»Ich muss mich ein Stück frei machen« – »Noch einen Traum lasse ich mir nicht nehmen« Hochschule | 16.11.2025 | Jannis Jäger

Alexander-Johannes Erlenkämper-Trappen (l.) und Malia Kaleja (r.) Alexander-Johannes Erlenkämper-Trappen (l.) und Malia Kaleja (r.)

Seit Mitte Oktober läuft an der Freiburger Universität das Wintersemester. chilli-Redakteur Jannis Jäger hat den ältesten und die jüngste Ersti ausfindig gemacht und mit ihnen gesprochen.

»Ich muss mich ein Stück frei machen«

Alexander-Johannes Erlenkämper-Trappen, 65 Jahre alt, ist ein ruhiger Herr mit ernstem Blick. Er ist im Wintersemester 2025/26 der jahrgangsälteste Ersti der Uni Freiburg. Seit Oktober studiert er Geschichte im Bachelor mit Germanistik als Nebenfach.

Erlenkämper-Trappen sitzt nicht als Gasthörer in den Vorlesungen. Ganz regulär belegt er Proseminare, besucht Tutorate, bereitet mit viel jüngeren Kommilitonen Referate vor und wird im Frühjahr genau wie diese für Klausuren pauken.

„Man darf niemals unvorbereitet in den Ruhestand“, erklärt er. Seit Mai dieses Jahres ist Erlenkämper-Trappen in Rente. Schon immer war es sein Traum, Geschichte zu studieren. Doch früher sei dafür einfach keine Gelegenheit gewesen.

Als er jung war, machte er eine Ausbildung zum Elektrotechniker, verfolgte seine Laufbahn des Broterwerbs wegen, denn da hatte er schon zwei Kinder mit seiner Frau und zwei weitere sollten noch folgen. Und da er zu Hause der Brötchenverdiener war, blieb es lange ein schöner Traum – das Geschichtsstudium. Heute will er seine Leidenschaft ausleben, so wie er es sich immer ausgemalt hat. „Wenn ich das schon immer machen wollte, muss ich es jetzt auch richtig mitmachen.“

Wie sein Umfeld auf sein neues Projekt reagiert? „Es ist ein Lernprozess“, sagt er und schmunzelt. Frau, Kinder und Enkel hätten natürlich schon so ihre Pläne mit ihm gehabt, aber: „Jetzt bin ich an der Reihe.“

So richtet er jetzt Tag für Tag seine Tasche und verlässt nach dem Frühstück das Haus, um von Emmendingen nach Freiburg zu pendeln und dort zu studieren. „Im Moment interessiert mich alles.“ Die Vorlesung über das alte Rom fessle ihn sehr, meint er, doch brenne er auch besonders für die Geschichte des Mittelalters.

Die Uni als sozialer Raum bleibt ihm noch etwas fremd. Seine Mitstudierenden sind doch in den meisten Fällen sehr viel jünger als er und noch sehr im schulischen Denken verhaftet. „Die jungen Leute, die suchen sich“, sagt er. Wenn sich in einem Seminar aber einmal die Gelegenheit zum Austausch böte, kämen doch in der Regel interessante Begegnungen dabei heraus.

Doch ein kleiner Rest, der ihn von seinen Kommilitonen trennt, bleibt. Denn die eine Frage, die sich viele Studenten einer Geisteswissenschaft gefallen lassen müssen, betrifft ihn nicht mehr: Was macht man denn später mal damit? Erlenkämper-Trappen ist indes aus reiner Leidenschaft Geschichtsstudent.

Und wie geht es weiter, wenn er eines Tages Bachelor of Arts ist? Master-Studium? „Ich weiß nur nicht, ob ich den hier mache“, meint er, „Halle würde mich eventuell noch interessieren.“ Dort gebe es ein breites Angebot für das Studium mittelalterlicher Geschichte.

„Ich muss mich auch ein Stück weit frei machen“, erklärt er. „Mein Leben ist begrenzt. Ich habe jetzt praktisch das letzte Lebensdrittel erreicht. Das ist mir klar.“ Es ist also an der Zeit, sich einen alten Traum zu erfüllen. Und wer weiß, vielleicht schafft er es noch bis zur Promotion. Er lacht: „Ich glaube nicht, dass ich noch einen Doktor-Vater finde.“

»Noch einen Traum lasse ich mir nicht nehmen«

Malia Kaleja ist 17 Jahre alt und gerade in ihr Studium gestartet: Mathe und Chemie für gymnasiales Lehramt. Sie ist die jüngste Ersti an der Albert-Ludwigs-Universität in diesem Semester.

