Kraftzentren – Spirituelle Kulturorte Featured | 31.12.2025 | Nicole Kemper, Kornelia Stinn, Marianne Ambs, Beat Eglin

Ottmarsheim Abtei

Klostergründungen im Mittelalter trugen wesentlich zur Entwicklung der REGIO bei. Hier kamen geistliche, kulturelle und architektonische Impulse aus ganz Europa zusammen – von den romanischen Bildwelten bis zu cluniazensischen Reformen. Vier Klöster stellen wir vor: bewegte Geschichte, die bis in die Gegenwart nachwirkt.

Abtei von Ottmarsheim

Romanik im Achteck

Vor fast tausend Jahren wurde in Ottmarsheim der Grundstein für ein prächtiges Benediktine­rinnenkloster gelegt. Dessen markante Abteikirche prägt das Dorfbild bis in die Gegenwart und gehört, heute als Pfarrkirche genutzt, zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Romanik im Elsass. Seit 1841 steht sie unter Denkmalschutz und beeindruckt Besucher auf der Romanischen Straße mit ihrer einzigartigen Architektur.

Der auffällige Kirchenbau befindet sich im Zentrum des Ortes unweit der deutsch-französischen Grenze, am Rande eines großzügigen Dorfplatzes. Gemeinsam mit dem ehemaligen Pfarrhaus, der Touristeninformation und dem Rathaus bildet es ein schmuckes Ensemble aus Fachwerk, Sandstein und moderner Glasfassade. Beim Blick auf die Kirche springt sofort die ungewöhnliche Architektur ins Auge: Ihr achteckiger Grundriss wurde nach dem Vorbild der Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen (heute Teil des Aachener Doms) entworfen, das Ottmars­heimer Oktogon wurde allerdings in kleinerem Maßstab und vereinfacht ausgeführt. Eine mögliche Erklärung für die Nachahmung ist, dass die Klosterkirche – wie auch die Pfalzkapelle – als Grabstätte ihrer Stifter dienen sollte.

Abteikirche Ottmarsheim

Die Abteikirche Ottmarsheim mit ihrem achteckigen Zentralbau aus dem 11. Jahrhundert. Im Inneren erzählen Fresken vom Leben des Klostergründers Rudolf von Altenburg.

Die fast tausendjährige Geschichte des Klosters ist äußerst bewegt. Seit seiner Stiftung durch den Habsburger Grafen Rudolf von Altenburg und seiner Frau Kunigunde um das Jahr 1030 wurde es mehrfach im Zuge von kriegerischen Auseinandersetzungen geplündert, niedergebrannt und in Teilen zerstört. Nach der Reformation wurde das Benediktinerinnenkloster im 16. Jahrhundert in ein adeliges Damenstift umgewandelt. Rund 200 Jahre später wurde das Stift bei der Säkularisation infolge der Französischen Revolution aufgelöst, und die Klostergebäude wurden bis auf die Abteikirche und das 1711 erbaute Gästehaus abgerissen. Die Kirche ging in den Besitz der politischen Gemeinde über und wird seither als Pfarrkirche genutzt. Das Gästehaus diente ab dem 19. Jahrhundert wieder als Benediktinerinnenkloster. Ab 1991 ging das Kloster sukzessive an die Glaubensgemeinschaft Serviteurs de Jésus et de Marie über, 2004 gaben es die Benediktinerinnen ganz auf.

Faszinierende Lichtspiele

Während das weitläufige Klosterareal hinter Mauern und Zäunen einen verwaisten Lost-Place-Charme verbreitet, stehen die Türen der ehemaligen Abteikirche St. Peter und Paul tagsüber allen Besuchern offen. Durch die dunkle Vorhalle unter dem Kirchturm führt eine weitere Pforte in das von Arkaden gesäumte Innere des Oktogons. Links und rechts neben dem Altarraum befinden sich zwei Kapellenanbauten mit Bleiglasfenstern, im Umgang erzählen fragmentarische Fresken bildhaft Szenen aus dem Leben des Klostergründers. Im Obergeschoss setzen sich Säulen und Bögen fort, raffiniert inszeniert im Wechselspiel von künstlicher Beleuchtung und natürlichem Lichteinfall. Die Besichtigung der Empore mit sehenswerten Fresken ist nur im Rahmen einer Führung möglich, die auch in deutscher Sprache gebucht werden kann. 

