Freiburger Forscher erstellen die größte Torfmoossammlung der Welt Featured | 14.11.2020 | Philip Thomas

Rundkolben Ohne Moos nichts los: Torfmoos ist ein Tausendsassa.

Moore können mehr Kohlenstoffdioxid speichern als jedes andere Ökosystem der Erde. Zwar bedecken die Feuchtgebiete nur rund drei Prozent der Land- und Süßwasserfläche, allerdings binden sie doppelt so viel CO2 wie alle Wälder der Welt zusammen. Durch Torfabbau und Klimawandel sind die empfindlichen Biotope stark bedroht. Wissenschaftler der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität haben nun eine Möglichkeit gefunden, Torfmoose schnell und nachhaltig zu vermehren.

Einst war Deutschlands Landfläche von 1,5 Millionen Hektar (4,2 Prozent) Mooren überzogen. Laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) sind diese Flächen heute zu 95 Prozent entwässert, um bebaut oder wirtschaftlich genutzt zu werden – es sind mithin nur noch 75.000 Hektar im naturnahen Zustand geblieben. „Moorflächen sind für den Menschen erst mal nicht nutzbar“, sagt Melanie Heck, Doktorandin an der Fakultät für Biologie.

Moore werden auch für den Torfabbau zerstört. Denn Torf ist ein Tausendsassa: Das schwammige Sediment ist ein hervorragender Luft- und Wasserspeicher und erreicht als Brennstoff im getrockneten Zustand ähnliche Werte wie Braunkohle. Entsprechend groß ist die Nachfrage. „Fast alle Gemüse- und Zierpflanzen, die wir kaufen, wachsen in Torferde heran“, so Ralf Reski, Leiter der Arbeitsgruppe Pflanzenbiotechnologie. Abgebaut wird schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts im industriellen Maßstab. Heute verbraucht allein Deutschland jedes Jahr rund drei Millionen Kubikmeter Torf.

Bioreaktor

Das ist nicht ohne Folgen. Heck betont: „Das durch Entwässerung und Abbau freigesetzte CO2 entspricht drei bis fünf Prozent der deutschen Gesamtemissionen.“ Um den deutschen Bedarf an Torf mit nachwachsendem Rohstoff zu ersetzen, sei jedes Jahr Torfmoos von 40.000 Hektar Fläche erforderlich. Das Problem bisher: Die geschützten Pflanzen bilden kein ausstreubares Saatgut, und für großflächigen Anbau wachsen Moose zu langsam. Nun hat es Heck mit ihrem Team geschafft, das Wachstum von 19 Torfmoosarten – und damit die weltweit größte Sammlung – im Labor 50- bis 100-fach zu beschleunigen.

»Eine Moosart hat sich eineinhalb Jahre geziert«

In einem fünf Liter kleinen Bioreaktor wachsen die Moose derzeit unter optimalen Bedingungen und frei von Pilzen, Bakterien oder anderen Pflanzen. „Damit können wir den fossilen Rohstoff Torf durch nachwachsendes Torfmoos ersetzen. Das Potenzial ist enorm“, kommentiert die Biologin Eva Decker das Projekt.

Die Reinigung der im Freiland gesammelten Sporen war laut Heck die größte Herausforderung: „Die Kapseln müssen dabei intakt bleiben“, sagt die 29-Jährige. Neben einem ruhigen Händchen erforderte das Projekt auch Geduld. Eine Moosart habe sich eineinhalb Jahre geziert und sei erst kurz vor dem Kompost noch gekeimt.

Die im Labor vermehrten Arten sollen nun im Freiland ausgesetzt werden. „Wir waren überrascht, wie abgehärtet die Moose bereits sind“, erzählt Reski. Ohne Zwischenschritt könnten die robusten Pflanzen direkt in die raue Realität gebracht werden. „Wir suchen nun nach probiotischen Bakterien und Pilzen, die positiv auf das Wachstum der Moose wirken“, so Decker.

Derweil sucht Reski nach geeigneten Flächen für neue Moore. „Die Frage ist nun, wie wir 40.000 Hektar bespielt kriegen“, überlegt der Projektleiter. Um die Vermehrung wirtschaftlich zu machen, müsse nun die Moos-Produktion angekurbelt werden. Am Karlsruher Institut für Technologie schrauben Verfahrenstechniker bereits an größeren Bioreaktoren. Sie sollen jeweils 1000 Liter fassen.

Fotos: © Melanie Heck