Oben wird’s eng: Wasserversorung der Höhenlagen bei Freiburg ist kritisch Featured | 04.08.2022 | Till Neumann

Glaswaldsee von oben Trügerische Idylle: Wasser im Schwarzwald wie hier im Glaswaldsee bei Bad Rippoldsau ist ein knappes Gut.

Vielerorts wird Wasser knapp. Im Ortenaukreis gibt es ein Verbot für die Entnahme aus Flüssen oder Bächen. Bis zu 100.000 Euro Strafe drohen bei einer gefüllten Gießkanne. Und Freiburg? Experten geben erst mal Entwarnung fürs Tal. Besorgt sind sie dennoch. Die Badenova will eine neue Trinkwasserleitung von Günterstal nach Hofsgrund bauen. 

„Da ist es sehr knapp“: Ralf Zähringer vom Umweltschutzamt zum Dreisampegel

Flüssige Lebensversicherung

„Die Trinkwasserversorgung in Freiburg ist gesichert“, sagt Ralf Zähringer. Der Vizechef des Freiburger Umweltschutzamtes ist sicher: „Da müsste sehr, sehr viel passieren, dass es knapp wird.“ Grund dafür sind die zwei gut gefüllten Grundwasserreservoire in Ebnet und dem Bad-Krozinger Ortsteil Hausen an der Möhlin. Letzteres bietet durch seine Lage im Oberrheingraben gewaltige Wasserreserven, erklärt Hydrologe Jens Lange von der Universität Freiburg. Es ist die flüssige Lebensversicherung der Stadt.

Dennoch könnte Freiburg höhere Pegel vertragen: So ist der größte Wasserverbraucher, die Chemie-Firma Cerdia, aktuell vom Dreisamgewerbekanal abgeklemmt. „Da ist es sehr knapp“, berichtet Zähringer. Es gelte die Regel: Wenn wenig Wasser in der Dreisam ist, wird der Gewerbekanal zugunsten der Natur automatisch geschlossen. Die Cerdia nutzt das Wasser zum Kühlen, sie könne sich notfalls mit einem Grundwasserbrunnen behelfen. Doch auch der sei limitiert. „Bisher hat es immer gereicht“, weiß Zähringer. Das gilt auch für den zweitgrößten Wasserverbraucher Freiburgs: die Brauerei Ganter. Was der Mangel für die Cerdia bedeutet, hat sie trotz mehrfacher Anfrage nicht mitgeteilt.

Wasser in See gepumpt

Der Umweltexperte Zähringer stellt fest, dass die Pegel in den vergangenen Jahren früher fielen als zuvor. „Das beschäftigt uns kritisch – landauf und landab“, sagt Zähringer. Mit dem Land versuche man, Strategien zu entwickeln, um mehr Wasser „in der Raumschaft zu halten“. Es soll nicht in den nächsten Fluss fließen, sondern in den Boden sickern. Auch das Entsiegeln von Flächen sei hilfreich. Eine trockene Dreisam ist für Fische und das Flussökosystem katastrophal, betont Hydrologe Lange. Im Juni hat  das Garten- und Tiefbauamt bereits Wasser in den unteren Deichelweiher beim Möslepark gepumpt. Auch da war es knapp.

Horben ist besorgt

Als Privatverbraucher müsse man sich keine Sorgen machen, erklärt Zähringer. Landwirte hingegen schon. So seien die Pegel an der Elz im Landkreis Emmendingen kritisch. Genauso sieht es in den Höhenlagen rund um Freiburg aus. Beispielsweise bangt die Schauinsland-Gemeinde Horben um ausreichende Versorgung: Sie verfügt über eine eigene Quelle, zudem kooperiert sie mit dem Zweckverband Wasserversorgung Hexental. Da seit 2018 die „Quellausschüttungen deutlich zurückgehen“, werde mittlerweile mehr Wasser aus dem Hexental gebraucht, berichtet Hauptamtsleiter Egbert Bopp.

