„Fake News im Spiel“: chilli-Interview mit Freiburgs Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach Featured | 21.12.2025 | Lars Bargmann

Ulrich von Kirchbach Rück- und Ausblick: Lars Bargmann (links) interviewt Ulrich von Kirchbach.

Seit Gründung des Freiburger Stadtmagazins ­chilli, seit 2004, veröffentlichen wir in der Weihnachtsausgabe Interviews mit Ulrich von Kirchbach. Der Kultur- und Sozialbürgermeister, seit 2018 auch Erster Bürgermeister von Freiburg, wird Ende März in den Ruhestand gehen. Das 22. ist mithin unser letztes Interview mit dem Sozialdemokraten. Eines über kulturpolitische Meilensteine, den Einfluss sozialer Medien, generationengerechtes Handeln und die Demokratie.

chilli: Herr von Kirchbach, spätestens am 31. März werden Sie nach dann 24 Jahren ihren Schreibtisch im Rathaus räumen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge?

von Kirchbach: Mit einem sehr guten Gefühl. Wenn man geht und die Leute sagen „schade“, ist das besser, als wenn sie sagen würden, der hat seinen Abgang verpasst. Jetzt freue ich mich auf eine neue Phase, wo ich nicht mehr determiniert bin vom Terminkalender, sondern mehr Freiheiten habe. Drei größere Reisen mit meiner Frau sind schon geplant.

chilli: Ein weinendes Auge gibt es nicht? Manche leiden ja im Ruhestand am Bedeutungsverlust.

von Kirchbach: Bürgermeister ist ein Amt auf Zeit. Man kann auch ein erfülltes Leben führen, ohne dass man eine Funktion hat. Ich gehe davon aus, dass ich keine Probleme haben werde, den Übergang gut zu gestalten.

chilli: Qua Amt sind Sie in vielen Gremien. Gibt es einen Posten, den Sie behalten werden?

von Kirchbach: Ich werde weiter als Vorsitzender der Alemannischen Bühne arbeiten, das macht mir wahnsinnig Spaß.

chilli: Das wichtigste Ereignis bis Ende März wird die Eröffnung des Augustinermuseums am 28. Februar sein?

von Kirchbach: Das ist zumindest ein Thema, das mich vom ersten Tag meiner Amtszeit bis zum Schluss begleitet hat. Es ist mir aber tatsächlich wichtig, dass wir die Eröffnung noch in meiner Zeit schaffen.

chilli: Aus anfangs 23 sind am Ende fast 100 Millionen geworden.

von Kirchbach: Der Gemeinderat ist den Weg, der wirklich nicht einfach war, immer mitgegangen. Das ist das größte kulturpolitische Werk, das wir realisieren konnten, die größte Investition. Man konnte am Anfang ja nicht wissen, was alles an Baukosten bei diesem Baudenkmal auf uns zukommen würde. Die Baukosten belaufen sich, ohne die fest verbaute Einrichtung, auf insgesamt 92,3 Millionen Euro.

chilli: In Ihre Amtszeiten fielen drei Bürgerentscheide: über den Verkauf der Freiburger Stadtbau, den Bau eines neuen SC-Stadions und den Bau des Stadtteils Dietenbach. Welcher hat sie am meisten bewegt?

von Kirchbach: Ich bin zwar ein begeisterter Fußballfan, aber Dietenbach ist natürlich sehr viel existenzieller für die Lebensbedürfnisse der Stadt. Und in diesem Zusammenhang war es natürlich auch wichtig, dass wir nach wie vor die Stadtbau haben. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es hier aussähe, wenn die Stadtbau tatsächlich privatisiert worden wäre.

chilli: 1995 gab es den Bürgerentscheid pro Flugplatz statt einer geplanten Bebauung. In Freiburg tobt ein heftiger Flächenkampf, von Grün-, Sport-, Gewerbe- und Wohnflächen. Der Flugplatz böte viele Möglichkeiten.

von Kirchbach: 1995 ist der Bürger­entscheid deshalb so deutlich ausgefallen, weil die Menschen Angst vor einem großen Wohngebiet mit Hochhäusern hatten. Wenn man den Flugplatz in ein paar Jahren aufgeben will, braucht man ein sehr gutes Konzept. Die Zukunft des Flugplatzes könnte auch ein Thema im Wahlkampf werden.

chilli: 2010 zogen Sie gegen „Ihren“ OB Dieter Salomon in den Wahlkampf um den Chefsessel im Rathaus und zogen den Kürzeren. Gab es damals einen Moment, wo Sie hinwerfen wollten?

