»Es geht um die Existenz«: Preissteigerungen treffen überschuldete Menschen in Freiburg besonders hart Featured | 05.08.2022 | Philip Thomas

Illustration von einer Familie, die Angst um ihre Existenz hat

Mieten, Lebensmittel- und Energiekosten steigen. Besonders betroffen sind jene, die nicht nur wenig Geld, sondern Schulden haben. Beratungsstellen in der Stadt melden verstärkte Nachfrage. Eine Freiburgerin, die sich nach drei Jahren aus der Überschuldung befreit hat, fürchtet, bald wieder rote Zahlen zu schreiben. Eine Sozialarbeiterin sagt: „Bei vielen geht es bereits jetzt um die Existenz.“

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland sind laut einer aktuellen Untersuchung des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) überschuldet. Ihr Einkommen deckt die monatlichen Ausgaben nicht – mit jedem Kalenderblatt wächst auf dem Konto das Minus. 

Marisa Käufer (Name von der Redaktion geändert) ist Teil dieser Statistik. Während ihrer Ausbildung in Freiburg verdiente die junge Frau monatlich rund 650 Euro netto. Dem gegenüber standen Verbindlichkeiten von knapp 850 Euro für Auto, Verträge und Miete. 

Durch die Pandemie brach Käufers Nebenjob in der Gastronomie weg. „Auf den war ich angewiesen“, sagt Käufer. Leni Rimpler von der Finanzberatung des Freiburger Studierendenwerks kennt das Problem: „Durch Corona sind riesige Finanzierungslücken entstanden.“ Gelder wie die Studiennothilfe der Albert-Ludwigs-Universität von bis zu 300 Euro im Monat sowie der Nothilfefonds des Landes, ein zinsloses Darlehen oder die Überbrückungshilfe des Bundes (ein Zuschuss von 100 bis 500 Euro) seien gute Instrumente, letztlich aber nur kurzfristige Lösungen gewesen. Heute gibt es neue Töpfe wie das Studienabschlussdarlehen in Höhe von maximal 7200 Euro. 

Zahlreiche junge Menschen in Deutschland nehmen für ihre Ausbildung deswegen einen Kredit auf. Von 2010 bis 2020 waren es allein bei der KfW-Bank eine Viertelmillion Studierende. „Für viele ist es Realität, verschuldet aus dem Studium zu kommen“, kommentiert Rimpler.

»Durch die Inflation laufen bei uns die Telefone heiß«

Überschuldete wenden einen außerordentlichen Anteil ihres Einkommens dafür auf, ein Dach über dem Kopf zu haben: Laut Statistischem Bundesamt gaben Überschuldete vergangenes Jahr 38 Prozent ihres durchschnittlichen Einkommens von 1368 Euro für die Warmmiete (im Schnitt 520 Euro) aus. Bei der Gesamtbevölkerung liegt dieser Wert bei 22 Prozent.

Dazu kamen bei Käufer jeden Monat noch mal etwa 500 Euro, um den Kühlschrank zu füllen. Am Ende ihrer Lehrjahre zwischen 2019 und 2022 hatte sie Schulden im vierstelligen Bereich. „Ich konnte immer nur die dringendste Mahnung zahlen“, sagt sie. Buch geführt hat sie nicht. Auch damit ist sie nicht allein: Bei etwa jeder vierten Person unter 25 Jahren, die 2018 eine Schuldenberatungsstelle aufsuchte, war unwirtschaftliche Haushaltsführung der Hauptgrund für die finanzielle Schieflage, weiß das Bundesamt.

Ein weiterer Faktor sind Handyverträge. Knapp zwei Drittel (65 Prozent) der unter 25-Jährigen, die im Jahr 2018 eine Schuldenberatungsstelle aufsuchten, hatten Verbindlichkeiten von durchschnittlich 1573 Euro bei Telekom, Vodafone und Co. Das entspricht einem Sechstel der durchschnittlichen Schuldenhöhe von 8849 Euro. Auch Käufer zahlte jeden Monat knapp 100 Euro für ein Zweithandy, das sie gar nicht brauchte. „Der Vertrag wurde mir aufgeschwatzt“, erklärt sie.

So wie Käufer sind viele Schuldner vergleichsweise jung. Fast jeder Dritte der insgesamt 574.523 Menschen, der laut Bundesamt vergangenes Jahr eine Schuldenberatungsstelle kontaktierte, war nicht älter als 35 Jahre. Bei der Schuldnerberatung der Freiburger Caritas war knapp die Hälfte (155) der insgesamt 319 Hilfesuchenden unter 40. „Durch Verteuerung und Inflation laufen bei uns die Telefone heiß“, sagt Sladana Wehrle-Paradzik bei der kirchlichen Schuldenberatungsstelle. Derzeit müssen Schuldner dort für einen Termin bis Mitte Oktober warten. 

Auch bei der Schuldnerberatung beim Freiburger Amt für Soziales ist laut Sachgebietsleiterin Susanne Steck ein pandemiebedingter Rückstau entstanden. Jährlich kümmert sie sich um außergerichtliche
Einigungen und Insolvenzverfahren von
rund 300 Menschen, die Grundsicherung für Arbeitssuchende, „Hartz 4“, beziehen.

Laut Wehrle-Paradzik verschafft das zweite Entlastungspaket der Bundesregierung zahlreichen Freiburger Familien ein wenig Luft: „Gerade durch das 9-Euro-Ticket haben viele aktuell mehr Geld in der Tasche.“ Insgesamt sei die wirtschaftliche Lage für Angestellte im Niedriglohnsektor aber katastrophal. „Bei vielen geht es bereits jetzt um die Existenz“, betont die Sozialarbeiterin. Auch Käufer blickt angesichts steigender Lebenshaltungskosten sorgenvoll in den Herbst: „Ich habe ein mulmiges Gefühl.“

Illustration: © iStock.com/BRO Vector