Müllvermeider mit Murks-Faktor: die Verpackungssteuer in Freiburg Featured | 11.02.2026 | Till Neumann
Einwegmüll reduzieren: Das soll die umstrittene
Verpackungssteuer bewirken
Viel Aufregung, aber erste Effekte: Seit dem 1. Januar gilt in Freiburg die Verpackungssteuer für To-go-Speisen und vieles mehr. Sie soll Einwegverpackungen bekämpfen und Mehrweg fördern. Doch die Regelungen sind kurios und kompliziert. Tricksereien machen die Runde. Das chilli hat mit Gastronomen, Kunden, Politikern und Aktivisten gesprochen – von Empörung bis Offenheit ist alles dabei.
„Eine lange Rote bitte“
Münsterplatz. Ein kalter Dienstagmorgen im Februar. Es ist kurz nach 10. Schon jetzt liegen bei „Meier’s Wurststand“ rund 30 Würste auf dem Grill. Die Kunden freut’s. „Eine lange Rote im Brötchen mit Senf bitte“, sagt ein älterer Herr. „Das macht 3,50 Euro“, sagt der Verkäufer in rotem Pulli und grauer Schürze. Verpackungssteuer on top? Fehlanzeige. „Wir haben keine Verpackungen mehr“, erklärt Standchef Thomas Meier.

Hat nur noch Mehrweg: „Meier’s Wurststand“ auf dem Münsterplatz von Thomas Meier
Er hat alle Einwegverpackungen abgeschafft – und setzt auf Mehrweg oder Kostenloses. Die Currywurst serviert sein Team in schwarzen Mehrwegschalen (50 Cent Pfand). Zur Wurst im Brötchen gibt es eine Serviette für umme. „Das ist ein Hygieneartikel, da ist keine Verpackungssteuer fällig“, erklärt Meier.
„Massiver Unmut“

Die Curry Wurst gibt’s in Mehrwegschale
Der Aufwand ist daher überschaubar. Doch Kundenkritik gibt’s trotzdem. „Beim Pfand beschweren sie sich erst mal“, so Meier. Doch das lege sich, da es den Betrag ja zurückgibt. „Die meisten essen hier am Stand und geben die Schale direkt wieder ab“, erklärt Meier.
Nicht überall läuft es so unaufgeregt. „Massiven Unmut“ äußert Martin Bitterlich aus Reute bei Freiburg. Der 46-Jährige hat eine Mail an die Redaktion geschrieben, um seinem Ärger Luft zu machen. Mitte Januar war er demnach mit seiner Familie in Freiburg bei McDonald’s und erlebte eine böse Überraschung: „Bei einem Gesamtwert von 51,96 Euro wurden uns 7,11 Euro an Verpackungssteuer berechnet“ (siehe Kassenbeleg). Rund 13 Prozent des Umsatzes. Besonders absurd für ihn: „Sogar die Papierumhüllung der Pappstrohhalme wurde mit dieser Steuer belegt.“
Familie setzt auf Boykott