Die Uni ist die nächste große Herausforderung in ihrem an Herausforderungen ganz und gar nicht armen Leben. Malia Kaleja muss von Geburt an mit einer Gehbehinderung zurechtkommen. Teilweise auf den Rollstuhl angewiesen ringt sie seit jeher mit allerlei Hindernissen – und jetzt eben mit der Uni.

Die Probleme, mit denen sie an der Uni ringt, sind eher unüblich. Die Ersti-Woche hat sie in keiner guten Erinnerung. „Ich stand in einer großen Gruppe und wurde irgendwie ignoriert“, erzählt sie. „Und dann ging es halt um Alkohol und die nächste Party und damit kann ich halt so gar nichts anfangen.“ Ein anderes Problem war, dass sie keinen Job finden konnte. „Ich habe mich überall beworben. Ich wurde immer abgelehnt, aus dem Grund, dass ich noch nicht 18 bin.“

Die Wohnungssuche war weniger schwierig. „Da habe ich das Glück, ich sitze teilweise im Rollstuhl“, erklärt sie, „weil ich teilweise so starke Schmerzen habe, dass ich nicht mehr laufen kann. Und deshalb habe ich eine barrierefreie Wohnung bekommen.“

Doch Kaleja kämpft noch einen anderen Kampf: „Ich habe in der Schule immer große Probleme gehabt, ich habe immer nicht so reingepasst.“ Dabei war Schule intellektuell lange keine Herausforderung. In der neunten Klasse begann Kaleja schließlich sehr unter ihrer chronischen Unterforderung zu leiden. Eine Zeit, in der es um ihre mentale Gesundheit nicht sehr gut bestellt war. Dann übersprang sie die zehnte und die elfte Klasse. „Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch. Sehr, sehr ehrgeizig. Und dezent perfektionistisch.“

Doch wenngleich es ihr danach besser ging, hat die Zeit in der Mittelstufe Spuren hinterlassen. Um nicht wieder in ein Loch zu fallen, muss Kaleja sehr darauf achten, dass sie kognitiv ausreichend gefordert ist. „Ich habe in gewissem Maß Angst, mich in meinem späteren Job zu langweilen“, sagt sie, „weil ich da nie wieder hin will.“

Vom Lehrerberuf, vielfältig und mit immer neuen Schülern, erhofft sie sich, dass er ihr das bieten kann. „Ich habe den Wunsch, dass ich es für den einen oder anderen Schüler besser machen und den Unterschied machen kann.“

In ihrem Studium bereitet ihr, wie schon zu Schulzeiten, ebenfalls nicht der Lernstoff Schwierigkeiten, sondern die simple Teilnahme an den Lehrveranstaltungen. Ein klassischer Hörsaal ist für eine Person im Rollstuhl ein eher undankbares Terrain. „Es ist alles mit Treppen aufgebaut“, erklärt Kaleja. „Und dann sind viele Gebäude relativ weit weg von der nächsten Bahnhaltestelle. Das ist dann auch eine Anstrengung, dahin zu kommen.“ Solcherlei Dinge häufen sich für sie dermaßen, dass es die Studierbarkeit ihres Faches gefährdet. „Ich finde es traurig, wie wenig Inklusion an so einer großen Uni stattfindet.“ Das gehe so weit, dass ihr bereits geraten worden sei, doch lieber das Fach zu wechseln.

Als hochbegabter und ehrgeiziger junger Mensch ist es für Kaleja kein leichtes Los, auf solche Art zurückgehalten zu werden. „Ich habe in meiner Schullaufbahn eigentlich immer nur durchgehalten, immer nur darauf gewartet, dass es bald besser wird.“ Doch jetzt scheint die Universität nicht das grüne Tal zu sein, in dem sie endlich ankommen kann. Sie ist einfach die nächste große Hürde.

Ursprünglich war es lange ihr Wunsch gewesen, Medizin zu studieren. Doch sie entschied sich schließlich anders. „Ich wusste, ich muss zum Beispiel ein Pflegepraktikum machen. Ich hätte körperlich kein Pflegepraktikum geschafft“, erklärt Kaleja. Dann eben Mathe und Chemie. Und mit ernstem Blick fügt sie noch hinzu: „Ich bin nicht bereit, mir noch einen Traum nehmen zu lassen.“

Fotos: © Jannis Jäger