Grün ist die Hoffnung: Freiburger Stadttunnel soll mehr Lebensqualität bringen Featured | 11.09.2020 | Lars Bargmann

Stadttunnel Freiburg

Die Planungen für den Freiburger Stadttunnel – den unterirdischen Lückenschluss zwischen Kronenbrücke und Schützenalleetunnel – sind in der Corona-Krise untertage nicht stecken geblieben. Bis die 1,8 Kilometer langen Röhren aber befahrbar sind, kann es noch 20 Jahre dauern.

Mit einem Großaufgebot aus Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und Vizepräsident Klemens Ficht, Oberbürgermeister Martin Horn und Baubürgermeister Martin Haag wurde vor Pressevertretern unlängst erneut vehement fürs Projekt geworben. Offenbar hatten sie zuvor einen Stimmungsumschwung für das Bauvorhaben vernommen. „Eine so große Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen“, sagte Schäfer. „Das ist nicht nur ein Verkehrsprojekt, das ist ein Stadtentwicklungsprojekt, das Freiburg mehr Lebensqualität geben wird“, kommentierte Horn.

Heute rollen im Schnitt 57.000 Autos und Laster auf der B31 am Ganter-Knoten durch Freiburg. In 20 Jahren sollen es nach einer neuen Prognose knapp 63.000 sein. Mit dem Stadttunnel würden aber 70 Prozent der KFZ- und mehr als 80 Prozent der LKW-Fahrer in die Röhre gucken. An solchen Werten orientiert sich jedenfalls nicht nur Projektleiter Kai Steinborn. Von den ursprünglich auf der politischen Bühne heiß diskutierten – und auch für den gemeinderätlichen Baubeschluss instrumentalisierten – Schadstoffentlastungen steht in der jüngsten Pressemitteilung des Regierungspräsidiums (RP) kein Wort mehr. „Das CO2-Thema ist ganz wichtig“, entgegnete Schäfer. Neue Daten zur Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Reduktion durch den Tunnel gibt es noch nicht. Steinborn will sie auf der Basis neuer Verkehrsprognosen, aber auch den erwartbar steigenden Anteilen von E-Autos und Wasserstoff-Lastern erarbeiten.

Für Haag ist klar, dass der Tunnel Luftqualität und Verkehrssicherheit verbessern, die Lärmsituation entlasten wird. Während das RP – ab 1. Januar dann die dem Bund gehörende Autobahn GmbH – für alles unter der Erde verantwortlich ist, ist Haags Baudezernat für alles obertage zuständig. Dazu zählen die Verkehrsführung, vor allem aber auch die Gestaltung jener Flächen, die sich durch den teilweisen Rückbau von Fahrspuren ergeben könnten. Es ist ­offen, ob eine Seite der Dreisam – wenn, dann sinnigerweise die nördliche – komplett autofrei wird oder auf beiden Seiten eine Spur weitgehend verschwinden kann. „Das ist der Kern der politischen Debatte“, so Haag. Horn möchte „mindestens eine Seite autofrei bekommen“.

Den gordischen Knoten am Ganter-Areal (wir berichteten) haben Stadt und die Ganter Grundstücksgesellschaft indes immer noch nicht gelöst. Für den Bau des Tunnels werden an der Schwarzwaldstraße Flächen der Brauerei benötigt. Diese wiederum will Teile des Firmengeländes mit Wohnungen bebauen. Aber die 50-Prozent-Quote für sozialen Mietwohnungsbau nicht erfüllen. Einen Kompromiss hierzu gibt es noch nicht. „Ich mache mir aber keine großen Sorgen, dass wir das nicht hinbekommen werden“, sagte Haag auf Nachfrage.

Zu den Kosten gab es Anfang August ebenfalls keine neuen Angaben: Eine mittlerweile sechs Jahre alte Schätzung geht von 325 Millionen Euro aus. 100 Meter Tunnel kosten demnach gut 18 Millionen Euro. Es ist erwartbar, dass es noch teurer wird.

Der Zeitplan sieht heute so aus: Ficht plant im Herbst eine Infomesse­ mit Ständen zu einzelnen Themen und erklärte, dass die Bürgerbeteiligung „unter Corona nicht so einfach“ ist. 2023 soll eine Planung stehen, die so detailliert ist, dass darin etwa auch schon die Sicherheitsbeleuchtung festgelegt ist.

Die Plantiefe muss dann vergleichbar mit der für einen Bauantrag sein. Diese Planung braucht grünes Licht vom Bund. Hernach kann das Planfeststellungsverfahren starten, in dessen Verlauf auch Einwendungen vorgetragen werden können – und, dafür muss man kein Prophet sein, auch werden. Dann spitzen die Juristen ihre Bleistifte. Bis dieses Verfahren rechtssicher beendet ist, kann es auch mal zehn Jahre gehen. So wurde das Planfeststellungsverfahren für die jetzige B31 Ost mit Kappler- und Schützenallee­tunnel 1984 eingeleitet – und mündete zehn Jahre später nach erbitterten verwaltungsgerichtlichen Auseinander­setzungen in einem Vergleich.

Und erst dann können die Bauleistungen ausgeschrieben werden. Wann der erste Bagger rollt? Vielleicht 2030. Vielleicht auch erst 2033? Für den Bau werden derzeit sieben Jahre veranschlagt. Der Bundestag hatte den Stadttunnel Anfang August 2016 als „vordringlich“ eingestuft. Von dort an wird es also sicher mehr als 20 Jahre dauern, bis dieser „vordringliche“ Bedarf auch befriedigt ist. Dann kann Freiburg mit Tempo 80 unterfahren statt mit Tempo 30 durchfahren werden. Und dann wird Freiburg auch ein Stück Lebensqualität an der Dreisam gewonnen haben.

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