Run auf Regionales: Lebensmittel-Lieferdienste profitieren von der Krise Featured | 19.06.2020 | Till Neuman

Gärtnerin

Die Wirtschaft liegt am Boden, viele Existenzen sind bedroht. Doch viele Anbieter regionaler Lebensmittel erleben ein unverhofftes Hoch. Freiburger Lieferdienste kommen teilweise nicht mehr hinterher. Marktbeschicker haben dafür hart zu kämpfen. Die Hoffnung ist groß, dass Regionales langfristig profitiert.

Nahezu verzehnfacht haben sich die Bestellungen bei den Freiburger „Marktschwärmern“ zu Beginn des Shutdowns. Das berichtet Projektleiterin Barbara Schneider. Von teilweise nur fünf Aufträgen pro Woche kam sie mehr oder weniger über Nacht auf satte 50. Die Ursache ist für die 45-Jährige glasklar: „Regionalität und Solidarität sind in der Krise wichtiger geworden.“

Schneiders Initiative ist Teil eines Netzwerks. 74 Marktschwärmereien gibt es in Deutschland. Allein acht neue sind in Corona-Zeiten dazugekommen, berichtet die Bundespressestelle. Wie alle Marktschwärmer bietet auch Schneider ausschließlich Produkte von regionalen Erzeugern an. 10 bis 20 Produzenten machen mit – saisonal schwankend. Sie liefern Obst, Gemüse, Fleisch und vieles mehr.

Kunden bestellen und bezahlen online. Abholen können sie die Ware jeden Donnerstag von 17.30 Uhr bis 19 Uhr im Restaurant „Hier und Jetzt im Turmcafé“ in Freiburg-Zähringen. Sie treffen dort persönlich auf die Produzenten.

Schneider, die seit 2017 am Start ist, sieht ihr Projekt als Überzeugungsarbeit. „Ich will den Landwirten helfen und den Leuten zeigen: kauft regional.“ Wirklich Geld mache sie damit nicht. Auf 2000 Euro beziffert sie den Wochenumsatz in Corona-Hochzeiten. Rund 80 Prozent der Einnahmen gehen direkt an die Erzeuger. Den Mehraufwand hat ihr Team „gerockt bekommen“. Ihr Angebot haben sie in Zeiten der Kontaktsperre sogar erweitert: Zusätzlich zur Abholung gab’s einen kostenlosen Lieferservice – insbesondere für ältere Kunden.

Marktschwärmer

Liefern Regionales: Barbara Schneider (links) mit Andy Wood von den „Marktschwärmern“

Regionales direkt an die Haustür – das gibt’s auch beim jüngsten aller Freiburger Lebensmittel-Lieferdienste. Eine Art Amazon für die Region hat Landwirtin Katharina Mensch im März ins Leben gerufen. Die 37-Jährige aus Freiburg-Opfingen züchtet hauptberuflich Hühner. Nebenbei schultert sie die Initiative „Regional Bringt’s“. Auch dort können Kunden Lebensmittel aus der Region im Netz bestellen. Und bekommen sie schon am Folgetag geliefert.

Die Idee hatte Mensch schon vergangenes Jahr dem Ernährungsrat der Stadt Freiburg vorgestellt. Konkret wurde es erst, als Corona kam. „Der Wind stand günstig“, sagt die Landwirtin. Ihr bester Wert bisher: 42 Bestellungen an einem Tag. Meist sind es etwa 20. Im Angebot sind Kirschen, Steaks oder Schnittlauch.

Auf 60 Bestellungen täglich müsste die Menge steigen, um damit etwas zu verdienen. Doch mit dem Start ist sie zufrieden. In der Innenstadt fährt ein Bekannter die Lieferungen per Lastenrad aus. Wer sich die fünf Euro Liefergebühr sparen möchte, kann die Waren auch direkt bei der Brauerei Ganter an der Fabrikstraße selbst abholen – ein Gratis Bier gibt’s dann obendrauf. Rund 170 Produkte hat sie im Angebot. „Alles, was die Region bietet“, betont Mensch. Sogar tiefgekühlte Flammkuchen sind dabei.

Zum Liefer-Establishment zählen dafür längst die Gemüsekisten-Abos. Seit 1996 bietet beispielsweise Ursula Weigmann Bio-Lebensmittel als „Gemüse im Abo“ an. In einer Kiste werden diese bis zur Haustür gefahren. „Es gab auch bei uns extrem viele Neubestellungen“, berichtet Weigmann von ihrem Klosterhof in Gundelfingen. Statt 1300 Kisten pro Woche liefert ihr Team nun 1600 Kisten aus. Hinzu kam, dass bestehende Kunden „einfach mehr bestellt haben“, teils auch Extraportionen für ihre Verwandtschaft. Der Clou ihres Angebots: Kunden können wöchentlich Extrawünsche angeben.

