Handelshürden & Hamsterkäufe: Wie Südbadens Unternehmen nun auch noch den Brexit schultern müssen Featured | 24.03.2021 | Lars Bargmann

Illustration Brexit

Zur Corona-Krise gesellt sich für Dutzende von Unternehmen in Südbaden jetzt auch noch der Brexit dazu: Bürokratie, Handelshemmnisse, Millionenkosten für Zollabwicklungen, Arbeitsplatzverluste auf beiden Seiten des Kanals. „Der Brexit-Deal ist zwar besser als gar kein Abkommen. Ein Grund zum Jubeln ist das jedoch keinesfalls“, sagt Christoph Münzer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen in Baden (wvib). Bei der IHK Südlicher Oberrhein erklärt Martina König, Referentin Auslandsmärkte und Zoll, dass viele Mitgliedsbetriebe „gar nicht vorbereitet waren“ auf die neuen Herausforderungen. Great Britain ist nun ein Drittland. Wie die Schweiz. Es gibt bilaterale Abkommen. Neue Luftbrücken. Und Chaos an den Grenzen.

Endress + Hauser, Spezialist für Mess- und Automatisierungstechnik, hat schon seit den 60er-Jahren eine Vertriebsgesellschaft im Vereinigten Königreich. „Wir haben uns auf den Brexit lange vorbereitet, obwohl wir gewohnt sind, in Drittländer zu exportieren. Am anstrengendsten war die lange Ungewissheit, was am Ende beschlossen wird“, sagt E+H-Kommunikationschef Martin Raab. Die Firmengruppe hat eigens eine neue Luftbrücke von Frankfurt nach UK gebaut, ein umgebautes Passagier-Charterflugzeug bringt nun den Großteil der Ware auf die Insel.

Luftbrücken verteuern Lieferungen

Der Aufbau von Lagerkapazitäten macht – anders als für andere Unternehmen in Südbaden – für E+H keinen Sinn. „Unsere Produkte sind so individualisiert, wir müssen auf Bestellung fertigen.“ Die Luftbrücke verteure die Lieferung zwar, das sei aber nicht kriegsentscheidend. Das Geschäft mit Großbritannien sei im vergangenen Jahr um sieben Prozent geschrumpft – pandemiebedingt. Raab bedauert den Austritt: „Wir sind von unserer DNA proeuropäisch und denken, dass die EU als Wirtschaftsraum wichtig ist.“

Bei der Sick AG konstatiert Mats Gökstorp, Vorstand Products & Marketing, durch den Brexit erhöhte Personalkosten: „Aufgrund der komplexen und langwierigen Zollabwicklung hat sich der administrative Aufwand zur Auftragsbearbeitung für uns erhöht.“ Zudem entstünden zusätzliche Kosten, um diese Verzögerungen nicht an die Kunden weiterzugeben und weiterhin zuverlässig und „möglichst termingerecht“ liefern zu können. Auch umgekehrt gebe es verzögerte Zustellungen von Lieferanten aus Großbritannien, wodurch „erhebliche Mehrkosten aufgrund notwendiger Express-Sendungen entstehen“.

Sick hatte schon lange vor dem Deal eine Task Force innerhalb des Geschäftsbereichs „Global Transportation and Customs“ gegründet, um die Übergangsphase vorzubereiten und Lieferverzögerungen für Kunden zu vermeiden. Zudem seien die IT-Systeme angepasst worden. Nur so habe man „bislang eine stabile Lieferkette ermöglichen“ können.

Das vergangene Geschäftsjahr in Großbritannien war trotz Corona stabil. Seit Jahresbeginn beobachte man nun aber, dass sich die Handelsbarrieren nachteilig auf das Geschäft auswirken. Von der britischen Regierung geforderte neue Standards und Zertifizierungen stellten deutsche Unternehmen langfristig gesehen vor Herausforderungen, die den „freien Handel und Warenverkehr deutlich erschweren“.

