Das Stigma ist gewaltig: Analphabeten in Freiburg: Bis zu 20.000 Menschen mit geringer Literarität Featured | 03.04.2021 | Philip Thomas

Buchstaben

Schätzungsweise 6,2 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben und gelten als Analphabeten. Ihre Angst, in der Leistungsgesellschaft entdeckt zu werden, ist groß. Gründe für das Handicap gibt es genug. Aber auch Erfolgsgeschichten und Wege aus der Schriftlosigkeit sind vielfältig.

„Können Sie das bitte kurz ausfüllen?“ Ein Satz, vor dem sich viele Analphabeten fürchten. Wie viele in Freiburg genau leben, ist schwer zu bestimmen. „Es sind mehr, als man denkt“, sagt jedenfalls Daniel Mühl, Leiter des Bereichs Grundbildung an der Volkshochschule Freiburg, der derzeit rund 40 unterrichtet. Er schätzt, dass im gesamten Stadtgebiet 15.000 bis 20.000 Menschen mit geringer Literarität wohnen.

Laut einer 2019 von der Universität Hamburg veröffentlichten Studie besitzen drei von vier einen Schulabschluss, mehr als 60 Prozent haben einen Job, trotzdem möchte so gut wie jeder Analphabet unerkannt bleiben. Deutschland ist eine Wissensgesellschaft, sozialer Aufstieg ist mit Bildung verbunden. „Das Stigma ist gewaltig, sich Hilfe zu suchen, erfordert wahnsinnigen Mut“, so Mühl.

Den Begriff „Funktionaler Analphabet“ lehnt er ab. „Das sind keine dummen Menschen, gering Literarisierte nutzen bloß andere Mechanismen“, betont der Bildungshelfer. Viele hätten eine problematische Schulzeit erlitten, sich danach aber Systeme aufgebaut, die um Lesen und Schreiben herumführen. „Ich bin da jedes Mal überrascht“, sagt der 35-Jährige. Ihr Aufwand sei oft immens. Mühl habe schon erlebt, dass Analphabeten alle rund 1500 Fragen der deutschen Führerscheinprüfung auswendig lernten. „Diese Strategien stoßen allerdings an Grenzen, wenn sich Dinge wie Orientierungspunkte oder Fahrpläne ändern“, sagt er.

Auch Adrian Eppel vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung weiß um die starke Stigmatisierung. „Statt Hilfe zu suchen, schämen sich viele“, sagt er. Bei einigen gehe die Angst vor der Entdeckung so weit, dass sich die Betroffenen vor Behördengängen selbst an den Händen verletzten, nur um keinen Stift halten zu müssen.

Er nimmt die Gesellschaft in die Pflicht: „Ein Mensch mit geringer Literarisierung sollte angesehen werden, wie jemand, der nicht gut Kopfrechnen kann.“ Um das Stigma zu bekämpfen und Wege aus der Schriftlosigkeit anzubieten, sei es wichtig, den Betroffenen auf Augenhöhe zu begegnen.

Das wünscht sich auch Lamin S., der 2014 aus Gambia nach Deutschland kam. In Westafrika habe der Geflüchtete ausschließlich die Grundschule besucht. „Die Sprache hier ist ein bisschen schwierig“, sagt der bei der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg angestellte. Nach Feierabend drückt der 31-Jährige daher zweimal die Woche die Schulbank in der Freiburger Volkshochschule. „Das läuft gut“, sagt er.

Bei Briefen und Formularen müsse ihm aber nach wie vor seine Freundin helfen. Die Sprache in der Post vom Amt für Migration und Integration sei stellenweise schwieriges Beamtendeutsch. Seinen Alltag meistere er in der Regel ganz gut. Scham aufgrund seiner geringen Literarisierung empfindet er nicht. „Die Leute sind deswegen manchmal nur ein bisschen überrascht“, sagt er.

Für Menschen mit anderer Herkunftssprache ist das Stigma laut Mühl nicht so stark ausgeprägt. Bei Muttersprachlern sei das anders. Schätzungsweise 300.000 erwachsene Menschen in Deutschland können bloß einzelne Buchstaben lesen oder schreiben. Eine von ihnen war Ute Holschumacher. Aufgewachsen mit acht Geschwistern, ging die heute 58-Jährige nach der 8. Klasse von der Sonderschule ab, ohne lesen und schreiben zu können. „Ich bin damals durchgerasselt“, berichtet sie. Mit 18 wurde sie Mutter. Um ihre Tochter versorgen zu können, habe sie als Zimmermädchen gearbeitet. „Da fingen die Probleme an“, erinnert sie sich.

Analphabetin Ute Holschumacher

Hat sich nicht abgeschrieben: Ute Holschumacher lernte im Alter von 51 Jahren Lesen und Schreiben.

Die junge Mutter habe etwa Etiketten auf benötigter Babynahrung nicht entziffern können: „Ich konnte nicht in die Drogerie. Also bin ich zum Arzt gegangen, damit der mir erklärt, was ich brauche.“ Um beim Behördengang keine Formulare ausfüllen zu müssen, habe auch sie sich den Arm verbunden. „Ich hatte viele Tricks“, sagt sie. Im Krankenhaus habe sie Dokumente unterschrieben, von denen sie nicht wusste, was drinsteht. Bei der Bank hätten sich Schulden gehäuft, weil die Analphabetin keine Überweisungen schreiben konnte. „Das war die Hölle“, erzählt sie.

17 Jahre lang arbeitete Holschumacher als Küchenhilfe in Stuttgart. Dort habe sie aus ihrer geringen Literarität keinen Hehl gemacht. Das Handwerk habe ihr keine Probleme bereitet: „Ich musste dort nichts lesen. Es hat immer allen geschmeckt.“ Heikel wurde es nur, wenn sie in einer anderen Küche aushelfen und den Weg dorthin finden sollte: „Ich konnte Straßenschilder nicht lesen.“ Schon sich durchzufragen, habe Überwindung gekostet: „Ich habe auf der Hermannstraße nach der Hermannstraße gefragt. Das war demütigend.“

Ich hatte viele Tricks

Bloß einen kleinen Kreis weihte sie in ihr Geheimnis ein: Ihre Tochter, die Abitur gemacht hat, habe ihr bei Anträgen geholfen: „Ich wollte sonst keine Hilfe.“ Andere Teile ihrer Familie ließ sie im Unwissen. Ihr eigener Enkel habe sie allerdings irgendwann durchschaut. „Der hat gemerkt, dass meine Gute-Nacht-Geschichten nicht die sind, die seine Mutter aus demselben Buch vorliest“, sagt die Großmutter. Später habe er seine Oma direkt gefragt, ob sie nicht lesen könne. „Der meinte das gar nicht böse“, erinnert sie sich.

Im Alter von 51 Jahren hatte Holschumacher genug vom Versteckspiel. „Ich habe im Jobcenter einfach gesagt, dass ich nicht lesen und schreiben kann.“ Es sei eine der besten Entscheidungen des Lebens gewesen. Einen zweijährigen Aufbaukurs und vier Jahre Volkshochschule später schreibt Holschumacher kurze Texte und liest ganze Bücher. „Das ist unglaublich befreiend für mich“, sagt sie. Geübt habe sie, wo es nur ging: Mit 52 Jahren schrieb Ute Holschumacher ihrer Tochter die erste Geburtstagskarte.

 

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