Die ersten Stunden: Bonding wird an vielen Kliniken mittlerweile großgeschrieben findefuchs | 02.01.2018 | Tanja Senn

Eine innige Eltern-Kind-Beziehung von Geburt an – das meint der Begriff „Bonding“. In vielen Kliniken wird heute großer Wert darauf gelegt, dass dieser Beziehungsaufbau direkt nach der Geburt beginnen kann. Schließlich findet das Baby so nicht nur Geborgenheit in einer fremden Welt, auch die gesundheitlichen Vorteile sind groß.

Ein stabiler Blutzuckerspiegel, weniger Probleme beim Stillen oder eine geringere Gefahr von Neugeborenengelbsucht – immer wieder gibt es neue Erkenntnisse darüber, wie sich Bonding positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. „Früher war das noch ganz anders“, erinnert sich Gerda Weiser, die seit 25 Jahren als Hebamme arbeitet. „Da wurde das Kind erstmal vermessen und gewaschen. Heute legen Hebammen und Ärzte großen Wert darauf, dass sofort Körperkontakt hergestellt wird.“ Dafür wird der Mutter das Kind auf die Brust gelegt, so dass es die Körperwärme spürt und den Herzschlag hört. „Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen an, die die Klinik bietet“, macht die Kreisvorsitzende des regionalen Hebammenverbands deutlich, „etwa die Arbeitsbelastung oder wie ungestört die Mutter mit ihrem Neugeborenen die erste Zeit nach der Geburt erleben darf.“

Auch der Vater wird, wenn möglich und gewünscht, mit einbezogen. Gerade nach einem Kaiserschnitt darf das Baby zunächst bei ihm auf die Brust, während die Mutter noch im Operationssaal ist.

Dabei sollten die ersten Stunden nach der Geburt jedoch nicht überschätzt werden. Bei manchen Müttern dauert es ein paar Tage, bis sich eine intensive Bindung zu ihrem Kind herstellt. Manchmal ist es auch erst beim ersten Lächeln so weit, oder wenn die Mutter das Kind zum ersten Mal beruhigen konnte.

Nicht immer ist der Kontakt direkt nach der Geburt überhaupt möglich, etwa weil das Neugeborene aufgrund einer Frühgeburt oder bei anderen Komplikationen auf die Intensivstation verlegt werden muss. Dann bieten viele Kliniken das sogenannte „Känguruhen“ an, wobei das Baby – meist schon einige Tage nach der Geburt – auf der nackten Brust von Mama oder Papa kuscheln darf.

Schließlich ist Bonding ein Prozess, der schon während der Schwangerschaft beginnt und ein Leben lang anhält.

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