Legasthenie & Dyskalkulie: Wenn Buchstaben & Zahlen zum undurchsichtigen Dschungel werden findefuchs | 10.03.2018 | Isabel Barquero

LRS – drei Buchstaben, die das Leben einer Familie vollkommen auf den Kopf stellen können. Als LRS bezeichnet man eine Lese-Rechtschreib-Störung, auch Legasthenie genannt. Betroffene, sowohl Kinder als auch Erwachsene, haben massive Probleme beim Erlernen des Lesens und Schreibens. Unabhängig davon können Schulkinder auch eine Rechenstörung (Dyskalkulie) entwickeln.

Trotz normaler Intelligenz und einem extremen Lernaufwand bringen Kinder und Jugendliche, die darunter leiden, häufig schlechte Noten nach Hause. „Sitzenbleiben ist dennoch keine Lösung“, betont Christine Sczygiel, Vorsitzende des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Welche Optionen es für Kinder gibt und wie Eltern eine solche Störung feststellen können, verrät chilli-Autorin Isabel Barquero.

Wenn Kinder lesen und schreiben lernen, sind die Wörter anfangs ein unbekannter Code. In den ersten Schuljahren werden diese fremden Symbole Schritt für Schritt verinnerlicht. LRS erschwert diesen Prozess: Der Code kann nicht in der üblichen Art und Geschwindigkeit entziffert werden. Ebenso gibt es Kinder, die mit Buchstaben umgehen können, dafür aber mit Zahlen auf „Kriegsfuß“ stehen. Wenn Störungen im Verständnis von Mengen und Zahlen vorliegen, bezeichnet man das als Dyskalkulie. Laut BVL sind allein in Deutschland drei bis acht Prozent der Kinder von Lernstörungen betroffen.

Beide Störungen führen oft zu Problemen in der Schule. „Neben Schulangst oder Schulverweigerung entwickeln Kinder häufig psychische Störungen wie mangelndes Selbstbewusstsein – was emotionale Probleme wie Ängste oder Depressionen hervorrufen kann“, sagt Diplompsychologin Anne Vornholt-Bahmann von der Breisgauer Initiative für Lerntherapie (BRILE). Daraus können psychosomatische Probleme oder auch soziale Schwierigkeiten wie Einsamkeit, Aggression und Verhaltensauffälligkeiten entstehen.

Eine frühzeitige Diagnostik könnte also viel Leid ersparen. Um die Chancen betroffener Kinder rechtzeitig zu verbessern, sollten erste Anzeichen frühzeitig beim Arzt und Psychiater abgeklärt werden. Wird eine entsprechende Diagnose gestellt, können Familien Therapie- und Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Doch wie können Eltern erste Anzeichen (siehe Infokasten) erkennen und rechtzeitig eingreifen?

Erziehungswissenschaftler und Forscher vermuten, dass die Ursachen im genetischen Bereich liegen. Wenn also LRS oder Dyskalkulie bereits bei anderen, nahen Verwandten aufgetreten ist, besteht für das Kind ein erhöhtes Risiko, ebenfalls betroffen zu sein. Diese Störungen treten in allen sozialen Schichten auf – sind also unabhängig von äußeren Einflüssen. Allerdings sind die äußeren und sozialen Einflüsse wichtig für den Verlauf der Störung.

„Legasthenie ist eine Störung, die nicht direkt sichtbar ist. Man kann lediglich deren Auswirkungen bemerken“, erklärt Vornholt-Bahmann. „Wenn Eltern erkennen, dass ihr Kind Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen hat, sollten sie diesem Eindruck vertrauen.“ Der Rat, man solle noch abwarten, mit der Zeit würden sich die Probleme legen, sei falsch. Von allein passiere meist wenig. Einfach mehr zu üben führe – gerade beim Rechnen – meist auch nicht zum Erfolg. Die Lerntherapeutin empfiehlt: so früh wie möglich kompetente Hilfe und Rat holen.

Schwachpunkt: Schreiben ist für Kinder mit Legasthenie eine echte Herausforderung.

Eine erste Anlaufstelle hierfür ist der BVL. Dieser hilft Eltern und Pädagogen, gute Wege im Umgang mit der Problematik zu finden. „Kinder mit LRS erhalten in den Schulen zu wenig gezielte Förderung“, bemängelt Sczygiel. „Die Erwartung der Schulen, dass Eltern intensiv mit ihren Kindern üben, löst das Problem nicht.“ Die Bundesvorsitzende des BVL fordert die Schulen auf, aktiv zu werden. Schließlich sind nicht alle Eltern in der Lage, außerschulische Therapien für ihre Kinder zu finanzieren.

