Luftiger Arbeitsplatz – Mit Steinmetzen auf dem Freiburger Münster Featured | 03.08.2022 | Pascal Lienhard

Steinmetze und Industriekletterer am Münster Ungewohnte Perspektive: Steinmetze und Industriekletterer arbeiten einmal im Jahr am Turm des Münsters.

Unerwartet langsam geht es in die Höhe. Der Marktplatz um das Freiburger Münster wird immer kleiner, der Geruch von Bratwurst und Blumen verfliegt. Fast sechs Minuten dauert es, bis das Ziel erreicht ist. Kurz davor scheppert es ordentlich. Doch dann hält der Baustellenaufzug an einer Galerie in 70 Metern Höhe. Für den leitenden Steinrestaurator Till Borsdorf geht es noch weiter – ins Seil und an die Außenfassade des „schönsten Turms der Christenheit“.

Einmal im Jahr arbeiten Industriekletterer gemeinsam mit Mitarbeitern des Münsterbauvereins in schwindelerregender Höhe am Hauptturm des Freiburger Wahrzeichens – stolze 509 Jahre haben die ältesten Bauteile auf dem Buckel. Regelmäßige Kontrollen sind Pflicht. Mögliche Schäden sollen früh gefunden und ausgebessert werden. „Wir sind ja verantwortlich für die Personen auf dem Markt“, erklärt Borsdorf. Für die unteren Gebäudeteile reichen Hubsteiger. Doch sobald es weiter in die Höhe oder nicht mehr gerade nach oben geht, können diese nichts mehr ausrichten – und die Kletterer müssen ran.

Aber warum hängen sich Mitarbeiter des Münsterbauvereins ins Seil? Es käme ja auch niemand auf die Idee, das eigene Haus von einem Seil gesichert auf Schäden zu untersuchen. Erst recht nicht, wenn das Gebäude 116 Meter misst. Doch beim altehrwürdigen Münster ist die Lage eine andere. Industriekletterer mögen zwar wissen, wie man Knoten richtig bindet und Sicherungsgerät einwandfrei bedient. Doch wo nun wirklich Schäden vorliegen, wo der Turmhelm ausgebessert werden muss, das wissen nur jene, die das Bauwerk wie ihre Westentasche kennen: Borsdorf und seine Steinmetz-Kollegen.

Die in 70 Metern Höhe gelegene Galerie dient den Mitarbeitern und zwei Industriekletterern der Freiburger Firma Seilsache als Basislager für ihren Aufstieg am Hauptturm. Hier liegen Seile, Klettergurte, Sicherheitswerkzeug und private Habseligkeiten, die vor Arbeitsantritt abgelegt werden müssen. In solch luftigen Höhen würde schließlich schon ein Handy zum tödlichen Objekt für die Gäste des Münstermarks. Um niemanden zu gefährden, wird dieser während der Arbeiten großflächig abgesperrt.

Borsdorf und seine Kollegen haben eine Qualifikation als Industriekletterer erworben. Jedes Jahr werden die Fertigkeiten trainiert. Schließlich kann es schnell zum Notfall kommen. Dieses Jahr haben die Kletterer an der Spitze des Turms ein Hornissennest entdeckt. Wenn eines der Tiere einen Kletterer angreift und der in Ohnmacht fällt, muss ein Kollege ihn retten können. Im Einsatz klettern stets zwei Personen nebeneinander, Schäden werden mit einer Kamera dokumentiert.

Münsterkletterer

„Elegant geht anders“, sagt Borsdorf grinsend, während er sich von der Außenfassade wieder auf die Plattform schwingt. Ganz ungewohnt seien solche Höhen für ihn zwar nicht. Schließlich muss der 43-Jährige berufsbedingt das ganze Münster kennen – da sind Abstecher in die Höhe Pflicht. Aber im Stile von Tom Cruise an einem Seil am höchsten Gebäude der Stadt zu klettern, das ist schon was anderes.

Auch nach mehreren Jahren im Einsatz ist das für Borsdorf noch nicht zum Alltag geworden. „Ich brauche ein bisschen, um reinzukommen“, sagt er. Er sei ganz froh, dass es am ersten Tag erst einmal im Inneren des Turmhelms nach oben ginge. „Ich habe zwar früher selbst etwas geklettert“, blickt er zurück, „aber das war so schlecht, das ist kaum der Rede wert.“ Zudem lasse sich das Sportklettern kaum mit der Art von Arbeit vergleichen, die hier geleistet wird.

Auch wenn im Voraus geplant wird – manchmal ist Improvisation notwendig. Wenn es regnet, windet oder gar gewittert, ist es nicht eben ratsam, am Münster zu klettern. Dieses Jahr ist das Wetter den wagemutigen Arbeitern häufig in die Quere gekommen. „Das ist etwas stressig, weil wir den Turm zum Weinfest wieder räumen müssen“, sagt Borsdorf. Doch dann muss eben an anderen Tagen länger gearbeitet werden.

Bei den Arbeiten werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. „Neben der Kontrolle, ob noch alles in Takt ist und nichts abstürzen kann, geht es auch um die Qualitätskontrolle unserer Turmhelmsanierung“, erklärt Borsdorf. Zudem sei für die kommenden Jahre eine neue Baustelle am Turm geplant, für die eine Schadenskartierung angelegt werden muss. Auch damit sind der Steinrestaurator und sein Team heute beschäftigt.

Die Industriekletterer begleiten die Steinmetze und kümmern sich darum, dass technisch alles nach Plan verläuft. Seilsache-Inhaber Florian König bringt es mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Die Steinmetze schauen, dass nichts vom Münster herunterfällt – und wir schauen, dass die Steinmetze nicht vom Münster herunterfallen.“ Auch für sie ist die Arbeit am Freiburger Wahrzeichen kein alltäglicher Job. „Für uns ist das Münster das Schönste“, schwärmt König.

Nach vier Tagen am schönsten Turm der Christenheit können Borsdorf und sein Team die Seile und Sicherungsgurte wieder abgeben. Bis zum nächsten Sommer.

Fotos: © Seilsache Freiburg