„Irgendwie kultig“: Zwei Musiknerds gründen Kassetten-Manufaktur Featured | 01.08.2022 | Till Neumann

Stefan und Heiko an ihrer Kopierstraße Produzieren Musik-Kassetten: Heiko Borsch (links) und Stefan Ritter

Compact Discs sind von gestern. Vinyl ist im Kommen. Und Kassetten? In gewissen Kreisen gibt es eine zarte Renaissance des analogen Tonträgers. Teil der Bewegung ist der Ortenauer Heiko Borsch. Er hat mit einem Freund die Kassetten-Manufaktur „Tape Deck Records“ gegründet. Für 15 HipHop-Acts haben sie Kassetten produziert. Auch Live-Recordings sind möglich.

15 Produktionen bisher

Kaum einer hat einen Kassettenrecorder zu Hause. Doch für manche ist der Tonträger Kult. Zu ihnen gehört der Offenburger Heiko Borsch. „Ich habe als Kind TKKG-Kassetten gehört und meine Lieblingslieder aus dem Radio aufgenommen“, erzählt der 32-jährige Sozialpädagoge und nebenberufliche Tontechniker. Auch aus Nostalgie hat er 2021 mit dem Studenten Stefan Ritter aus Heidelberg „Tape Deck Records“ gegründet.

Die zwei Audiotüftler bieten Kassettenproduktionen an. Und die Nachfrage ist da: Für 15 HipHop-Acts haben sie mit ihren 30 Jahre alten Maschinen Tapes produziert. Darunter auch für den bundesweit bekannten Produzenten Dexter.

Rapper fixt sie an

Auf die Idee brachte sie der Heidelberger Rapper Skinny Finster. Er bringt schon länger Releases auf selbst produzierten Kassetten raus – und ist mit Ritter befreundet. Da Skinny zunehmend Anfragen erhielt, für andere zu produzieren, kam Ritter die Idee, das größer aufzuziehen: „Der hat uns mit seiner Liebe für Kassetten angesteckt.“ 

Stefan beim Etiketten kleben

Über ebay kauften sie zusätzliche Technik. Mit einem Gerät produzieren sie aus Wave-Dateien die Masterkassette. Dann wandert sie in die Dupliziermaschine (Otari DP8) mit vier Slots. Eine für das Master, drei fürs Überspielen. Mit 16-facher Geschwindigkeit können sie A- und B-Seiten parallel kopieren, erklärt Borsch. So sind die Kassetten in wenigen Minuten produziert. „Wir können bis zu 64 weitere Slavegeräte anschließen“, erklärt Borsch. Die haben jeweils vier Slots zum Überspielen. Drei solche Geräte haben die beiden. Sie können also bis zu 15 Tonträger gleichzeitig herstellen.

„Gibt Wertigkeit zurück“

Mit dem Service ist das Duo ein Exot. Außer ihnen gibt es in Deutschland nur einen weiteren Anbieter: das Leipziger Unternehmen T.A.P.E. Muzik. Einen Namen machen wollen sich Borsch und Ritter mit Qualität: „Wir hören jede Kassette, die wir hergestellt haben, noch mal ab“, erklärt Borsch. Zudem bieten sie einen analogen Livemitschnitt an. Konzerte können direkt an der Bühne recordet werden.

Für den Ortenauer Medienpädagogen sind Kassetten kultig. Sein Kollege Ritter sieht das Projekt auch als Antwort auf den Streamingboom: „Das gibt der Musik eine gewisse Wertigkeit zurück, wenn ich sie in der Hand halten und auch das Artwork betrachten kann.“ Auch um Letzteres kümmert sich Tape Deck Records.

Trend ist rückläufig

Die Kosten einer Produktion hängen von der Stückzahl ab: 50 Tapes kosten 4,80 Euro pro Stück. Bei einer Auflage von 300 sind es 3,30 Euro. Inklusive Cover und Beklebung. Auch farbige Kassetten sind möglich. Das Duo bestellt sie bei einem Hersteller in England. 

Ob Tapes boomen? „Offenbar finden einige Künstler·innen und Bands die Musikkassette als Idee wieder spannend“, sagt Sigrid Herrenbrück vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI). Sie würden sie zum Beispiel als besonderen Tonträger ihren Deluxe- oder Fan-Boxen beilegen. Die Zahlen des BVMI belegen jedoch keinen Trend: 2021 sind davon fünf Prozent weniger verkauft worden als im Vorjahr. Vinyl hingegen konnte als einziger physischer Tonträger zulegen –mit rund acht Prozent.

Notfalls einfach ins Regal

Ritter sieht dennoch wachsendes Interesse: „Es gab immer eine Szene, die die Kassette hochgehalten hat.“ Ausmaße wie bei der Vinyl-Renaissance werde das vermutlich nicht annehmen. Die Kassette dürfte aber wieder an Bedeutung gewinnen. „Auch wenn man keinen Kassettenrecorder hat“, ergänzt Borsch. Man könne sie sich einfach nach dem Konzert als Andenken mitnehmen und als Deko ins Regal stellen – wie eine Vinyl auch.

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Fotos: © Tape Deck Records