Euphorie vorm Anpfiff: Stadion-Grundsteinlegung vor wohl einmaliger Kulisse Featured | 12.04.2019 | Lars Bargmann

Stadion Visualisierung

Was für ein Auftrieb: Es war zahlenmäßig wohl die größte Grundsteinlegung in der Geschichte der Stadt Freiburg, als am 29. März rund 500 geladene Gäste den Rednern zuhörten, die vom neuen Stadion für den Sportclub Freiburg sprachen. Und es war Teil der Dramaturgie, dass kurz zuvor die Segler am Flugplatz ihre Klagen gegen den Bau zurückgezogen hatten, weil das Rathaus ihnen eine neue Piste gebaut hat.

Oberbürgermeister Martin Horn, der seinem Vorgänger Dieter Salomon und dem Finanzbürgermeister a. D., Otto Neideck, für die Vorarbeit dankte, war offenbar vom Andrang so gerührt, dass er sich zu der Aussage vordribbelte, er würde gerne mal ein Championsleague-Spiel in der neuen „engen Hütte“ (SC-Coach Christian Streich) sehen. Und vielleicht, das werde gerade geprüft, bekäme die neue, „Maßstäbe setzende“ Arena auch noch „die größte Solaranlage auf einem Stadion in der ganzen Welt“.

Die baden-württembergische Finanzministerin Edith Sitzmann wünschte den Anwesenden „drei Punkte gegen die Bayern (es wurde ja sogar einer), SC-Finanzvorstand Oliver Leki freute sich nicht nur über das herrliche Wetter, sondern auch darüber, dass der Verein mit dem Stadion die Voraussetzung schafft, wettbewerbsfähig zu bleiben: „Der SC muss wachsen, ohne seine Seele zu verlieren.“ Präsident Fritz Keller, der das Vorgehen der Stadiongegner vor dem Bürgerentscheid immer noch nicht ganz verdaut hat, sprach von einem „Tag der Dankbarkeit“. Niklot von Bülow, technischer Vorstand des Generalunternehmers Köster, hat als Berliner „den Ehrgeiz, dass das Freiburger Stadion noch vor unserem Flughafen“ eröffnet wird und dass der Bau „auch für uns ein Highlight ist“.

Gerhard Feldmeyer, geschäftsführender Gesellschafter der HPP Architekten, meinte: „Wir sind hier ganz nah an 100 Prozent gekommen.“ Wenn Architekten heute noch Monumente bauen, dann seien es Stadien. Das in Freiburg werde „in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzen“. Viel Euphorie schon vorm ersten Anpfiff, der im August 2020 ertönen soll.

Spatenstich

Einer fehlt noch, dann wäre eine ganze Fußballmannschaft zum Spatenstich aufgelaufen: Finanzministerin Edith Sitzmann brachte immerhin einen Tupfer Weiblichkeit in den Akt.

Nüchtern betrachtet engagiert sich das Land mit 16 Millionen Euro an der nötigen Infrastruktur, der Sportclub zahlt 27 Millionen direkt in die Finanzierung und will den Kapitaldienst für die maximal 40 Millionen Euro schweren Kredite durch seine Pachten so lange selber tilgen, bis die Null steht. Schafft er das nicht, bürgt das Rathaus mit bis zu 32 Millionen Euro.

Das Stadion fasst 34.700 Plätze (darunter 12.400 ohne Sitz) und kostet nach heutiger Planung 76,45 Millionen Euro. Die Infrastruktur verschlingt 55 Millionen, das mit knapp 13,7 Millionen Euro bewertete Grundstück bringt die Stadt als Kommanditeinlage in die eigens gegründete Stadiongesellschaft ein. Unterm Strich stehen 145 Millionen Euro. Baubürgermeister Martin Haag sagte: „Wenn weiterhin alles so klappt, schaffen wir es, dass im nächsten Jahr bereits gespielt wird.“ Auch wenn drumherum noch nicht alles fertig sein werde.

Das Ende nahen sahen lange Zeit die Segelflieger. Über Jahre hinweg fürchteten sie um ihren Verbleib am Flugplatz. Doch nun scheinen sich die Wogen zu glätten. „Mit der Genehmigung der Grasbahn gibt es wieder eine Möglichkeit für den Segelflug in Freiburg“, sagt Jan Vogt. Er ist Pressesprecher des Breisgauvereins für Segelflug, dem größten der drei Segelflugvereine am Flugplatz.

Die 1063 Meter lange neue Grasbahn wurde Ende März an die Segelflieger übergeben. Ihre Klage gegen den Stadion-Bau haben sie damit zurückgezogen. Sobald die Bahn formal genehmigt ist, wollen sie diese gänzlich fallenlassen. Alles paletti ist damit dennoch nicht. „Das Hauptproblem bleibt: das Stadion liegt bei der Hauptwindrichtung im Luv der beiden Bahnen“, sagt Vogt. Verwirbelungen könnten den Fliegern bei der Landung zusetzen.

flugplatz

Die Segelflieger haben nun eine neue Graspiste östlich der Lande­bahn bekommen und ihre Klage daher zurückgezogen.

„Wir sind jetzt 60 Meter weiter weg vom Stadion als bei den früheren Bahnen, die Verhältnisse sind viel besser“, sagt Anwalt Michael Bender, der die Segelflieger vertritt. Er betont aber auch: „Den Härtetest wird’s erst geben, wenn das Stadion steht.“ Keiner könne wissen, wie sich da genau fliegen lasse. Denn eine vergleichbare Situation gebe es bisher nirgendwo.

Sicher ist, dass das Fliegen vor, während und nach den Spielen nicht möglich sein wird. Ein „signifikantes“ Handicap, wie Bender sagt. Dennoch sei man froh über den Kompromiss. „Die Einschränkungen sind wir gerne bereit für eine gute Nachbarschaft in Kauf zu nehmen“, betont Vogt.

Auch Udo Harter ist mittlerweile besänftigt. Der Leiter der Flugschule am Platz hatte selbst jahrelang mitgestritten. „Es geht jetzt darum, eine gute Nachbarschaft aufzubauen und die Synergieeffekte, die ein Stadion und der Flugplatz haben, zu nutzen“, sagt der Pilot.

Die gibt’s auch für Auswärtsteams. Sie haben in Freiburg künftig den kürzestmöglichen Weg vom Flughafen zum Stadion. Ein einzigartiger Luxus, der dem SC hoffentlich nicht zum Nachteil wird. Denn lange Reisen machen müde. Und müde Gegner spielen schlechter als fitte.

Vor dem Verwaltungsgericht Freiburg (VG) spielen andere Gegner, sechs Anwohner aus dem Stadtteil Mooswald, nun noch mindestens bis in den April hinein gegen das Stadion: Dann wird das Gericht über das Eilverfahren entscheiden, das den Stopp des Stadionbaus bis zur Hauptverhandlung bedeuten könnte. Bei der ist die Klage gar nicht gegen das Bauwerk gerichtet, wie die BZ berichtet, sondern gegen die Nutzung als Fußballstadion. Wegen des Lärms. Euphorie kann auch mal laut sein. Ob das die Richter aber bei nur rund 20 Ereignissen im Jahr als unzumutbar einschätzen werden?

Visualisierung: © HPP Koester, Fotos: © Lars Bargmann, Till Neumann