Noch nicht einmal ein blaues Auge

Das erzählt auch Rudi Mattmüller, Geschäftsführer der inomed Medizintechnik GmbH aus Emmendingen. Die hat eine Tochtergesellschaft auf der Insel und in die hat Mattmüller bereits im vergangenen Jahr rund ein Drittel des Jahresumsatzes 2021 geliefert, um kein schwaches Glied in der Lieferkette zu haben: „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wir verkaufen Waren und Dienstleistungen nach England, wir haben hier wie dort zusätzliche Lagerkapazitäten aufgebaut.“ Das habe zwar zusätzliches Geld gekostet, unterm Strich habe die Firma aber „nicht mal ein blaues Auge“ bekommen. Die Lieferketten würden aktuell gut funktionieren – wenn man die richtige Spedition beauftrage. Auf der Insel seien indes einige Logistiker dem neuen Reglement noch nicht gewachsen, vielfach fehle das Know-how.

Der Bundesverband Spedition und Logistik hatte am 20. Januar mitgeteilt, dass bis zu 80 Prozent der Sendungen im Warenverkehr zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland „derzeit“ fehlerhaft oder gar nicht deklariert sind. Und zudem nicht mit den Zollvorschriften übereinstimmen. Grund sei, dass vielen Unternehmen nach wie vor nicht bewusst sei, dass die Regelungen im Verkehr mit dem europäischen Kontinent nicht mehr denen des Binnenmarkts entsprechen.

Für viele der erste Kontakt zu einem Drittland

Nicht nur das Know-how, es fehlen jenseits des Ärmelkanals auch haufenweise Zolldeklaranten, sagt Martina König von der IHK. Aber auch hierzulande hätten sich viele Unternehmen nicht richtig vorbereitet. „Die haben jetzt zum ersten Mal mit einem Drittland Kontakt und damit auch mit den Regeln bilateraler Abkommen.“ König weiß von einem regionalen Hersteller medizinischer Produkte – die Firma will anonym bleiben –, der in England Krankenhäuser, Labore und Arztpraxen beliefert. Bislang hat die Kundschaft hier bestellt und die Ware wurde direkt und zollfrei geliefert. Nun aber wurde das ganze Liefergeschäft an ein Tochterunternehmen ausgelagert. Der Kunde bestellt bei der Tochter, die Tochter sagt der Mutter, was sie braucht, die Mutter packt ein, schickt der Tochter die Ware und die Tochter bringt sie dann zur Kundschaft. Auch hier mussten dafür neue Lager angemietet werden.

Bei der Gerriets GmbH mit Stammsitz im Umkirch, Weltmarktführer bei Spezialvorhängen vor allem für Theater, überlegt sich Geschäftsführer Hannes Gerriets aktuell, eine bestehende Dependance in London aufzugeben und die Immobilie zu verkaufen. „Maßgeblich hierfür ist aber nicht der Brexit, sondern Corona. Wir haben fast ausschließlich fürs Westend gearbeitet und das Geschäft dort ist seit einem Jahr tot.“ Gerriets liefert aber noch aus Frankreich und Deutschland und bezieht auch umgekehrt aus Großbritannien. Mit deutlich längeren Lieferzeiten.

Die hilfreichen Tochterfirmen in England

Zu den nur marginal Tangierten zählt auch die maxon motor GmbH, die in Sexau mit 500 von insgesamt mehr als 3000 Beschäftigten Getriebe, Zahnräder, Motorenkomponenten sowie Metall- und Keramikpräzisionsteile fertigt. Getriebe und Keramik-Komponenten liefert maxon motor auch nach Großbritannien. Dort, in Südengland, hat das Unternehmen indes eine eigene Produktions und eine Vertriebsgesellschaft  und spürt deshalb aktuell nur geringe Auswirkungen auf das Auftragsvolumen, wie Geschäftsführer Dirk Zimmermann berichtet: „Die beiden eigenen Gesellschaften in England sind hier sehr hilfreich.“ Klar sei aber, dass der bürokratische Aufwand bei der Abwicklung des Handels „massiv zunimmt“ und es auch „anfängliche Schwierigkeiten“ gibt. Genauere Angaben zum Geschäftsvolumen mit britischen Abnehmern macht Zimmermann nicht.

