Großer Wurf oder kleiner Schritt? So soll Wohnen in Freiburg bezahlbarer werden Featured | 14.12.2025 | Jannis Jäger
Spatenstich an der Stefan-Meier-Straße (v. l.): Isabell Werner, Sándor
Hegedűs und Matthias Müller (alle FSB), OB Martin Horn, Magdalena
Szablewska (FSB), Christian Ledinger (Bürgerverein Herdern)
und Christopher Höfler (Sacker Architekten)
Die Stadt Freiburg hatte 2020 mit dem „Gesamtkonzept bezahlbar Wohnen 2030“ ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, um der akuten Wohnungsnot entgegenzuwirken. Vergangenen Oktober war Halbzeit – ein idealer Moment, um Bilanz zu ziehen. Deshalb kam das Thema erst im Bauausschuss und dann auch im Gemeinderat auf die Tagesordnung. Was ist erreicht worden? Wie viel Aufwand war nötig? Wichtige Fragen – denn auf dem Freiburger Wohnungsmarkt geht es täglich um Menschen und ihre Existenzen.
Robert Staible, Leiter des Amts für Wohnraumentwicklung und Vermessung (AWV), erklärte bei der ersten Vorstellung des Berichts im Bauausschuss Anfang Oktober: „Wir können uns mit diesem Gesamtkonzept wirklich sehen lassen in Deutschland.“ Doch schon in der Einleitung der Halbzeitbilanz muss sich die federführende Stabsstelle für bezahlbares Wohnen (SbW) eingestehen, „dass sich trotz aller Bemühungen und Maßnahmen die Wohnraumversorgung vor allem für Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen nicht nachhaltig verbessern konnte.“
Die Wohnraumbedarfsanalyse des Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung (GEWOS GmbH) aus dem Jahr 2020 prognostizierte für Freiburg bis 2040 einen jährlichen Neubaubedarf von circa 1000 Wohnungen. Laut Halbzeitbilanz reagierte die Freiburger Stadtbau (FSB) darauf mit der größten Wohnungsbauoffensive ihrer Geschichte. Die Stadtverwaltung verwies darauf, dass die FSB momentan 1000 Wohnungen im Bau hat. Zusätzlich sollen die Entwicklungsgebiete Dietenbach und Kleinescholz künftig weitere Entlastung bringen. Bis 2030 sind insgesamt 2500 neue, bezahlbare Wohnungen geplant – mit einem Investitionsvolumen von rund einer dreiviertel Milliarde Euro.
An der Stefan-Meier-Straße wird es konkret. Seit Mitte November rollen hier die Bagger, um auf dem sogenannten Behörden-Areal 91 Wohnungen zu errichten, davon 62 öffentlich geförderte zur Miete. Außerdem entstehen an der Elsässer Straße 2i 43 Eigentumswohnungen als Teil der Entwicklung der einstigen Kaserne Breisacher Hof, wo die FSB geförderte Miet- und Eigentumswohnungen baut oder bestehende saniert.
Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen
Die Stadtverwaltung verweist außerdem darauf, dass auf den großen Entwicklungsflächen – Dietenbach, Zinklern, Kleineschholz – zahlreiche Wohnungen entstehen sollen, die ab 2028 bezugsfertig sein werden. In Dietenbach sind es rund 6900 Wohnungen, Zinklern und Kleineschholz kommen zusammen auf rund 1080 Wohnungen. Und: Während bundesweit die Zahl der geförderten Wohnungen sinkt, steigt sie laut Halbzeitbilanz in Freiburg weiter an: seit 2018 um 18 Prozent. Möglich wurde das unter anderem, weil ein großer Teil der Landeswohnraumförderung für Freiburg gewonnen werden konnte.
Die Zahlen zu den neu geschaffenen Wohnungen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Aus den vorgelegten Daten geht nicht hervor, wie viele Bestandswohnungen weichen mussten, bevor beispielsweise 100 neue Wohnungen entstehen konnten. Der wirkliche Zugewinn an Wohnraum lässt sich somit nicht direkt aus den Angaben der FSB ablesen. Der tatsächliche Saldo dürfte ein wenig darunter liegen.
Außerdem gehe man gegen Zweckentfremdung und Leerstand vor. Ferienwohnungen dürfen in Freiburg seit 2022 nur dann angeboten werden, wenn sie registriert worden sind. Und im Leerstandskataster können Bürgerinnen und Bürger leerstehende Wohnungen melden. Auch wenn man noch einen weiten Weg zu gehen habe, so der Tenor aus der Verwaltung, sei doch auch einiges erreicht worden.
Die Stadt greift nach den Strohhalmen die sich ihr bieten. Mietenmonitor und Tauschbörse konnten allerdings nicht alle Stadträte überzeugen. Auf Nachfrage aus dem Gremium erfuhren die Vertreter der Fraktionen im Bauausschuss, dass im Schnitt etwa sechs Wohnungen pro Jahr erfolgreich über die städtische Tauschbörse vermittelt würden.

Mit dem neuen Wohnquartier an der Stefan-Meier-Straße (Visualisierung) sind nun 1000 FSB-Wohnungen im Bau.
Johannes Gröger von der Freien-Wähler-Fraktion im Gemeinderat bemängelte im Rahmen der Debatte rund um die Halbzeitbilanz, es fehle vor allem an statistischer Grundlage, um zu beurteilen, ob oder wie gut die bisherigen Maßnahmen greifen. Der Informationswert der Vorlage sei kaum wahrnehmbar. „Statt sich auf die Schulter zu klopfen und selbst zu loben, hätte man lieber mal eine faktenbezogene Bestandsaufnahme vornehmen müssen.“ Es fehlten in der Halbzeitbilanz konkrete Angaben, mit welchen Fertigstellungsraten man denn in den nächsten Jahren rechnet.
Stadtrat Bernhard Rotzinger von der CDU-Fraktion im Gemeinderat erklärte, dass es wohl für Freiburg positiv sei, dass der Anteil geförderter Wohnungen entgegen dem Bundestrend gestiegen sei. Er wies aber zusätzlich darauf hin: „Wir brauchen einen Ausbau der Förderung von Land und Bund, wenn der Wohnraum bezahlbar bleiben soll“.
Besonders eindrücklich ist eine Zahl, die die Stadtverwaltung in ihrer Vorlage an den Gemeinderat nennt: Der Quadratmeterpreis für Angebotsmieten ist 2024 in Freiburg auf 17,40 Euro gestiegen. Ein neuer Höchstwert. Hinter dieser Zahl stehen viele persönliche Schicksale. „Es geht nicht darum, die Sache schönzureden,“ betonte Oberbürgermeister Martin Horn. Denn vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, in Freiburg besonders auch viele Studierende, spüren die Folgen der steigenden Mieten unmittelbar.
„Wir müssen uns nicht vorwerfen lassen, dass wir nichts tun“, hält Baubürgermeister Martin Haag dagegen. „Wir machen, was wir können.“ Doch der Wohnungsmarkt ächzt unter Rahmenbedingungen, die weit jenseits kommunaler Einflussmöglichkeiten liegen. Während sich die Finanzierungskosten in Deutschland zwischen 2021 und 2023 mehr als verdreifacht haben, sind die Baukosten geradezu explodiert: Sie sind zwischen 2020 und Ende 2023 um satte 42 Prozent angestiegen. Ein Kraftakt also – und einer, den eine Stadt wie Freiburg nur schwer schultern kann.
Foto: © Michael Spiegelhalter; Visualisierung: @ Lindenkreuz Eggert GbR/Freiburger Stadtbau GmbH und Sacker Architekten GmbH








