Mit 1,6 Promille auf dem Rad: chillisten machen alkoholisierte Testfahrt Featured | 18.06.2022 | Pascal Lienhard, Till Neumann und Philip Thomas

Till Neumann (v.l.), Pascal Lienhard und Philip Thomas auf Fahrrädern Fahren mit Alkohol im Blut: die chillisten Till Neumann (von links), Pascal Lienhard und Philip Thomas

Die Promillegrenze fürs Autofahren ist bekannt: Ab 0,5 wird es kriminell. Und fürs Rad? Erstaunliche 1,6 sind es laut Rechtssprechung. Kann man knapp drunter noch vernünftig Velo fahren? Die chilli-Redaktion hat sich ein Messgerät besorgt und es ausprobiert.

Wenig sehen, trotzdem fahren

Die Spannung steigt. Wir stehen um einen Tisch mit leeren Flaschen und blicken aufs Testgerät. Wie viel Promille haben wir? Dürfen wir noch aufs Rad? Wenn wir unter 1,6 Promille liegen, gehen wir Proberadeln. Unser Verdacht: Die Tour könnte nach einigen Bier und Schnäpsen brenzlig werden.

1,6 – das ist die Toleranzgrenze, bis zu der Radler·innen in Deutschland theoretisch noch auf den Drahtesel steigen dürfen. Das ist einiges: Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist ab einem Promille die Reaktionsfähigkeit erheblich gestört, die Sehfähigkeit verschlechtert, es kommt zu Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen sowie zum Verlust der Kritikfähigkeit. Sicher Rad fahren? Das klingt anders.

Freiheitsstrafe bei Verstoß

Warum liegt die Grenze bei 1,6? „Ab diesem Wert ist die absolute Fahruntauglichkeit anzunehmen und damit liegt eine Straftat vor“, erklärt Erik Kunz von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Freiburg. Wer erwischt werde, bekomme eine Anzeige wegen Trunkenheit im Verkehr. Eine Geld- oder Freiheitsstrafe könnte die Folge sein.

Wir wollen es genau wissen. Also leihen wir uns einen professionellen Promillemesser zum Reinpusten. Dann treffen wir drei uns zur Recherche der etwas anderen Art. Während wir den lauen Frühlingsabend auf einer Freiburger Terrasse verbringen, schlürfen wir den ersten Drink und lehnen uns zurück. Drei Bier pro Kopf, ein bisschen Rosé und den einen oder anderen Ouzo später stellen wir die Stoppuhr auf 15 Minuten – so lange sollte man laut Hersteller nach dem letzten Tropfen warten, um auf ein belastbares Ergebnis zu kommen.

Bis zu 1,1 Promille

Die Stimmung ist angeheitert bis beschwipst. Wir fragen uns: Sind wir noch in der Lage, sicher Rad zu fahren? Bevor wir messen, geben wir Tipps ab: Nach eigener Einschätzung liegen wir bei 0,8, 0,9 und 1,0 Promille. Dann klingelt der Wecker, wir pusten ins Mundstück, bis es piepst. Der Messzeiger dreht sich, wir warten gebannt. Die Ergebnisse liegen nah an den Tipps: Wir haben 0,4, 0,8 und 1,1 Promille im Blut. Also ab aufs Bike.

Till Neumann macht einen Promilletest

Pusten, bis es piepst: chilli-Radler beim Promilletest.

Wir radeln gegen Mitternacht durch Freiburg. Es geht eine leere Straße entlang. Rechtlich sind wir auf der sicheren Seite: Verkehrstauglich fühlt es sich mit 1,1 Promille aber nicht an. „Bei viel Verkehr möchte ich so nicht unterwegs sein – für meine Sicherheit und die der anderen“, sagt der 1,1-Promille-Radler. Dass er schnell und richtig reagieren könne, sei unwahrscheinlich. Und das müsse man in Freiburg oft.

„Das ist Wahnsinn“

Bei den anderen beiden geht die Einschätzung auseinander: Der chillist mit 0,8 Promille fühlt sich auf dem Sattel zwar angetrunken, aber sicher. „Wenn es nicht um die Recherche gegangen wäre, hätte ich das Rad aber lieber geschoben.“ Als „absolut fahrtauglich“ schätzt sich der Mann mit 0,4 Promille ein. Er hätte sogar noch Auto fahren dürfen.

„Dass man in meinem Zustand legal radeln darf, ist Wahnsinn“, sagt der Betrunkenste der drei. Beruhigend ist da höchstens, dass die 1,6-Promille-Grenze kein Freifahrschein ist. Kunz stellt klar: „Auch bei darunterliegenden Werten wird die Polizei aktiv, wenn zum Beispiel Hinweise auf körperliche oder fahrerische Beeinflussungen vorliegen.“ Auch dann werde eine Anzeige gefertigt, die nach Bewertung der Fakten auch von der Justiz verfolgt wird. Wir fragen uns: Merkt man das oft nicht erst, wenn etwas passiert? Auch wir haben ja einige Meter ohne Schlangenlinie geschafft.

Grenzwertige Grenze

Genaue Zahlen, wie viele Unfälle betrunkene Radler verursachen, liegen der Polizei nicht vor. Nach Einschätzung von Kunz gibt es ein großes Dunkelfeld bei Radunfällen. Für 2021 ergeben sich aus der Unfallstatistik für das Stadtgebiet Freiburg 29 Unfälle mit alkoholisierten Radfahrern, 2020 waren es 26, im Jahr zuvor 41. „Wir gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen, insbesondere bei alleinbeteiligten Stürzen, höher liegen dürften“, sagt der Experte.

Eines hat unser Experiment gezeigt: Auch mit „nur“ 0,8 Promille fühlt man sich angetrunken. Wenn man allerdings noch geradeaus fahren kann und keinen Unfall baut, hat man Justitia auf seiner Seite. Wir sind sicher: 1,6 Promille ist eine zu hohe Toleranzgrenze. Ähnlich sieht das Kunz: „Eine niedrigere Grenze wäre für die Strafverfolgung einfacher und klarer.“ Und uns wäre das Arbeiten am Morgen danach einfacher gefallen, wenn wir es bei zwei Bier belassen hätten.

Fotos: © Franziska Becker, Philip Thomas

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