Abteikirche Ottmarsheim

Info

Führungen durch die Abtei­kirche
(Anmeldung erforderlich):
bis zu 20 Personen: 85 Euro, bis 50 Personen: 100 Euro
E-Mail: patrimoine@ottmarsheim.fr
Tel.: ++33(0)389260642

www.ottmarsheim.fr
www.route-romane.com/de/

Fotos: © nike, HP Lang

Kloster St. Ulrich

Geschichte und gelebte Gegenwart

Kloster St. Ulrich

Das Kloster St. Ulrich in Bollschweil mit der von Peter Thumb errichteten Barockkirche St. Peter und Paul. Hier befindet sich das Grab des Klostergründers Ulrich von Regensburg.

Eine Tafel im Dorfzentrum der 300-Seelen-Gemeinde St. Ulrich weist darauf hin, dass dieser Ort einer Kulturroute am „Netz der cluniazensischen Stätten“ angehört. Cluny im Burgund war im Mittelalter Vorbild für ein strenges Mönchsleben: Unabhängigkeit von weltlicher Macht, strikte Befolgung der Benediktinerregel, regelmäßige Gebete, Disziplin und Gehorsam.

Ein leidenschaftlicher Verfechter dieser Ideen war Ulrich von Regensburg (1029–1093). Er schrieb die neuen Regeln auf und trug zu ihrer Verbreitung in Südwestdeutschland bei. In Zell im Möhlintal, dem heute nach ihm benannten St. Ulrich, gründete er ein Kloster, das sieben Mönche versorgen konnte. Bis zu seiner Erblindung im Jahr 1090 leitete Ulrich als Prior die kleine Gemeinschaft.

Um das Leben des bedeutenden Reformers ranken sich zahlreiche Legenden. Einer Überlieferung nach soll er bis in seine Träume von Versuchungen des Teufels geplagt worden sein. So habe der Teufel Ulrichs Seele als Gegenleistung  für ein Behältnis aus Sandstein gefordert, das dem Prior im Traum erschienen war. Ulrich handelte ihm ab, dass er seine Seele nur dann bekäme, wenn der Teufel ihm das gute Stück schneller liefere, als er es schaffte, eine Heilige Messe zu Ende zu lesen. Ulrich gewann den Deal. Bis heute liegt die sechs Tonnen schwere romanische Schale mit ihren rundlaufenden Reliefarbeiten christlicher Figuren und Symbole unversehrt auf der Wiese vor der Kirche. Niemand weiß, wie sie dorthin kam.

Hoffnung weitergeben

Niemand weiß auch, wie es geschehen konnte, dass die Reliquien des Ulrich, der heiliggesprochen wurde, aus seinem Grab im Altarraum der Kirche verschwunden sind. Mag sein, dass sie, genauso wie andere kirchliche Utensilien, verkauft wurden, als Brände und Hungersnöte den Mönchen zusetzten. So wollte man das Kloster, das letztendlich in die Zuständigkeit des Klosters von St. Peter überging und schließlich 1806 von Napoleon säkularisiert wurde, in armen Zeiten über Wasser halten.

Apropos Wasser: Der ehemalige Sandstein-Untergrund der romanischen Brunnenschale im Klosterhof befindet sich nun an anderer Stelle. Auf ihm ruht heute ein überlaufendes Brunnengefäß. Es symbolisiert die Philosophie des Bildungshauses, das sich seit 1946 auf dem Gelände befindet und mit seinen Angeboten Menschen ermutigen will, ihre Lebensperspektiven weiterzuentwickeln. Der Leiter des Hauses, Bernhard Nägele, weist auf die Verbindung zu christlichen Grundgedanken hin. „Nur, wer seine innere Schale gefüllt hat und hoffnungsvoll in die Zukunft blickt, kann Hoffnung weitergeben.“ Auch ein 3,8 Kilometer langer Rundweg um die Anlage will dazu anregen, über den eigenen Lebensweg nachzudenken.

Das leere Grabmal

Info

Bildungshaus Kloster St. Ulrich

www.bksu.de

Fotos: © Bildungshaus, Winfried Stinn

Kloster Maulbronn

Für die Ewigkeit

Kloster Maulbronn

Vier der schönsten Schwarzwälder Klöster des Mittelalters – Maulbronn, Hirsau, Reuthin und Alpirsbach – sind durch die rund 100 Kilometer lange Klosterroute Nordschwarzwald verbunden. Wer von Norden kommt, erreicht auf der ersten Etappe der Klosterroute die Klosteranlage Maulbronn. Sie gilt als das am besten erhaltene mittelalterliche Zisterzienserkloster nördlich der Alpen und steht deshalb seit 1993 auf der Liste des UNESCO-Welterbes.

