Vom Riechen und Kämpfen – Ameisen merken sich, wer Ärger macht Hochschule | 13.03.2025 | David Pister
Gewusel: Ameisen im Freiburger Labor
Ameisen sind nachtragend. Das haben Evolutionsbiologen der Universität Freiburg um Volker Nehring und Doktorandin Mélanie Bey herausgefunden. Am Duft erkennt eine einzelne Ameise, ob die Kolonie des Gegenübers schon einmal Stress mit ihr hatte. Dann kommen Beißzangen und Säure zum Einsatz.
Über Ameisen ist auch dem interessierten Laien einiges bekannt: Manche melken Blattläuse, andere züchten Pilze, wieder andere betreiben quasi Sklaverei, indem sie Larven anderer Ameisenarten entführen und später für sich arbeiten lassen. Wieso sollten sie dann nicht auch hartnäckig in der Kränkung sein?
Das dachte sich auch Volker Nehring und war von der Bestätigung seiner These nicht überrascht. Die Ameisen im Labor wurden mehrmals mit Ameisen aus anderen Kolonien konfrontiert. Die Forschenden haben so herausgefunden, dass die attackierten Ameisen sich merken, von wem sie angegriffen wurden. So verhielten sich die Ameisen aggressiver gegenüber den Ameisen, die sie zuvor bereits selbst als aggressiv erlebt hatten, als gegenüber Ameisen aus unbekannten Nestern oder Mitgliedern eines Nests, aus dem sie zuvor nur passive Ameisen getroffen hatten.

„Feindseligkeiten geht meist eine Geschichte voraus“: Volker Nehring kommt Ameisen auf die Spur.
Die Unterscheidung funktioniert über den Duft: Jede Kolonie hat einen spezifischen Duft. Wenn eine Ameise von einer anderen Ameise aus einer fremden Kolonie attackiert wird, ist der Duft der angreifenden Ameise präsent. Der Duft wird mit dieser unangenehmen Erfahrung verknüpft. „Dieser Geruch reicht dann aus, um ein aggressives Verhalten auszulösen, auch wenn die Tiere überhaupt nicht angegriffen werden“, sagt der Evolutionsbiologe.
Baden und Schwaben, Pfälzer und Saarländer, Bayern und Franken – beim Menschen merkt man: Direkte Nachbarn sind besonders streitlustig. Bei den Ameisen ist das nicht anders. Vor allem bei ihren nächsten Nachbarinnen öffnen sie die Beißzangen, beißen zu oder versprühen Säure. „Solchen Feindseligkeiten geht meist eine Geschichte voraus, die nicht ganz so lustig ist. Wenn es eine kriegerische Vergangenheit gibt, dann ist man verwundbarer und auch vorsichtiger. Das ist schwer abzuschütteln und spielt wohl auch bei den Ameisen eine Rolle“, erklärt der 44-jährige Forscher.
Durch Geschichtsschreibung und Erzählungen können Feindseligkeiten beim Menschen über Generationen vererbt werden. Die Forschenden wollten das übertragen und haben versucht, den Ameisen beizubringen: Da gibt es jemanden mit einem bestimmten Geruch, und der ist dein Feind. „Da ist nichts bei herausgekommen“, sagt Nehring, „eine Ameise, die diesen Fremden nicht kennt, ist auch nicht aggressiver als sonst.“
Der Evolutionsbiologe betreibt Grundlagenforschung. Ihn interessiert, was da mit den Ameisen los ist und wie das alles funktioniert. Man könne die Erkennungs- und Lernprozesse zwar bestimmt in irgendeiner Form verallgemeinern, einen konkreten Anwendungsbereich gebe es aber nicht.
Die größte Herausforderung bei den Versuchen sei gewesen, die Ameise eine Woche lang durchzubringen. Da Nehring mit Individuen arbeitete, musste dieselbe Ameise jeden Tag einer anderen Ameise vorgesetzt werden. „Wenn man Versuche macht, bei denen es ums Kämpfen geht, ist es relativ schwierig, dass die sich nicht verletzen“, sagt Nehring. Die Studierenden mussten also bei den Zweikämpfen daneben sitzen und die beiden Konkurrentinnen trennen, sobald sie sich ineinander verbissen haben. Und zwar ohne, dass sich eine Ameise verletzt.