Allerdings macht es der zunehmende Lehrermangel vielen Schulen schwer, qualifizierte Förderkräfte für Kinder mit einer Lernstörung zu finden und individuelle Förderkonzepte auszuarbeiten. „Der boomende Nachhilfemarkt ist ein Zeichen für das Versagen unseres Schulsystems“, beklagt sie. „Pädagogen müssen schnellstmöglich besser qualifiziert werden, um Kinder bei Lernproblemen zu unterstützen. Kinder und Familien damit allein zu lassen, ist nicht mehr länger hinnehmbar.“

Außerdem fordert der BVL eine Zusammenarbeit mit gut qualifizierten Therapeuten, die in die Schule eingebunden werden, um die Lehrkräfte zu entlasten und den Kindern die Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen. Sitzenbleiben sei laut Sczygiel keine Lösung. „Die Kinder werden dadurch zusätzlich seelisch belastet. Das ist der falsche Weg.“

BRILE bietet genau diese Zusammenarbeit in ihren Lerntherapien. „Die Kooperation von Lerntherapeutin, Eltern und Lehrern ist ein wichtiger Bestandteil unserer Lerntherapie“, sagt Vornholt-Bahmann. Richtlinien regeln dabei, wie betroffene Kinder ihre Nachteile ausgleichen können. Das bedeutet: mehr Zeit, andere Aufgaben, keine Benotung der Rechtschreibung, die Möglichkeit, Leistungen mündlich zu prüfen und der Einsatz von Hilfsmitteln.

Kinder mit Lernstörungen weisen oft besondere Begabungen in anderen Gebieten auf – etwa im sportlichen, technischen oder handwerklichen Bereich. Vornholt-Bahmann rät Eltern, diese Talente zu stärken: „Da die Kinder meist sehr unter ihren schwachen schulischen Leistungen leiden, ist es wichtig, dass sie Erfolgserlebnisse in anderen Bereichen haben.“

Häufige Anhaltspunkte, die auf LRS hindeuten:

• Ähnlich klingende Laute und Kombinationen werden verwechselt. (Beispiel: Schwein statt Schein) • Buchstaben werden weggelassen. • Schwierigkeiten in der Reihenfolge von Buchstaben (Beispiel: Brat statt Bart) • Optisch ähnliche Zeichen wie b und d, v und w oder p und q werden verwechselt. • Gehörte Reize werden nur schwer unterschieden. (Beispiel: „g” und „k” oder „b” und „p” klingen ähnlich) • Stockendes und langsames Lesen, ohne den Inhalt richtig zu erfassen. • Gelesenes kann vom Sinn her nicht wiedergegeben werden. • Das Leistungs- und Aufmerksamkeitsniveau schwankt stark. • Übungen der Silben-Zerlegung sind nur mit sehr viel Mühe zu bewältigen. • Große Lese- und Schreibunlust • Hausaufgaben oder Übungsstunden zu Hause werden zum Kampf. • In Diktaten und Nachschriften finden sich unzählige Fehler, auch immer wieder gleiche, trotz regelmäßigem Üben.

Hilfe in Freiburg und Umgebung:

FreyBildung Die von Siegmund Frey 2005 gegründete freie Unterrichtseinrichtung „FreyBildung“ führt Nachhilfekurse und Förderunterricht in mehr als 80 Orten zwischen Freiburg, der Ortenau und Rottweil durch. Das Kursangebot reicht von Frühförderung, über qualifizierten Förderunterricht von der Grundschule bis zum Abi bis zu Fremdsprachenkursen für Erwachsene und PC Schulungen. Die Konzentrationsförderung für Schüler und LRS-Kurse runden das Angebot ab.

60 qualifizierte Fach- und Lehrkräfte arbeiten gezielt in kleinen Gruppen oder Einzelunterricht mit den Kindern und Erwachsenen zusammen und vermitteln Motivation, Ausdauer und Spaß am Lernen. Und für den Lernerfolg in den Sommerferien gibt es in der zweitletzten Ferienwoche ein Sommerferienfreizeitlager mit Lernprogramm.

Info: www.freybildung.de

brile Die Breisgauer Initiative für Lerntherapie BRILE ist 1997 durch eine Gruppierung von Pädagogen entstanden, die Kinder und Jugendliche mit Lese- und Rechtschreibstörungen und Rechenstörungen unterstützen wollten.

Die zur Arbeitsgemeinschaft gehörenden rund 35 Lerntherapeutinnen sind im Raum Freiburg, Breisach, Kirchzarten, Müllheim, Denzlingen und Emmendingen tätig und befassen sich mit der Diagnostik und Therapie von Lese- und Rechtschreibstörungen, Legasthenie in Fremdsprachen und Dyskalkulie. Der Unterricht findet überwiegend als Einzeltherapie statt, um auf die individuelle Situation des Kindes eingehen und eine gute Vertrauensbasis herstellen zu können. Eine kompetente und individuelle Förderung wird durch Fortbildungen und Zusatzqualifikationen gewährleistet.

Info: www.brile.de

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