„Wo sind die Musikerinnen?“ Kollektiv fordert Diversitäts-Quote Featured | 07.09.2022 | Till Neumann

Frauenpower beim Sea-You-Festival: DJane Marika Rossa. Der Festival-Chef ist dennoch gegen eine Quote.

Stehen auf deutschen Festival-Bühnen zu wenig Frauen? Die Debatte ist nach den Zwillingsfestivals Rock am Ring und Rock im Park durch Deutschland gerauscht. Auch in Freiburg ist das ein Thema: Das Kollektiv Locartista hat daher eine Datenbank für sogenannte Finta-Acts ins Leben gerufen. Die Haltung der Verantwortlichen von ZMF und Sea You zeigt die Gegenpole.

„Haarsträubendes Übergewicht“

„Bei Rock am Ring hat das Bier mehr Prozente als der Frauenanteil.“ Mit dem Satz brachte Carolin Kebekus das Problem 2021 auf den Punkt. Auch in diesem Sommer ärgert sich die Moderatorin: Rock am Ring hat nur knapp die Fünf-Prozent-Marke beim Frauenanteil geknackt (5,6). Kebekus veranstaltete das Protest-Festival „Ring am Rock“ und veröffentlichte dazu den Sampler „Cock am Ring“. Als Schirmherrin war Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) dabei. Sie kreiden ein „haarsträubendes Übergewicht an Männern“ bei vielen Festivals an.

Auch die Freiburger Aktivistinnen von Locartista ärgert das. Sie haben eine Datenbank ins Netz gestellt. Sie listet sogenannte Finta-Künstler·innen und -Kulturschaffende mit Freiburg-Bezug. „Wir möchten damit ihre Hör- und Sichtbarkeit steigern“, schreibt das Kollektiv. Organisator·innen von Kulturveranstaltungen sollen leichter Finta-Künstler·innen finden. Finta steht für „female, inter, nichtbinäre, trans und agender“-Personen. Locartista kreidet an: „Kulturelle Veranstaltungen in Freiburg sind nach wie vor heteronormativ-männlich geprägt.“

Engagiert: Locartista fordern mehr Diversität auf Freiburgs Bühnen – auch mithilfe einer Datenbank.

Wie es zur Datenbank kam, berichtet Locartista-Sprecherin Beatrice Wagner: „Wir haben uns gefragt: Mensch, wo sind die ganzen Musiker·innen? Die muss es doch geben.“ Daher machte sich die Initiative aktiv auf die Suche und organisierte 2018 ein erstes Festival. „Man fühlt sich als Musikerin etwas allein“, sagt Wagner. Die 30-Jährige ist Drummerin bei einer feministischen Punkband.

Erfolgreiches Tool

Bei der Suche kam einiges zusammen, erzählt die Aktivistin. Zuerst ging eine Website online, dann kam die Datenbank. Auf der können sich Personen selbst eintragen. „Die Liste ist für alle Kunstformen offen“, erklärt Wagner.

Florine Puluj und ihrer Band

Sängerin: Florine Puluj ist Teil der Datenbank

Das Tool hat Erfolg, teilt Locartista mit. „Wir haben die Rückmeldung vieler Künstler·innen, dass sie dadurch mehr Bookings bekommen“, sagt Wagner. Bestätigen kann das Florine Puluj. Die Sängerin der Jazz-Band Triaz, auch bekannt als Soloact FoFo, ist kürzlich aufgrund der Datenbank für ein Konzert gebucht worden. Die 28-jährige Freiburgerin findet den Ansatz gut: „Je mehr darauf aufmerksam gemacht wird, desto bewusster wird es.“ Zuletzt hatte sie eine Auseinandersetzung mit einem Promoter. Puluj ist überzeugt: „Er hat uns so klein dargestellt, mit einem Mann hätte er das nicht getan.“

Kritik am chilli

Die Sängerin fordert von Bookern und Medien: „Es muss eine bessere Recherche her.“ Die Acts seien vorhanden. So sieht das auch Beatrice Wagner. Ihr Kollektiv kritisiert auch das chilli-Magazin: Als die Redaktion Ende 2021 wieder mal die Freiburger Tracks des Jahres zusammenstellte, schlugen die Aktivistinnen Alarm auf Instagram. Das chilli würde Songs von etwa 43 Personen als Solo-Acts oder in Bandformationen präsentieren. Darunter seien allerdings nur zirka „zwei weiblich gelesene Personen“. Das mache eine Finta-Quote von 4,6 Prozent. Als Konter veröffentlichte Locartista eine eigene Auswahl an Lieblingstracks – ausschließlich von Finta-Acts.

Und die Freiburger Festivals? Beim ZMF 2022 standen nach chilli-Zählungen bei 19 von 48 Acts im Hauptprogramm Musikerinnen mit auf der Bühne. Das macht 40 Prozent. Ihr Anteil insgesamt auf die Zahl der Musiker·innen ist jedoch deutlich kleiner. Spielt Diversität beim Booking eine Rolle? „Teilweise ja“, sagt Festival-Chefin Hannah Teepe. Das Team schaue darauf, dass „ein paar mehr Künstlerinnen dabei sind“. Einfach umzusetzen sei das aber nicht: „Manchmal hat man einfach nicht die Mordsauswahl.“ Es seien viele Kriterien bei der Programmplanung zu berücksichtigen, Frauen zu booken, sei nicht das Hauptaugenmerk.

„Quoten sind Blödsinn“

Locartista fordert daher eine Quote – auch für das ZMF: „Egal ob Line-up oder Liste: mindestens 50 Prozent Finta-Artists muss drin sein!“, schreibt das Team auf Instagram. „Ich sehe das kritisch“, sagt Teepe. Sie hat Bedenken, dass man damit „ein Eigentor schießt“. Auch was hinter der Bühne passiere, sei entscheidend. „Es gibt kaum weibliche Booker“, sagt Teepe.

Gegen eine Quote: Bela Gurath

„Quoten sind völliger Blödsinn“, betont Sea-You-Chef Bela Gurath. Sein Team buche das Programm nach anderen Kriterien: „Qualität und fachliche Kompetenz sind entscheidend, darauf achten wir.“ Bei seinem Elektrofestival habe das Line-up schon seit Jahren 20 bis 30 Prozent Frauenanteil bei den Headlinern. Auch die Aktion von Kebekus findet er daneben.

Wagner ist anderer Meinung: Sie wünscht sich, dass Line-ups bewusster zusammengestellt werden. „Wenn solche Menschen nicht sichtbar werden, dann ändert sich auch nix.“ Den Ansatz verfolgt auch das Freiburger Female Focused Festival „Rap Fatale“. Es sollte Anfang August im Haus der Jugend steigen. Die Macherinnen teilten jedoch auf Instagram mit: Wegen eines Ausfalls des Hauptacts und zu wenig verkaufter Karten wird es kurzfristig verschoben.

Fotos: © Foto: © Frank Fischer & Amina Mosley & Till Neumann & Locartista

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