Die nächste Herausforderung kommt: Derzeit wird das Gesundheitsressort Luisenhöhe in Horben fertiggestellt. Mit der Eröffnung werde sich der Wasserverbrauch der Gemeinde schlagartig nahezu verdoppeln, unterstreicht Bopp: „Es besteht die Sorge, dass insbesondere die Kombination aus anhaltender Trockenheit und Spitzenverbräuchen für das derzeitige System nicht leistbar ist.“

„Stärker als erwartet“

Daher steht eine Kooperation mit der Badenova im Raum. Wasser soll in knappen Zeiten den Berg hochgepumpt werden. „Wir wollen eine Trinkwasserleitung von Günterstal nach Horben, weiter nach St. Ulrich und dann nach Hofsgrund bauen“, informiert Klaus Rhode. Er ist Leiter der Sparte Wasser und Abwasser bei der Badenova-Tochter bnNETZE. Eine genehmigungsfähige Trasse zu finden ist kein Leichtes: „Natur- und Artenschutz werden eine Herausforderung in einem Gebiet wie dem Schauinsland.“

Die Trockenperioden häufen sich: „Die letzten sechs Jahre haben uns gezeigt, dass der Klimawandel angekommen ist, sogar stärker als erwartet“, sagt Rhode. Es müssten daher Vorsorgemaßnahmen getroffen werden, damit das Wasser in den Bergen nicht ausgeht. Zumal es bei der Hitze immer mehr Menschen genau dorthin ziehe.

Bewusster Umgang gefragt

Hydrologe: Jens Lange

Jens Lange bezeichnet die Trockenheit von 2018 bis 2020 als Dreijahresdürre: „An vielen Orten war es so extrem wie nie zuvor.“ Die Dreisam lag zum Schrecken vieler 2018 teilweise trocken. Bei March blieb nur eine Steinwüste, auch jetzt ist der Fluss dort wieder ausgetrocknet. Klaus Rhode nennt das Jahr 2003 als Extrembeispiel. Mit Trockenheit ab April und ohne Niederschlag bis November oder gar durch den Winter. „So etwas würde uns vor deutliche Herausforderungen stellen“, warnt Rhode. „Nicht weil wir kein Wasser mehr hätten, sondern weil wir das Wasser verteilt bekommen müssten.“

Der Experte appelliert an alle: Ein bewusster Umgang helfe, die Wasserversorgung zu sichern. Oberstes Gebot bleibe aber, CO2 einzusparen. Rhode: „Nur so können wir den Klimawandel abschwächen und damit auch die Wasserversorgung sichern.“

Umweltlandesanstalt warnt

Kreise wie die Ortenau haben bereits durchgegriffen. Das Landratsamt droht dort mit Strafen von bis zu 100.000 Euro bei einer Wasserentnahme aus Bächen oder Flüssen. Verhängt wurde eine solche Strafe bisher nicht, teilt die Pressestelle auf chilli-Anfrage mit. Doch das kann noch kommen: „Erfahrungsgemäß bleibt ein Verbot in trockenen Sommern über mehrere Monate bestehen, meist bis Oktober.“

Die Lage in Baden-Württemberg ist angespannt: „Das derzeitige Niedrigwasser in den Bächen und Flüssen ist außergewöhnlich niedrig für die Jahreszeit beziehungsweise früh im Jahr“, teilte eine Sprecherin der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) im Juni mit. Üblicherweise entwickelten sich entsprechende Niedrigwasser eher im Spätsommer.

In der Höhe könnte es heikel werden

Der Freiburger Hydrologe Lange warnt vor den Folgen eines heißen Sommers: „Horben hat nicht das Glück, an Hausen zu hängen.“ Dort oben lebe man von der Hand in den Mund. Werde der Sommer heiß und trocken, könnten zum Herbst Quellen sehr wenig Wasser liefern. Dann könne es heikel werden.

Auch das Recherchekollektiv Correktiv hat kürzlich eine umfassende Recherche zum Kampf ums Wasser veröffentlicht: Sie zeigt unter anderem, dass juristische Streitereien deutlich zunehmen. So hat sich die Zahl der Wasserprozesse in Baden-Württemberg in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Ein Grund dafür: Wer den Vorrang hat, wenn das Wasser knapp wird, ist in Deutschland nicht geregelt.

Klimawandel in Freiburg: Forscher fordert mehr Radikalität

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