Die Verfügbarkeit der Lebensmittel sei trotz des Runs kein Problem, berichtet Weigmann. Doch bei der Logistik klemmt’s durch das Corona-Hoch. So muss sich ein Freiburger Pärchen gedulden, das Anfang Juni Kunde werden wollte. Auf deren Bestellung antwortete Weigmanns Team: „Momentan haben wir sehr viele Anfragen und benötigen noch etwa zwei bis drei Wochen, bis wir alle Neukunden/-innen von der Warteliste in die Touren eingeplant haben.“ Hektisch seien die Wochen gewesen, berichtet die Gemüse-im-Abo-Chefin. Doch die Freude überwiegt,  „dass sich die Kundschaft für uns als regionalen Lieferanten entscheidet“.

Davon kann auch Cowfunding ein Lied singen. Hinter dem Wortspiel aus Cow und Crowdfunding steht eine weitere Lebensmittelinitiative aus der Region. Online bieten Moriz Vohrer und sein Team dabei Fleisch von noch lebenden Tieren an. Erst wenn es gänzlich verkauft ist, wird geschlachtet. Dann kann der Kunde seinen Anteil freitags bei Metzger Schmidt in der Wiehre abholen oder bekommt es bundesweit als Kühlpaket im Expressversand per Post.

Frau mit Huhn

Setzt auf regional: Katharina Mensch von „Regional Bringt‘s“ mit einem ihrer Sundheimer Hühner

„Mitte März sind die Bestellungen ziemlich angestiegen“, berichtet Niklas Kullik von Cowfunding. Etwa verdoppelt hat sich die Menge – von 50 auf 100. Doch nicht alles war positiv: Den Test, mehr mit der Gastronomie zu kooperieren, musste Cowfunding abbrechen. Denn mögliche Partner hatten vorübergehend geschlossen.

Hat’s schwer: Ireneus Frost

Von Schwierigkeiten kann auch Ireneus Frost berichten. Der Münstermarkt-Verkäufer mit Produktion in Zähringen hat harte Monate hinter sich: „Das war Saure-Gurken-Zeit, wir hatten 90 Prozent weniger Umsatz.“ Um das abzufedern, bot auch der 37-Jährige einen kostenlosen Lieferdienst an. Die Einbußen auf dem Markt konnte das aber nicht abfedern. An einem Wochentag hatte er nur 30 Euro Umsatz. An einem Samstag seien es nur 65 Euro gewesen.  „Sehr bitter“, sagt Frost.

Dass die Leute verstärkt „zum Discounter pilgern“ findet er „spooky“. Dennoch ziehe der Verkauf langsam wieder an. Für 2020 hofft er wenigstens auf eine schwarze Null. „Dann wäre ich happy.“ Frost glaubt, dass es längerfristig eine Rückbesinnung auf Regionales geben kann. Weg von „Global-Player-Scheiße hin zum geilen Angebot beim Bauern“.

Im Vergleich dazu ist Barbara Schneider von den Marktschwärmern gut durchgekommen. Sie bringt die Lage der Profitierenden auf den Punkt: „Es tut weh, das in der Krise zu sagen, aber für uns gab es einen Schwung.“ Sie stellt fest: „Wir konzentrieren uns mehr aufs Wesentliche.“ Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern im lokalen Lebensmittelbusiness verbindet sie eine Hoffnung: dass das gestiegene Bewusstsein für regionale Erzeuger von Dauer ist. 

Feste Quoten für den Münstmarkt

Der Münstermarkt teilt sich in Süd- und Nordhälfte. Auf der Südseite können Waren ohne regionale Bindung verkauft werden. Für den Norden sind „ausschließlich Lebensmittel aus Obst-, Gartenbau und Landwirtschaft aus einheimischer Eigenproduktion zugelassen“.

Fremde Artikel ins Angebot zu nehmen, ist erlaubt, „wenn diese Waren eindeutig gekennzeichnet sind und 30 Prozent des gesamten Sortiments eines Standes nicht überschreiten“, teilt die FWTM mit. Das muss nachweisbar sein: „Die Selbsterzeuger_innen haben der Marktverwaltung einen Berufsgenossenschaftsnachweis oder einen eindeutigen Nachweis der Eigenproduktion vorzulegen. Bei Auffälligkeiten sprechen die zuständigen Mitarbeiter die betreffenden Beschicker an.“

Fotos: © iStock/ Jay Yuno, privat, Till Neumann, Andreas Reinbolz