Jenseits des Vorhangs: Der Erotic Markt ist einer der letzten seiner Art in Freiburg Featured | 19.11.2021 | Pascal Lienhard

Produktauswahl des Erotikshop

Ein dunkler Stoffvorhang, dahinter eine Welt im Verborgenen. Den Erotic Markt und das dazugehörige „Dollywood“ an der Leo-Wohleb-Straße in Freiburg kennen die meisten, zumindest vom Vorbeifahren. Als Alleinstellungsmerkmal wirbt der Laden mit Beratung und Anonymität. Ein Besuch in einer – gar nicht so? – verruchten Parallelwelt.

Mit dem Zeitgeist gegangen

Robert Weibelzahl steht entspannt hinter der Theke. Fast könnte man ihn für einen Verkäufer in einem stinknormalen Supermarkt halten. Die Artikel um ihn herum trüben den Eindruck. Statt Konserven und Klopapier verkauft Weibelzahl etwa Vibratoren und einschlägige DVDs. Der 46-Jährige ist leitender Angestellter im Erotic Markt.

„Keine Ahnung, wie lange der Laden schon besteht“, schmunzelt er. Der gebürtige Berliner arbeitet seit 2008 im Erotic Markt. Mehr als dreißig Jahre habe der Shop auf jeden Fall auf dem Buckel. In dieser Zeit hat sich gesellschaftlich viel getan. Weibelzahl hat den Laden dem Zeitgeist angepasst – und ihm etwas von seiner früheren Schmuddeligkeit genommen.

Denn Erotik-Shops sind längst keine rein männliche Domäne mehr. Die Kundschaft sei inzwischen breit gefächert, neben einzelnen Frauen und Männern bediene Weibelzahl auch immer wieder Pärchen. Selbst Kunden jenseits der 80 haben schon den Weg in den Laden gefunden. „Alter schützt vor Geilheit nicht“, kommentiert der Fachmann schelmisch. Also wurde umgeräumt, die DVD-Wand weiter nach hinten verlegt, die Ladenkasse weg von den Filmkabinen nach vorne geholt, das Sortiment auf Vordermann gebracht. Heute erscheine der Laden heller und einladender, als dies früher der Fall gewesen sei. Dennoch: Eine schummrige und verruchte Ästhetik ist durchaus geblieben, auf allen Seiten warten explizite Inhalte. Wer einen Fuß in einen Sex-Shop setzt, darf halt keinen Tante-Emma-Laden erwarten.

Zwei Pluspunkte

Für manch einen mag es überraschend sein, dass sich ein Erotik-Laden überhaupt hält. Zumal in Zeiten, in denen Pornowebsites ­astronomische Zugriffszahlen registrieren und Homepages für Erotikartikel wie Amorelie oder Eis für viele eine diskretere Shopping-Variante sind. Als Weibelzahl ­im Erotic Markt startete, gab es noch deutlich mehr solcher Läden in Freiburg. Heute ist neben dem Domizil an der Leo-Wohleb-Straße nur das „Angelique“ an der Habsburgerstraße geblieben. „Im Gegensatz zu uns sind die meisten Läden eben nicht mit der Zeit gegangen“, glaubt Weibelzahl. Wie „Angelique“ das Überleben gelungen ist, bleibt offen – der Laden wollte kein Gespräch mit dem chilli führen.

„Leicht ist es nicht“, gesteht ­Weibelzahl, die Umsätze von vor einigen Jahren habe man nicht mehr. Doch bringt der Verkäufer zwei zentrale Vorteile seines Ladens auf den Tisch. Der erste ist die Beratung. Nicht nur können Kund·innen die Ware auch mal in die Hand nehmen. Nach vielen Jahren in Sex-Shops in Berlin, Kaiserlautern und Freiburg ist Weibelzahl auch ein Fachmann für alles ober- und unterhalb der Gürtellinie. „Beim ersten Besuch sind viele noch eingeschüchtert und trauen sich kaum, eine Frage zu stellen“, grinst der Verkäufer. Doch bald schon tauten viele Gäste auf, wünschen sich dann doch eine Beratung. Das kann ein Online-Handel kaum leisten.

Überraschend für Digital Natives ist Weibelzahls zweites Argument: Anonymität. Diese sei im Laden stets gegeben, egal ob es nun um den Kauf einer DVD, eines Toys oder einen Besuch in einer Filmkabine geht. „Wenn ich online unterwegs bin oder shoppe, haben Anbieter meine IP-Adresse, gegebenenfalls Kontaktdaten“, gibt Weibelzahl zu bedenken. Anders beim Einkauf vor Ort: Ware auf den Ladentisch, bezahlen und weg. Für einige Besucher·innen scheint das ein zentraler Grund zu sein, sich in die Welt hinter dem Stoffvorhang zu wagen.

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