Zwischen Business und Bierbecher – Der SC Freiburg schlägt ein neues Kapitel auf Featured | 13.10.2021 | David Baldysiak

Testspiel Europaparkstadion

Vor fast zehn Jahren begann die Planung. Nach 35 Monaten Bauzeit und Ausgaben von 76 Millionen Euro, 131 Millionen inklusive Infrastruktur, hat der SC Freiburg sein neues Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen den FC St. Pauli eingeweiht.  34.700 Fans haben hier Platz, knapp 14.000 mehr als im Dreisamstadion. Der Neubau könnte eine Zäsur darstellen.

Plötzlich ist es dunkel. In der 65. Spielminute fällt sekundenlang das Flutlicht aus. Das erste Spiel in der neuen Arena gegen St. Pauli ist in jeder Hinsicht ein Testspiel: Funktioniert die teure Anlage? Überträgt sich die Stimmung aus dem wunderbar aus der Zeit gefallenen Dreisamstadion in die moderne Arena am Mooswald?

Schon um 15 Uhr strömen die ersten Fans zum Stadion. Um halb sieben ist Anpfiff. Statt nach Osten geht die Anfahrt nun gen Westen in Richtung Mooswald. Ein Mädchen im schwarzen Pulli läuft alleine über den Parkplatz und singt vor sich hin: „Haaallo Südtribüne, Haaallo Nordtribüne.“ Mit diesem Gesang begrüßen sich 15.000 Fans später im unter Pandemie-Auflagen ausverkauften Stadion.

Schon vor Spielbeginn gibt es Spektakel. Der Europa-Park hat als neuer Namensgeber eine Show mit Artist·innen, Tänzer·innen und Feuerwerk organisiert. Unter die Begeisterung über die Show mischen sich Buh-Rufe. Die Ultragruppierung „Immer wieder Freiburg“ (IWF) rollt ein Banner aus: „Das hat mit Fußball nichts zu tun.“ Außerdem hängt ein großes „Mooswaldstadion“-Transparent hinter dem Tor – nicht jeder ist mit dem neuen Namen glücklich.

Auch Streich braucht Zeit

Abgesehen von der Einlage zur Eröffnung bleiben die Rituale vor Spielbeginn die gleichen: Es ertönt das Badnerlied, das Publikum reckt seine Schals über die Köpfe. Mit denen wedeln die Anhänger, als der Vereinssong „SC Freiburg vor“ aus den Lautsprechern schallt. Schnell liegt der Geruch von Wurst, Bier und Tabak in der Luft.

Das Spiel bietet keinen Anlass zur Verstimmung: Vom kurzen Lichtausfall lässt sich die Mannschaft nicht beirren: Zu dem Zeitpunkt steht es nach zwei herrlichen Toren von Vincenzo Grifo bereits 2:0. Drei Minuten danach köpft Eigengewächs Nishan Burkart zum 3:0-Endstand. Auf dem Platz läuft  alles wie geschmiert, wie so oft in dieser Saison. Die sportliche Ausgangslage vor dem Umzug könnte kaum besser sein. In der Liga hat Freiburg als einzige Mannschaft noch nicht verloren, grüßt mit 15 Punkten momentan von Platz vier der Tabelle.

Cheftrainer Christian Streich fühlt sich noch nicht heimisch: „Ich muss mich erst dran gewöhnen.“ So geht es wohl auch den Fans, die sich auf den Stehplätzen der Südtribüne versammeln. Zu Beginn stocken die Gesänge noch, brechen nach Sekunden ab. Später haben sich die Anhänger eingesungen und prüfen insbesondere bei der Auswechslung von Grifo lautstark die Akustik der neuen Heimstätte.

Auch die Anhänger stören sich nicht an der Stadionlicht-Panne: Von den Stehplätzen auf der Südtribüne erschallt das alte Sankt-Martins-Lied: „Mein Licht ist aus, wir gehen nach Haus, rabimmel, rabammel, rabumm!“

2000 Businessplätze gibt es jetzt beim SC Freiburg. Dort tummelt sich die Lokalprominenz: ehemalige Spieler wie Pavel Krmas oder Richard Golz, Politiker wie die ehemaligen Freiburger Bundestagsabgeordneten Matern von Marschall (CDU) und Tobias Pflüger (Die Linke), sowie Trainerlegende Volker Finke und der ehemalige SC-Präsident Fritz Keller.

Wie ein großes Klassentreffen in gehobener Atmosphäre wirkt das. Bei Freigetränken und üppigem Buffet weihen unter anderem Oliver Leki, Vorstand Finanzen, Jochen Saier, Vorstand Sport, und Oberbürgermeister Martin Horn mit salbungsvollen Worten das Stadion ein. Erleichtert wirken die handelnden Personen, was auch den Kämpfen geschuldet sein dürfte, die der Neubau mit sich brachte. Vom Volksentscheid 2015 über die Klagen von Anwohner·innen, die immer noch nicht vollständig ausgeräumt sind, bis zu massiven Schwierigkeiten beim Bau selbst.

„Die VIP-Bereiche sind zu dominant“

Die Stimmung im VIP-Bereich ist heiter. Man kann hier speisen wie im Gourmetrestaurant, inklusive Livemusik. Das Spiel ist da eine angenehme Nebensache. So teilt auch nicht jeder die Begeisterung für die neue Spielstätte bedingungslos. Ex-Stadtrat Simon Waldenspuhl hätte sich ein anderes Stadion gewünscht: „Die VIP-Bereiche sind mir zu dominant. Es wird mir alles zu sehr kommerzialisiert. Ich hätte auch einen anderen Namen präferiert.“ Ins Dreisamstadion will er weiterhin gehen: zu den SC-Frauen und zur U23, die jetzt in die alte Heimat der Profimannschaft ziehen.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich der Sportclub bewegt: Der Verein kultiviert ein Underdog-Image, sieht sich als gallisches Dorf im Haifischbecken Bundesliga. Mit einem Kaderwert, der inzwischen im Mittelfeld der Tabelle angesiedelt ist, und diesem hochmodernen Stadion wird ihm das in Zukunft schwerfallen. Der Neubau stellt eine Zäsur in der Kultur des Vereins dar. Auch wenn man in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Worte wie Demut aus Vereinskreisen hört, auch wenn immer wieder mantraartig versichert wird, man wisse, wo man herkomme, so wird man sich in Zukunft beim SC zumindest intern andere Ziele stecken müssen. Die Erwartungshaltung wächst.

Das Fazit fällt nach dem ersten Spiel bei vielen Fans positiv aus. Leonie (23), Leonard (24), und Yannick (24) haben den Sieg auf der Südtribüne miterlebt: „Das Drumherum ist viel besser, man bringt sich nicht mehr halb um, wenn man in die Straßenbahn steigt.“ Im Vergleich zum alten Stadion seien die Toiletten super, die Schlangen an den Imbissständen allerdings zu lang. Das ist nach dem Spiel öfter zu hören.

Für sie ist der Funke übergesprungen, aber so geht es nicht allen. „Der Flair kommt nicht rüber“, findet Niko, 37. Über zehn Jahre ist er ins Dreisamstadion gegangen, „das war was Besonderes.“ Seine Gemütslage dürfte die vieler Fans sein: „Es geht weiter, aber ein bisschen Wehmut ist dabei.“

Foto: © David Baldysiak