Was die Zisterziensermönche in der Abgeschiedenheit des nördlichen Schwarzwaldes in Maulbronn schufen, ist einmalig – und für die Ewigkeit bestimmt. Der Klosterhof mit seinen historischen Mauern ist ein bedeutendes Zeugnis mittelalterlichen Baukunst. Die Anlage umfasst neben der frühgotischen Klosterkirche mit Vorhalle auch den gotischen Kreuzgang, das Brunnenhaus mit dem Dreischalenbrunnen und eine Vielzahl weiterer Gebäude. Um die Klostergeschichte in der richtigen Reihenfolge zu erleben, empfiehlt sich zunächst der Besuch des Klostermuseums im Frühmesserhaus und anschließend ein Rundgang durch die Küferei. Im Klostermuseum können Besucher in das klösterliche Leben der Zisterzienser seit der Gründung um 1147 eintauchen und erfahren mehr über ihre Wirtschaftsstrukturen und die Musiktradition. Im Erdgeschoss der Küferei ist das Infozentrum mit Klosterkasse und Shop untergebracht. Beim großen Klostermodell starten die Klosterführungen. In den Museumsräumen im Obergeschoss geht es um die nachklösterliche Zeit in Maulbronn, die Reformation des Klosters, die Klosterschule und die Bedeutung Maulbronns als Kunstdenkmal.

Bücherfreunden sei zudem die Dauerausstellung „Besuchen. Bilden. Schreiben. Das Kloster Maulbronn und die Literatur“ empfohlen. In drei Abteilungen zeigt die Ausstellung, dass Maulbronn immer auch ein Ort der Literatur war. Die Ausstellung überblickt mehr als acht Jahrhunderte und gibt rund 50 Schriftstellerinnen und Schriftstellern, darunter die Klosterschüler Friedrich Hölderlin und Hermann Hesse, eine Stimme.

Besondere Schätze des Mittelalters

Wer Maulbronn besucht, sollte sich einen ganzen Tag Zeit nehmen, um die gesamte Klosteranlage zu erkunden. Denn diese beherbergt viele besondere Schätze wie etwa das Chorgestühl und die Reliefs am Hochaltar der Klosterkirche. Im Chor der Kirche zieht vor allem die Maulbronner Madonna alle Blicke auf sich. Die zwischen 1307 und 1317 vermutlich in Köln entstandene Figur mit Kind ist 170 Zentimeter groß und aus einem Walnussstamm geschnitzt. Wie sie nach Maulbronn gelangte, ist ein Rätsel.

Die Anlage in Maulbronn wird das ganze Jahr mit Leben gefüllt. Berühmt ist der Weihnachtsmarkt im Klosterhof am 2. Advent. Ein kulturelles Highlight sind die Klosterkonzerte. Führungen zu verschiedenen Themen erschließen die Jahrhunderte der Maulbronner Geschichte. Bei einem geführten Rundgang durch die Klosteranlage erleben die Besucher eine Fülle von Stilrichtungen – von der Romanik bis zur Spätgotik – und erhalten Einblicke in das „Wirtschaftsunternehmen“ Kloster. Zudem können sie sehen, wo einst Kepler, Hölderlin und Hesse die Schulbank drückten.

Kloster Maulbronn Brunnen

(Rekonstruierte) Brunnenschale im gotischen Brunnenhaus des Klosters Maulbronn.

Info

Kloster Maulbronn
Klosterhof 5, 75433 Maulbronn
www.kloster-maulbronn.de

Öffnungszeiten
Bis 28. Februar:Di.–So., 10–16.30 Uhr
Ab März: Mo.–So., 9.30–17.30 Uhr

Sonderführung:
Bei Kerzenschein und Glühwein
Versch. Termine ab 2. Januar 2026

Klosterkonzerte Maulbronn
www.klosterkonzerte.de

Fotos: © SSG – Günther Bayerl

Kloster Beinwil

Geschichte in Bewegung

Kloster Beinwill

Über dem Lüsseltal schmiegt sich das Kloster Beinwil in die Juralandschaft. Die Taufkapelle und die barocke Klosterkirche nutzt heute eine byzantinisch-orthodoxe Gemeinschaft, die entsprechende Souvenirs vertreibt.

