Abgründig komisch: Der letzte Wikinger – furiose Odyssee zwischen Wahn, Witz und Wunden Filmtipp | 28.12.2025 | Michaela Moser
Anders Thomas Jensen bleibt sich treu: In Therapie für Wikinger verwandelt der dänische Meister des rabenschwarzen Humors eine einfache Ausgangssituation in ein irrwitziges Geflecht aus Identitätssuche, brüderlicher Verzweiflung und existenzieller Komik.
Im Zentrum stehen die Brüder Anker (Nikolaj Lie Kaas) und Manfred (Mads Mikkelsen), deren Leben seit einem missglückten Bankraub auseinandergebrochen ist. Nach 15 Jahren Haft kehrt Anker zurück – mit einem klaren Ziel: die damals vergrabene Beute finden. Doch sein Bruder Manfred, einst für das Versteck verantwortlich, hat sich längst in eine andere Realität verabschiedet. Seine Identitätsstörung ist zum bizarren Gesamtkunstwerk geworden. Er nennt sich nun John (nach seinem Beatles-Idol), Musik ist sein Rückzugsort, Erinnerungen sind Nebelschwaden.
Jensen inszeniert diese Konstellation mit einem Gespür für groteske Übertreibung, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Umzug der Brüder in ihr altes Elternhaus, inzwischen eine Airbnb-Unterkunft, die von einer temperamentvollen Boxerin betrieben wird, markiert den Einstieg in ein absurd-komisches Kammerspiel. Während man sich fragt, ob dieser Ort tatsächlich Manfreds Erinnerungen hervorlocken kann, sitzt dem Duo bereits die Vergangenheit im Nacken: Ankers ehemaliger Komplize Friendly Flemming fordert seinen Anteil – und er tut es mit einer brutalen Vehemenz, die das dünne Gleichgewicht der beiden Brüder endgültig aus dem Tritt bringt.
Doch bei aller Krimi-Spannung ist Therapie für Wikinger vor allem ein Film über Identität. Jensen zeigt, wie sehr wir von den Blicken anderer geprägt werden und wie viele widersprüchliche Facetten in jedem Menschen schlummern. Inmitten der düster-grünen Wälder Dänemarks entfaltet sich ein ebenso schräger wie berührender Reigen aus Selbstfindung und familiärer Verbundenheit. Es gelingt ihm, das Psychologische mit dem Grotesken zu verweben.
Die Stärke des Films liegt in der Balance: zwischen bissigem Witz und echter Tragik, zwischen Actionmomenten und stillen, fast zärtlichen Brüderdialogen. Das vertraute Ensemble trägt viel dazu bei, dass die Geschichte trotz ihrer Überdrehtheit emotional verankert bleibt. Manfreds Kampf um das eigene Ich und Ankers verzweifelte Hoffnung, seine
Familie wiederherzustellen, geben dem Humor Tiefe.
Therapie für Wikinger ist damit weit mehr als eine Krimi-Komödie: Es ist eine wunderbar schiefe Fabel über das Menschsein, darüber, wer wir sind – und wer wir gern wären. Jensen lädt das Publikum ein, gelassener auf sich selbst und auf andere zu blicken. Und er beweist einmal mehr, dass im Absurden oft die ehrlichste Wahrheit steckt.
Therapie für Wikinger
Dänemark
Regie: Anders Thomas Jensen
Mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Sofie Gråbøl
Verleih: Neue Visionen Filmverleih/Splendid Film
Laufzeit: 116 Minuten
Start: 25.12.2025