Martin Bitterlichs McDonald’s Kassenbeleg
Zudem empört ihn, dass auf die Verpackungssteuer Umsatzsteuer obendrauf kommt. „Das setzt dem bürokratischen Wahnsinn die sprichwörtliche Kirsche auf“, so Bitterlich. Diese fiskalische Dreistigkeit sei dem Endverbraucher nicht mehr vermittelbar. Zumal seine Familie die Speisen mit nach Hause genommen habe. Der Müll sei damit im eigenen Abfall gelandet – für den die Familie ja bereits bezahle.
Martin Bitterlich zieht Konsequenzen: „Wir als Familie werden, solange diese Steuer existiert, keinerlei Einkäufe und Umsätze mehr in Freiburg tätigen.“ Der Verzicht sei kein Protest gegen den Wirt, sondern gegen die politischen Rahmenbedingungen, die ihn zum Handeln gegen seine Kunden zwingen würden.
Petition gestartet
Verärgert ist auch der Freiburger Tobia Passaro. Er hat die Petition „Rücknahme der Verpackungssteuer in Freiburg“ ins Netz gestellt. 2848 Menschen haben sie bis zum 4. Februar unterschrieben. Mit seinem Aufruf fordert Passaro: „Wir appellieren an die Verantwortlichen, die Verpackungssteuer in Freiburg zurückzunehmen und die Bewohner nicht weiter finanziell zu belasten.“ Bürgerinnen und Bürger hätten bereits „zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen, insbesondere wenn es um die hohen Mietpreise in unserer geliebten Stadt geht“. Passaro ist überzeugt: „Die Steuer wird keinen positiven Effekt haben.“
Auf Anfrage des chilli-Magazins erzählt Passaro, wie es zur Petition kam: „In der ersten Januarwoche stand ich vor dem Mundenhof und beobachtete, wie der Vater einer vierköpfigen Familie am Eingang Brezeln und etwas Warmes zu trinken für alle besorgen wollte.“ Als die Kassiererin ihnen den Preis genannt habe, sei der Vater entsetzt gewesen. „Er ging zurück zu seinen Kindern und sagte ihnen, dasstabs es ihm leidtue, weil sie heute nicht frühstücken könnten.“ Seine Frau habe ihn umarmt gesagt, dass er ja bald den neuen Job anfangen würde. „Die Enttäuschung in den Augen der Kinder machte mich wütend. Da war mir klar: ich musste etwas tun“, erklärt Passaro. Für ihn treffe die Steuer diejenigen am härtesten, die ohnehin schon stark belastet seien.
Grüne halten Kurs

Sophie Schwer (Grüne)
Treibende Kraft für die Einführung der Steuer war die Grünen-Fraktion im Gemeinderat. Das Ergebnis der finalen Abstimmung war mit 26 zu 22 Stimmen knapp. Auch Oberbürgermeister Martin Horn war gegen die Einführung. Grünen-Fraktionsvorsitzende Sophie Schwer findet den Weg dennoch weiterhin richtig: „Wir sehen die Kuriositäten, ich würde aber nicht sagen, dass das in der Breite nicht klappt.“ Die Umweltnaturwissenschaftlerin hört auch Positives: „Bei uns kommen auch Rückmeldungen an von den Leuten, die sagen, endlich passiert da mal was – lasst euch nicht einschüchtern.“
20.000 Einwegbecher landen laut Umweltschutzamt Freiburg täglich im Müll. Für Schwer ist es daher höchste Zeit zu handeln: „Das Problem braucht eine politische Antwort.“ Man könne mit Fug und Recht behaupten, man habe alles andere versucht. Als Beispiel nennt sie die aufwendige Augen-auf-Kampagne zur Sensibilisierung der Bürger·innen. Schwers Einschätzung der Lage: „Dass es jetzt so eine Welle macht mit der Verpackungssteuer, das ist auch ein Zeichen dafür, dass dieses Instrument jetzt tatsächlich eine Wirkung hat.“
Der Scheren-Trick
Ein Punkt hätte ihrer Meinung nach den Steuerstart weniger holprig machen können: „Wenn die Stadt mit einer Stimme spricht.“ Das Umweltschutzamt bemühe sich, das gut umzusetzen, die Stadtspitze mache Gegenstimmung.
Fakt ist: So manches Video ist zuletzt viral gegangen. So zum Beispiel das zur Umgehung der Steuer mit einer Schere: Patissier Matthäus Wenzlik zeigt in einem Facebook-Video auf seiner Seite „Frohnat.Bio“, wie er Holzgabeln einfach abschneidet, damit sie kleiner als zehn Zentimeter werden. „Dann kostet das gar nichts“, erklärt er im Video. Es wurde 1450 Mal geteilt, hat 626 Kommentare und 847.000 Aufrufe.
Gastronom stellt um

