Kontrovers (14): Platz der Alten Synagoge Kontrovers | 04.09.2025 | Philip Thomas & Lars Bargmann

Der NDR hat ein rotes Sofa, Deutschland seine gelben Seiten und Freiburg nun ein Grünes Zimmer (Foto rechts). Auf dem Platz der Alten Synagoge. Eine „kleine Oase in der drückenden Sommerhitze“, wie es in der Pressemitteilung aus dem Rathaus heißt. Das Grüne Zimmer stehe „symbolisch für eine lebenswerte und grüne Stadt“.

Nun ja. Wir haben in der Redaktion dann lange über den Platz debattiert. Hotspot und Hundeklo waren nur zwei der Themen. Und haben unsere Reihe KONTROvers, in der normalerweise wichtigere Menschen aus der Stadtgesellschaft Positionen beziehen, dieses Mal für uns selbst reserviert.

 

Grüne Zimmer

Grüne Zimmer

Baum statt Beton

chilli-Redakteur Philip Thomas will mehr Bäume auf dem Platz der Alten Synagoge

Philip Thomas

Philip Thomas

Das „Grüne Zimmer“ ist das Eingeständnis aus dem Rathaus: Den Platz der Alten Synagoge haben wir in den Sand gesetzt. Auf die Betonwüste gestellt wurde das Laub auf Rädern nämlich im Rahmen des Tags der Klimaanpassung (16. Juli), des Wassers (9. Juli) und des Hitzeschutzes (28. Juli).

Alles Termine, an denen die rund 17.000 Quadratmeter in Freiburgs Zentrum keine gute Figur machen: Drei Bäume, ein Wasserspielchen, wenig Sitzgelegenheiten und viel Beton senden das falsche Signal, sorgen buchstäblich für dicke Luft und bilden bisweilen auch nach Sonnenuntergang ein heißes Pflaster. Aber immerhin hat es die Polizei vom Revier Nord ja nicht weit.

Mehr Bäume würden nicht nur das Stadtklima regulieren, die Luft verbessern, Wasser versickern lassen und Freiburgs ökologisches Profil stärken, sondern eben auch Stress und Lärm reduzieren: Wo heute Schallwellen ungebremst über harten Belag hallen, könnten Baumkronen Verkehrslärm, Gespräche und Musik dämpfen. Schattenspendende Blätter senken die Temperatur an heißen Sommertagen um mehrere Grad und filtern Feinstaub.

Niederschläge, die auf Betonflächen in kürzester Zeit abfließen und die Kanalisation belasten, könnten in Böschungen und Baumsubstrat versickern. Ein starkes Geäst könnte Erinnerungsarbeit und Stadtkultur weiter zusammenwachsen lassen und ein innehaltendes, reflektiertes Narrativ blühen lassen, das über kargen Denkmalschutz hinausgeht.

Zugegeben werden muss aber auch: Eine grüne Oase war der Rasenplatz bis zu seiner Wiedereröffnung im Jahr 2017 nicht. Viele haben ihn als braches Feld oder bessere Hundewiese in Erinnerung. Aber eben auch, weil dort zuvor schon Bäume gefehlt haben.

Mit dem Platz musste etwas geschehen. Und ja, Beton ist pflegeleicht. Und natürlich braucht es im Stadtzentrum auch Platz für Protest und Party. Aber ein provisorischer Rollwagen mit Platz für zehn Passanten kann nicht die Lösung sein. Wie es gehen kann, zeigt der 2013 umgebaute und stark begrünte Place de la République in Paris.

Besser wäre eine nachhaltige Lösung, die auf einem teilweise entsiegelten Platz der Alten Synagoge gewissermaßen auch Wurzeln schlägt und aus dem ersten Anlaufziel für viele Besucher und Touristen eine grüne Visitenkarte macht. Erst im Juni zeigte die Deutsche Umwelthilfe der sogenannten Greencity Freiburg beim Hitzecheck die Rote Karte. Für ihre Bewohner ist jeder zusätzlich gepflanzte Baum etwas mehr Lebensqualität und das wichtige Signal: Urban geht auch mit Baum. 

Platz statt Wäldchen

chilli-Redakteur Lars Bargmann will nicht noch mehr Bäume auf dem Platz der Alten Synagoge

Lars Bargmann

Lars Bargmann

Das „Grüne Zimmer“ auf dem Platz der Alten Synagoge ist putzig. Es ist einerseits so etwas wie eine blattgewordene Litfaßsäule mit Umwelt-Informationen aus dem Rathaus, auf der anderen Seite ein durchaus kurioses Sit-in für Neugierige.

Als ein Zeichen für grundsätzlich mehr Grün auf dem Platz taugt es aber etwa so gut wie die Ankündigung eines inhaltlichen Kurswechsels im benachbarten Theater, das fortan nur noch Klima-Stücke auf den Spielplan pflanzt – gar nicht.

Auf dem Platz stehen heute rund 20 Bäume, einige im Seniorenalter und manche noch als Jungspunde. Wer noch mehr Bäume und mehr Grün auf dem Platz fordert, verkennt seine Funktion. Die Aufgabe an die Planer im Realisierungswettbewerb war nicht, dem damals bestehenden Platz ein paar Rasenflächen auszurupfen und ein Wäldchen anzulegen. Ältere Semester mögen sich übrigens noch daran erinnern, dass die Fläche zwischen KG II und Theater im Volksmund auch mal als größtes Hundeklo betitelt wurde.

Gewonnen hatten den Wettbewerb das Freiburger Architekturbüro Rosenstiel gemeinsam mit dem Freiburger Landschaftsarchitekturbüro faktorgruen. Es wurde dann nach einigem Hin und Her doch noch etwas grüner als im Siegerentwurf, aber damit war und ist der Faktor Grün nun ausreichend repräsentiert.

Im Februar im vergangenen Jahr hatten auf und neben dem Platz rund 30.000 Menschen gegen Rechtsextremismus protestiert. Der Autor dieser Zeilen war mittendrin. Wer vor der Demo Bäumchen gepflanzt hätte, hätte nach der Demo wieder neue pflanzen können. Wer Schatten unter Bäumen sucht, findet sie ja auf dem Platz der Alten Synagoge, er findet sie aber auch nur einen Steinwurf entfernt im Colombi-Park. Oder im Stadtgarten.

Der Platz der Alten Synagoge ist und muss ein weitläufiger, urbaner Platz im Herzen der Stadt sein. Einer, auf dem Events mit vielen Menschen möglich sind. Ein Platz, der zu jeder Jahreszeit nutzbar ist – was beim Wiesn-Vorgänger nicht so war. Wenn heute ein Platzregen auf die Granitplatten und Basaltkleinsteinpflaster prasselt, sind die nach kurzer Zeit wieder trocken.

Das Fontänenfeld an der Kreuzung Bertoldstraße und Rotteckring ist eine gute Idee, die Holzdecks um den alten Baumbestand werden – auch an diesem Morgen – von vielen Menschen genutzt – sitzend, liegend, lesend, sprechend. Ja, der Platz heizt sich schneller als Rasen auf. Aber acht Jahre nach der feierlichen Eröffnung nun nach weiteren jungen Bäumchen zu rufen, ist eindeutig fehl am Platz.

Fotos: © bar, iStock.com/Emdrik Baublies, tln, Neithhard Schleier