Auf einer kleinen Anhöhe im Schweizer Jura, rund 30 Kilometer von Basel entfernt, liegt das Kloster Beinwil: ein kleiner, aber geschichts­trächtiger Ort. Seit dem Mittelalter begleitet es Reisende und Pilger, hat Zerstörungen, Neuanfänge und Reformen erlebt und steht heute erneut an einem Wendepunkt.

Klostere Beinwill

Das ursprüngliche Benediktiner­kloster Beinwil entstand im 11. Jahrhundert – zugleich als Hospiz für Pilger. Auf einer markanten Anhöhe am Passwang im Schweizer Jura gelegen, war es bereits im Mittelalter eine bedeutende Etappe auf dem Pilgerweg von Basel über Solothurn nach Bern. Noch heute können Jakobswegpilger hier einkehren, übernachten und einen Stempel für ihren Pilgerpass erhalten. Denn seit 2019 beherbergt der Ort ein byzantinisch-orthodoxes Kloster. Die Gemeinschaft bietet schlichte Einzel- und Doppelzimmer – auch für Nicht-Pilger – mit warmem und kaltem Wasser sowie Etagenduschen an. Gäste dürfen am klösterlichen Alltag teilnehmen und erhalten so einen unmittelbaren, vertieften Einblick in das geistliche Leben.

Die Geschichte des einsam gelegenen Klosters war von Anfang an bewegt. Nach dem 13. Jahrhundert geriet es in die politischen Spannungen zwischen Basel und Solothurn und wurde verwüstet. Erst 1633 kehrte in den neu errichteten Gebäuden wieder klösterliches Leben ein – allerdings nur für kurze Zeit. Bereits 1648 verlegte der damalige Abt den Konvent vom abgeschiedenen Beinwil in den aufstrebenden Wallfahrtsort Mariastein. Das heutige Kloster Beinwil entstand ab 1668 in mehreren Bauetappen; 1670 wurden Kirche und Konvent eingeweiht. Der Kirchturm jedoch ließ fast ein Jahrhundert auf sich warten: Erst 94 Jahre später wurde er vollendet. Im 19. Jahrhundert wurde das Kloster aufgehoben und gelangte in den Besitz der katholischen Kirchgemeinde des Dorfes.

Kloster Beinwill

Leben in Stille, Medita­tion und Gebet

1978 traf das Kloster ein verheerender Großbrand. Zehn Jahre lang war zuvor renoviert worden – Turm, Fassade und die neue Turmuhr standen kurz vor der Vollendung –, ­als plötzlich das Dach des Klostertrakts und ein Großteil des Obergeschosses in Flammen aufgingen. In der Kirche wurden fünf kunstvoll geschnitzte Altäre, die Kanzel, mehrere Statuen und die bemalte Holzdecke zerstört. Der Wiederaufbau gelang dank der 1980 gegründeten Stiftung Beinwil, die das Kloster seither einer Gemeinschaft zur Verfügung stellte, „die auf der Grund­lage des Evangeliums in Stille, Meditation und Gebet lebt und für die Verständigung aller christlichen Konfessionen wirkt“. Heute trägt der Ort den Namen „Heiliges Orthodoxes Kloster Johannes Kapodistrias“.

Spannungsvolle Zukunft

Doch die wechselvolle Geschichte setzt sich fort: Im März 2025 distanzierte sich der russisch-orthodoxe Priesterkonvent im Kanton Zürich öffentlich vom Kloster. Im November desselben Jahres erklärte die Stiftung Beinwil ihre Auflösung – ihr waren die finanziellen Mittel ausgegangen. Gegenwärtig wird geprüft, wem die Stiftung die Gebäude übertragen wird. Eines jedoch ist sicher: Die Geschichte des Klosters Beinwil bleibt bewegt.

Bilder im Kloster Beinwil

Info

Anfahrt ab Basel Badischer Bahnhof

Über A2/A3 und A18 bis Zwingen. Dann südwärts über ­Breitenbach, Büsserach und Erschwil bis Beinwil SO.

Achtung: In der Schweiz gibt es mehrere Ortschaften mit dem Namen Beinwil. Wählen Sie im Navi „Kloster Beinwil“ oder „Beinwil SO“ (Kanton Solothurn).

Fotos: © Beat Eglin, www.presstime.ch