von Kirchbach: Ich bin damals angetreten, weil eine Auswahl zur Demokratie gehört, und ich wollte mir selber auch nicht vorwerfen, es nicht zumindest versucht zu haben.

chilli: Das erste halbe Jahr nach der Wahl …

von Kirchbach: … war tatsächlich schwer. Aber danach haben wir uns zusammengesetzt,  professionell miteinander gearbeitet und menschlich ist das auch schon lange vollkommen entspannt. Ich habe aber nie daran gedacht, das Amt in Freiburg aufzugeben, obwohl ich auch Angebote von größeren Städten hatte. Aber meine Frau wollte auf keinen Fall aus Freiburg weggehen.

chilli: Die SPD wird wie 2018 wieder keinen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, sondern unterstützt den Amtsinhaber Martin Horn. Weil?

von Kirchbach: Die SPD hat Martin Horn ja schon 2018 unterstützt. Es war eine mutige Entscheidung, einen unbekannten jungen Kandidaten gegen Dieter Salomon ins Rennen zu schicken. Die SPD ist mit Horns Politik zufrieden, sie braucht keinen eigenen Kandidaten. Wir haben mit Horn, Monika Stein und anderen Anwärtern übrigens eine Auswahl, um die uns sicher viele Städte beneiden, in denen es teilweise Stichwahlen mit AfD-Kandidaten gibt.

chilli: Als sie 2002 als Kultur- und Sozialbürgermeister ins Rathaus einzogen, war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Die rot-grüne Koalition wurde knapp wiedergewählt, Elbe-Hochwasser, die Einführung des Euro als Bargeld waren beherrschende Themen in dem Jahr. Heute lesen wir täglich Kriegsnachrichten, autokratische Typen in Ost und West sind ebenso auf dem Vormarsch wie Rechtspopulisten. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

von Kirchbach: Auf der einen Seite ist die Welt komplexer geworden. Auf der anderen Seite sind die sozialen Medien dazugekommen und mit ihnen die Simplifizierer, die Vereinfacher, und die Leute, die mit Fake News die Welt erklären und so gegen unsere staatliche Grundordnung agieren. Und die gewinnen damit Zulauf. Die Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, und es ist sehr wichtig, dass man gute und konstruktive Politik macht, in den politischen Nahkampf geht und sich den Herausforderungen und Sorgen der Menschen stellt. Es ist wichtig, dass die Leute sehen, da ringen Politiker um die beste Lösung und die machen vielleicht nicht alles richtig, aber zumindest nehmen sie ihnen ab, dass sie es ernst meinen.

chilli: Wenn sich aber drei Parteien lieber vor den Medien streiten, als um die richtige Lösung zu ringen …

von Kirchbach: Die Ampel-Koalition hatte viel Mühe mit den gefundenen Kompromissen …

chilli: … die schwarz-rote Koalition macht es bisher auch nicht viel besser.

von Kirchbach: Streit wird von den Medien immer besonders hervorgehoben. Und was positiv läuft, geht dann meistens etwas unter.

chilli: Ein Beispiel?

von Kirchbach: Nehmen wir die Jobcenter. Die neue Regierung hat die schmerzhaften Kürzungen nicht nur zurückgenommen, sondern mehr Geld gegeben.

chilli: Das unwürdige Schauspiel um die Besetzung eines Richteramts beim Bundesverfassungsgericht ist tatsächlich aus Journalistensicht das spannendere Thema.

von Kirchbach: Das war wirklich total daneben. Aber auch da waren Fake News im Spiel, und plötzlich kam eine Stimmung auf, die am Ende dazu führte, dass Frauke Brosius-
Gersdorf zurückzog.

chilli: Wochenlang lief der Rentenstreit vor den Kameras.

von Kirchbach: Das steht so im Koalitionsvertrag. Die SPD kann auch nicht alles schlucken. Und Neuwahlen kann auch niemand wollen. Im Endeffekt geht es darum, dass die Koalition eine andere Performance abliefert. Sonst erhöht sich die Zahl der Unzufriedenen, die früher nicht zur Wahl gegangen sind und dann vielfach AfD wählen. Obwohl sie nicht mal deren Parteiprogramme lesen.

chilli: Und das Ganze wird garniert mit einer schwächelnden Wirtschaft.

