer ertrinken und wir hier wenig dagegen tun. Dieselbe Welt, in der Menschen bombardiert werden, in der Ukraine und im Jemen. 

chilli: Geändert hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung die Notwendigkeit von Waffen. Die Verkündung des Kanzlers, die Bundeswehr mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro auszustatten, wurde im Bundestag mit Applaus begrüßt.
K. Hinrichs: Diese Euphorie, Waffen zu liefern, finde ich irritierend, weil nicht mit gleichem Nachdruck die Sanktionen gegen Russland verschärft werden. Dass das Sondervermögen ohne öffentliche Debatte beschlossen wurde, halte ich ebenso für problematisch: Das sind Gelder, die woanders dringend gebraucht werden. Etwa, um mit den Folgen des Klimawandels und der Pandemie zurechtzukommen. Die Mittel werden überall fehlen.

chilli: Frieden durch Abschreckung ist für Sie ein Widerspruch?
K. Hinrichs: Ich sehe den Ukrainekrieg als Scheitern einer Politik, die auf Abschreckung und Konfrontation setzt. Natürlich trägt Putin die Hauptschuld an dieser Katastrophe, sie ist aber auch ein Ergebnis gescheiterter Friedenspolitik. Es ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen, Russland in eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur einzubinden. Dem Krieg vorausgegangen ist offenbar ein multiples politisches Organversagen, das nun auf dem Rücken der Zivilbevölkerung in der Ukraine ausgetragen wird. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg wird die Friedens- und Konfliktforschung noch lange beschäftigen.

chilli: Frau Hinrichs, vielen Dank für das Gespräch.

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