Viel besser als der Ruf – Ein Freiburger Filmprojekt zeigt, was im Stadtteil Weingarten und seinen Bewohnern steckt Kinonews | 19.05.2026 | Erika Weisser

Hochhäuser

Man kann sich Freiburg ohne Weingarten gar nicht mehr vorstellen. Dabei ist es gerade einmal knapp 60 Jahre her, dass die ersten Familien in die von der Freiburger Stadtbau ab 1964 errichteten Mietwohnungen der Hochhaussiedlung zogen. Heute wohnen rund 11.000 Menschen in dem inzwischen selbstständigen Stadtteil. Wie sie ihr Leben und Zusammenleben gestalten, zeigt der Film „Weingarten – ganz und anders“.

Die Großsiedlung wurde konzipiert, um der zunehmenden Wohnungsnot entgegenzuwirken – gerade für junge Familien, die in Freiburg bleiben oder zuziehen wollten. Und so manche „Ureinwohner“ leben noch immer und sehr gerne dort – etwa die betagte Frau, die Filmemacher Julian Bell am Rand des Wochenmarkts nach ihrem Wohlfühlfaktor in dem oft als sozialer Brennpunkt stigmatisierten Stadtteil befragt. Wie viele, die in seinem Film zu Wort kommen, kann sie sich „überhaupt nicht vorstellen, woanders zu wohnen“. Und sie würde „jederzeit nachts um zehn durch den Park am Dorfbach gehen“.

Bemerkungen wie „solange du nicht nach Weingarten oder Landwasser ziehen willst, ist Freiburg wunderschön“ empfinden sie alle als diffamierend und verletzend. So geht es etwa den drei Frauen, die zwar zu einer Familie, doch zu drei verschiedenen Generationen gehören: Sie haben immer hier in dem bunt gemischten Quartier gelebt, engagieren sich im Mehrgenerationenhaus und erzählen den Leuten vom Filmteam, dass sie es unfair finden, als Ghettobewohnerinnen be- und damit „eigentlich abgewertet“ zu werden.

Die Leute, bestätigen auch die beiden Frauen aus der Sinti-Community, „sind im Lauf der Jahre zusammengewachsen“. Sie fühlen sich wohl hier, „gehören einfach zu Weingarten dazu“ – auch wenn es gelegentlich Reibereien gebe. Wie überall, wo Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und -entwürfen auf engem Raum zusammenleben. Doch inzwischen hätten die meisten das Gefühl, Teil einer multikulturellen Gemeinschaft zu sein und dazu beizutragen, dass das nachbarschaftliche Zusammenleben funktioniert.

Man akzeptiert und respektiert sich gegenseitig, sagt auch Berthold Dietz, der an der ebenfalls im Stadtteil ansässigen Evangelischen Hochschule Soziologie lehrt. Zumindest toleriere man die jeweils anderen. Dass der integrative Prozess weitgehend gelungen sei, liege auch an der vernetzenden und beratenden Quartiersarbeit der engagierten Mitarbeiter des Nachbarschaftswerks und des Stadtteilbüros, die zusammen mit den Bewohnern langfristige sozial-kulturelle Projekte voranbringen.

Vom Nachbarschaftswerk ging auch die Initiative zum Film aus, für den sich der aus Australien stammende Filmemacher Julian Bell etwa zwei Jahre lang intensiv mit den Menschen und Strukturen des Stadtteils beschäftigte, „der nicht gerade den besten Ruf hat“. Er wohnt seit vielen Jahren in Haslach, hat auch diesen Stadtteil bereits filmisch porträtiert. Dennoch sei er am Anfang skeptisch gewesen, habe sich im Lauf der insgesamt 27 Filmtage aber zu einem „großen Weingarten-Fan“ entwickelt. Denn im Kontakt mit den Menschen habe er selbst erlebt, „was für ein toller Stadtteil das ist“. 

Filmplakat_Weingarten

Info
Premiere: Donnerstag, 21. Mai, ab 18 Uhr, Parkdeck – Krozinger Straße

Fotos: © Julian Bell