von Kirchbach: Beispielsweise Stuttgart erhält eine Milliarde Euro Gewerbesteuer weniger. Es ist trotzdem ganz wichtig, dass Bund und Länder die Kommunen so ausstatten, dass sie ihre Aufgaben bewältigen können. In den Kommunen entscheidet sich, welches Verhältnis die Leute zur Demokratie entwickeln. Wenn es an Kitaplätzen fehlt oder Schwimmbäder geschlossen werden, das kulturelle Angebot abgebaut wird und die soziale Infrastruktur wegbricht, dann wird es ganz schlimm. Uns in Freiburg geht es da noch verhältnismäßig gut, wir haben zusammen mit Heilbronn noch einen ausgeglichenen Haushalt. Das sieht in Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim ganz anders aus. Von Baden-Baden ganz zu schweigen.

chilli: Es gibt auch eine andere Lesart: Als Martin Horn 2018 Oberbürgermeister wurde, stand das Rathaus mit 188 Millionen in der Kreide. Ende 2026 werden es wohl 440 Millionen sein. Ist das Anhäufen des Schuldenbergs generationengerechtes Handeln?

von Kirchbach: 440 Millionen sind es nur, wenn wir die Kreditermächtigungen voll ausschöpfen. Aber selbst wenn wir sie ausschöpfen, dann hätten wir eine Verschuldung von etwa 1800 Euro pro Einwohner. Wenn Sie das mit dem Bundeshaushalt oder auch dem Haushalt von anderen europäischen Ländern vergleichen, ist das noch überschaubar.

chilli: Ist das generationengerechtes Handeln?

von Kirchbach: Ja. Wenn wir Schulen sanieren oder neu bauen, wenn wir in Kitas investieren, wenn wir in Bildung investieren, dann investieren wir in die nächsten Generationen. Man darf übrigens nicht vergessen, dass die Stadt jedes Jahr um rund 1500 Menschen wächst und  folglich auch mehr investiert werden muss. Insofern sind die 188 Millionen nicht exakt mit den 440 vergleichbar.

chilli: Kanzler Merz hatte im Wahlkampf vehement gegen eine Lockerung der Schuldenbremse Stimmung gemacht. Die Sie im Interview mit uns vor einem Jahr befürwortet hatten. Noch zwei Tage nach der Bundestagswahl hatte Merz gesagt:  Es ist in der nahe liegenden Zukunft ausgeschlossen, dass wir die Schuldenbremse reformieren.“ Sechs Tage (!) später standen Merz, Klingbeil und Söder auf der Bühne und verkündeten hunderte Milliarden neue Schulden, pardon Sondervermögen. Schafft man so Vertrauen in politische Entscheidungsträger?

von Kirchbach: Ich war damals auch vollkommen überrascht. Man sollte aufpassen im Wahlkampf, dass man nur Dinge verspricht, die man dann auch einhalten kann. Und natürlich ist das schlecht für die Glaubwürdigkeit. Ja, ich bin für eine Lockerung der Schuldenbremse, wir brauchen Spielraum, an solche Summen habe ich damals aber nicht gedacht. Jetzt helfen die uns aber auch.

chilli: Wie viel Geld bekommt Freiburg aus dem sogenannten Sondervermögen?

von Kirchbach: Bis zu 170 Millionen für die nächsten 12 Jahre.

chilli: Wenn Sie nur drei kulturpolitische Highlights in den vergangenen 24 Jahren nennen dürften …

von Kirchbach: Das Augustinermuseum, die Zielvereinbarung mit dem Theater Freiburg, das Kulturkonzept, der Museumsentwicklungsplan …

chilli: vielleicht klappt es mit der Drei bei den sozialpolitischen Highlights?

von Kirchbach: Dazu zählen das Meistern der Herausforderungen um die Flüchtlingswelle 2015, als wir aus dem Nichts 16 Wohnheime realisiert und das Amt für Migration und Integration gegründet haben. Es war sicher sehr wichtig, dass wir uns zusammen mit der Agentur für Arbeit bei der Langzeitarbeitslosigkeit schwerpunktmäßig auf Jugendliche konzentriert haben. Es ist hervorzuheben, dass wir jetzt viel mehr geförderten Wohnungsbau über die FSB realisieren und unterstützen. Und es ist ein großer Erfolg, dass und wie wir die Quartiersarbeit ausgebaut haben. Und eins will ich noch erwähnen, das Förderprogramm des Bundes „Sozialer Zusammenhalt“, aus dem Hunderte von Millionen nach Freiburg geflossen sind.

chilli: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fotos: © Patricia Volk