Auch die Neoperl GmbH in Müllheim hat eine Niederlassung im Vereinigten Königreich. „Auch wir spüren die Auswirkungen des Brexits, auch wir schlagen uns mit bürokratischen Hürden wie Grenz- und Zollkontrollen herum“, sagt Marketingleiterin Bianca Federer. Wegen des bürokratischen Aufwands seien Transitbereiche oft überfüllt, was den Warenverkehr mit der Niederlassung jenseits des Kanals verlangsame. Ein höherer administrativer Aufwand werde auch in Zukunft bleiben.

Bei der Meiko Maschinenbau GmbH & Co. KG berichtet Geschäftsführer Stefan Scheringer, dass der Brexit durch die Corona-Krise so stark überlagert ist, dass eine qualifizierte Aussage gar nicht möglich sei: „Der Brexit hat einen Einfluss, aber wie groß der ist, wissen wir nicht.“ Für den Freiburger Südwestmetall-Geschäftsführer Stephan Wilcken spielt der Brexit für die Mitgliedsunternehmen aktuell keine große Rolle. Oder verschwindet vielmehr hinter der Corona-Krise.

Illustration Corona

Die Unternehmen in Baden-Württemberg müssten sich „auf tiefgreifende Veränderungen einstellen“, sagt indes wvib-Geschäftsführer Münzer. Der Handel mit Gütern und Dienstleistungen wird teurer, der bürokratische Aufwand höher, zudem gebe es in der Übergangsphase auch regulatorische Unsicherheiten. Die Unternehmen der „Schwarzwald AG“ sind mit einer Exportquote von über 70 Prozent „echte Global Champions“. Manche hätten Abhängigkeiten zum Vereinigten Königreich abgebaut, Investitionen angepasst, Know-how für den Handel mit Drittländern aufgebaut. Andere haben schon im vergangenen Jahr reagiert: So hat der schon 1901 gegründete Lahrer Stahlwolle-Hersteller Oscar Weil seinen eigenen Vertrieb für England dichtgemacht und arbeitet seit Jahresbeginn mit einem externen Dienstleister zusammen – obwohl Großbritannien der wichtigste Auslandsmarkt für das Unternehmen ist. Die Kunden hatten schon vor dem Deal Ware aus Lahr gehamstert.

Eine im Wortsinn tragende Rolle beim Warentransfer spielt die Streck Transportgesellschaft mbH mit Sitz in Freiburg. „Seit es den EU-Binnenmarkt gibt, ist bei vielen Unternehmen die Kompetenz im Handel mit Drittländern verschwunden“, sagt Geschäftsführer Gerald Penner. Man hatte sich daran gewöhnt, dass es eine Zollunion und Binnenmarkt-Regeln gibt. Das räche sich jetzt bei dem einen oder anderen Unternehmen.

Zum Jahresbeginn regierte direkt das Chaos: Der Post-Logistiker DHL und DB Schenker hatten die Landtransporte zwischenzeitlich sogar komplett ausgesetzt. „Grenzenlos frustriert“, hatte die WirtschaftsWoche getitelt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden sind die Exporte nach UK im Januar im Vergleich zum Januar 2020 um 30 Prozent gesunken. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht davon aus, dass deutsche Unternehmen künftig Jahr für Jahr zehn Millionen Zollanmeldungen abgeben müssen. Das allein dürfte 400 Millionen Euro kosten.

Vom Ende eines Turnschuhs

„Das ewige Hin und Her kostet Wohlstand und Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Kanals. Wir alle müssen uns wieder mehr für ein vereintes Europa einsetzen, das in der globalisierten Welt zwischen USA und China besser bestehen kann als die alte Welt der Nationalstaaten“, sagt Münzer.

Der Warentransfer ist auch für unsere Kunden teurer geworden“, erzählt Penner. Und er dauert länger. Wenn etwa deutsche Kundschaft in England Mode oder Schuhe bestellt, wird das ganze Prozedere fällig. Und wenn dann die Waren als Retouren wieder return to sender gehen, noch einmal. Gerade die Fashionbrache kämpft mit Retourenquoten von bis zu 60 Prozent. Es gibt wohl schon Zwischenlager in Deutschland. Ob der zurückgeschickte Turnschuh jemals wieder die Insel erreicht, ist offen.

Illustration: © iStock.com/Dane Mark