Scheren-Trick: Matthäus Wenzlik kürzt Gabeln, um die Steuer zu meiden. Fast eine Million Aufrufe hat das Facebook-Video.
Viel Reichweite hat auch ein Video vom Freiburger FDP-Stadtrat Franco Orlando bekommen. Der hauptberufliche Fahrradhändler will damit „versuchen, die Verpackungssteuer zu verstehen“. Das Video zeigt ihn im Café Ambrosia, wo ihn Gastronom Tim Cordell in die Kuriositäten der Steuer einführt: „Warm wird das Sandwich 50 Cent teurer“, erklärt er. Oder auch: Cappuccino mit Kuhmilch (7 Prozent Mehrwertsteuer plus Verpackungssteuer) ist günstiger als Cappuccino mit Hafermilch (19 Prozent Mehrwertsteuer plus Verpackungssteuer). Der Grund: Kuhmilch gilt als Grundnahrungsmittel.
Cordell fasst zusammen: Das alles in die Kasse einzuprogrammieren kostet Zeit und Geld und ist fehleranfällig – und der Kunde hat kein Verständnis dafür. Er selbst hat umgestellt: Warme Speisen, die sich nicht in Mehrwegbehältern ausgeben lassen, hat er aus dem Sortiment genommen.

Erklärt den Steuer-Murks: Tim Cordell vom Café Ambrosia im Instagram-Video von FDP- Stadtrat Franco Orlando.
„Druck erzeugen“
Weitere Kuriositäten gibt’s zuhauf: Eine Pizzeria verschenkt Kartons an ihre Kunden, die sie dann „mitbringen“ können. McDonald’s liefert auf den Parkplatz vor der Filiale, um die Steuer zu vermeiden. Denn Lieferdienste zahlen trotz Einweg keine Steuer. Für den Verzehr in der Filiale wird sie jedoch fällig.
Für Stadtrat Orlando ist die Steuer bereits gescheitert: „Wir waren von Anfang an dagegen, versuchen nun, durch Öffentlichkeitsarbeit den nötigen Druck zu erzeugen, um eine Abkehr von dieser Regelung zu bewirken.“ Als Bürger habe er sich zuletzt mehrmals dabei erwischt, wegen der Mehrkosten auf einen Einkauf zu verzichten. Das bedeute weniger Umsatz für die eh schon gebeutelte Gastronomie.
„Für uns easy“
Doch nicht alle Gastronomen schimpfen: „Bei uns betrifft das nur ganz wenige Artikel und für die Gäste ist es kein Problem“, sagt Christoph Wyen (52). Er leitet das Sedan Café in Uninähe. Ein beliebter Treffpunkt der alternativen Szene. „Es ist ein kleiner Aufwand, aber für uns ist das easy“, sagt Wyen. Er bezweifelt zwar, dass so Müll gespart werden kann, hofft aber, dass die Leute umdenken und mehr Mehrweg nutzen. Die Bereitschaft in seiner Bubble, das zu tun, sei schon länger da. Wie zum Beweis stapeln sich die Recup-Mehrweg-Becher beeindruckend hoch auf der Theke.
Positiv gestimmt ist auch Sattaya Narmsara. Der Betreiber des Chada-Thai-Restaurants in Herdern setzt schon seit Jahren auf Mehrweg. „Die meisten Kunden nehmen das hin“, erklärt er. Der Effekt ist deutlich spürbar: „Die Nutzung von Mehrweg hat sich bei uns dramatisch erhöht.“ Von Januar 2025 mit rund 38 Prozent auf rund 67 Prozent im Januar 2026. Also fast eine Verdoppelung. Nur dass mit der Mehrwertsteuer eine Steuer auf die Steuer erhoben werde, findet er merkwürdig.
Kund·innen nehmen Einweg
Umstellen musste sich auch Wolfgang Pfeifle von der Bäckerei Pfeifle. „Von unseren Verantwortlichen ist immer noch keiner glücklich über die Lösung“, berichtet er. Wenngleich natürlich etwas zu tun sei, wenn man nachhaltig arbeiten wolle. Pfeifle möchte daher mit anpacken: „Wir gehen den Prozess objektiv und konstruktiv an; alles andere wäre nicht authentisch und nicht lösungsorientiert.“ In seiner Bäckerei würden nach wie vor zwei Drittel der Kaffeebecher als Einweg bestellt. Die Kunden müssten dafür also Steuer zahlen – obwohl die Mehrwegvariante angeboten wird.
Fürs Rathaus ist nur ein Monat zu früh für eine Bilanz: „Das ist keine lange Zeit, um etwas so Komplexes wie eine Steuer zu bewerten“, erklärt Sprecher Kolja Mälicke. Die Beratungen für Gastrobetriebe laufen auf Hochtouren: „Seit November ist ein Team aus Kolleg·innen der Stadtkämmerei und des Umweltschutzamtes unterwegs und hat bisher rund 200 Betriebsstätten besucht.“ Dennoch gäbe es Unsicherheiten und Fragen zu speziellen Fällen. Dazu stehe man in engem Kontakt und veranstalte runde Tische.

