Rätselhafte Zeitreise – Mascha Schilinskis preisgekröntes Jahrhundert- Epos läuft in Freiburg an Kinonews | 24.08.2025 | Erika Weisser

Auf einem abgeschiedenen Vierseitenhof in der Altmark wird Vergangenheit spürbar, wird Zukunft vorweggenommen, verschränkt sich die Gegenwart mit beidem. Auf diesem ehemals von vielen Menschen bewohnten Hof erlebten und erleben im Laufe eines Jahrhunderts vier Generationen von Frauen ihre Kindheit oder Jugend. Dabei sind ihre Lebenswege über die ganz unterschiedlichen Epochen hinweg auf beinahe unheimliche Weise miteinander verwoben.

Entsprechend ist die filmische Erzählung ihrer Geschichten nicht chronologisch oder linear. Zwar wird erkennbar, dass Alma in der Kaiser- und Kriegszeit der 1910er-Jahre aufwächst, Erika in den Nazi- und frühen Nachkriegsjahren lebt, Angelika in der DDR der 1980er und Nelly in der Jetzt-Zeit. Doch während jede von ihnen ihre eigene, von immer weniger Angehörigen derselben Großfamilie bevölkerten Gegenwart durchstreift, offenbaren sich ihnen – und dem Publikum – immer wieder Spuren der Vergangenheit. 

Mädchen schaut in den Himmel

Jede von ihnen trägt an den unbewussten Lasten der Vergangenheit, erfährt unausgesprochene Ängste, wird mit verdrängten Traumata konfrontiert, stößt auf verschüttete Geheimnisse. Alma entdeckt, dass sie nach ihrer im Kindesalter verstorbenen Schwester benannt wurde und ist überzeugt, dass sie das gleiche Schicksal ereilen wird. Die völlig unversehrte Erika leidet unter Phantomschmerzen und findet erst viel später heraus, dass ihrem beinamputierten Onkel, der eine gefährliche Faszination auf sie ausübt, in jungen Jahren absichtlich eine schwere Verletzung zugefügt wurde, um ihn vor dem Kriegsdienst zu bewahren. Angelika balanciert zwischen Todessehnsucht und Lebensgier, gefangen in einem brüchigen Familiensystem. Nelly schließlich, die in scheinbarer Geborgenheit aufwächst, wird von intensiven Träumen heimgesucht.

Mann fährt fahrrad

Sie alle ahnen – und spüren am eigenen Körper –, dass es im Laufe der Frauenleben vor ihnen immer wieder Suizide gab, dass Mägde zwangssterilisiert wurden, um sie für die vergewaltigenden Männer „ungefährlich“ zu machen. Dass so manche ihrer Vorfahrinnen an den Verhältnissen zerbrach, dass vieles von dem, was durch Schlüssellöcher beobachtet und flüsternd kolportiert wurde, Schatten bis in ihre jeweilige Gegenwart wirft. Denn besprochen – und damit aufgearbeitet – werden die sich wiederholenden tragischen Ereignisse nie.

Mascha Schilinski spielt dabei ganz bewusst mit dem Zweideutigen und schwer Greifbaren, mit Traumbildern, inneren Geistern und vieldeutigen Zwischentönen. Zwischen Türspaltenblicken, Kornfeld-Szenen und vorgehaltenen Händen entfaltet sich eine Zeitreise voller Geheimnisse, ein grandioses Mehrgenerationenporträt, das gleichermaßen lebensfroh und sinnlich wie erschütternd und verstörend wirkt. „In die Sonne schauen“ ist ein beeindruckender Film, der unter die Haut geht und lange zum Nachdenken anregt. Großer Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes 2025.

Frau sitzt seitlich auf Stuhl

Freiburg-Premiere:
Dienstag, 26. August, 20.45 Uhr im Sommernachtskino im Schwarzen Kloster

Filmplakat

In die Sonne schauen
Deutschland 2025
Regie: Mascha Schilinski
Mit: Lena Urzendowsky, Zoë Baier, Luise Heyer, Laeni Geiseler, Hanna Heckt, Lea Drinda u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 149 Minuten
Start: 28. August 2025

Fotos: © Neue Visionen