„Für uns easy“: Christoph Wyen vom Sedan Café sieht’s entspannt und hat schon lange Mehrweg
„Das entlastet enorm“
Erste Effekte sind spürbar: „Einzelne Betriebe berichten uns, dass im Januar deutlich mehr Mehrweg nachgefragt wird oder Kund·innen ihre eigenen Behälter zum Befüllen mitbringen“, erklärt Mälicke. Auch die am „deutschlandweit einzigartigen Mehrwegverbund“ der Stadt teilnehmenden Betriebe würden Mehrwegbecher nachbestellen. Dieser Verbund bietet Betrieben unter anderem an, Mehrwegbehälter abzuholen, zu reinigen und wieder zu liefern. Teil davon ist auch ein Förderprogramm, das Betriebe finanziell bei der Umsetzung unterstützt.
Zudem berechnet der Verband die Pfandbeträge zwischen Ausgabebetrieben. „Das entlastet die Betriebe enorm“, so Mälicke. Denn eine hohe Mehrwegquote bedeute mehr logistischen Aufwand. „Genau hier bieten wir eine Lösung, die es so bisher nicht gab.“
„Meistens passende Lösung“
Der Verbund wächst schnell. „Im November hatten wir 67 Mehrweggegenstände im Spülzentrum“, erklärt Mälicke. Im Dezember seien es 156 gewesen. Im Januar 346. Soll heißen: „Die Menge verdoppelt sich aktuell jeden Monat.“ Mälicke sieht weitere gute Tendenzen: „Was uns besonders freut, ist: Meistens finden wir gemeinsam in den Beratungsgesprächen auch bei anfänglich weniger Begeisterung für das Thema passende Mehrweglösungen.“
Mälicke betont: „Mit der Mehrwegoffensive wollen wir Mehrweg für alle Freiburger·innen so einfach wie möglich machen – und für die Betriebe praktikabel und wirtschaftlich handhabbar.“ Anfang 2027 soll eine erste Bewertung erfolgen, um zu schauen, wo nachjustiert werden muss.
Influencer sieht Pro und Contra

Tendiert zu contra: Steuerfabi
Auch Freiburgs Finanzinfluencer Steuerfabi aka Fabian Walter schaut sich das genau an. Er hat ein virales Video zur Steuer beim Freiburger McDonalds gedreht. Das Smart-Menü dort kostet durch die Abgabe 1,68 Euro mehr. “Auch wenn noch völlig unklar ist, wie stark dieser Effekt in der Praxis wirklich sein wird – ich finde, die Verpackungssteuer könnte dazu beitragen, Müll im öffentlichen Raum zu reduzieren”, sagt Walter.
Die Steuer setze einen wichtigen finanziellen Anreiz zugunsten von Mehrweg. Dennoch glaubt er nicht, dass Betriebe und Kunden in Scharen auf Mehrweg umsteigen. “Zudem wird die Steuer in Form höherer Preise bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern landen.” Nach Abwägung von Pro und Contra bleibt für Steuerfabi: Die Nachteile überwiegen die Vorteile.
Erst drei deutsche Städte
Freiburg ist deutschlandweit erst die dritte Stadt mit einer solchen Abgabe nach Tübingen (2022) und Konstanz (2025). Wie komplex die Bewertung ist, zeigt Konstanz: Nach zehn Monaten bilanzierte das Rathaus dort, der Trend zu immer mehr Müll sei gebrochen. Doch die Kritik der Gastronomen kam schnell: Das liege daran, dass wegen steigender Preise einfach weniger gekauft werde.










