„Der Körper vibriert“: Freiburger Battle-Rap-Zwillinge erzählen vom Kampf mit Worten Musik | 20.02.2026 | Till Neumann

Zwillinge Phillip Türemis (Faivel/links) und Sebastian Türemis (Young Kennedy) Machen Accapella- Battles: Phillip Türemis (Faivel/links) und Sebastian Türemis (Young Kennedy)

Zwei Zwillinge, eine Leidenschaft. Phillip Türemis und Sebastian „Tino“ Türemis (30) machen sich deutschlandweit einen Namen mit Accapella-Rap-Battles. Im Eins-gegen-Eins-Wortgefecht mit vorbereiteten Texten geht es um die besten Zeilen. Die in Hamburg lebenden Freiburger aka Faivel und Young Kennedy erzählen im Interview mit ­chilli-Redakteur Till Neumann, worauf es im Duell ankommt und wer höher hinaus will.

chilli: Was ist das für ein Gefühl, im Accapella-Ring zu stehen?

Tino: Es ist eine absolute adrenalin-technische Ausnahmesituation. Danach weiß man oft nicht mehr genau, was passiert ist. Man ist einfach nicht 100 Prozent Herr dessen, was man tut.

Phillip: Das unterschreibe ich genau so. Deswegen passieren relativ oft halbwegs peinliche Sachen. Tino ist aufgefallen, dass er seine Körpersprache manchmal nicht ganz im Griff hat. Die Battles fühlen sich an, als ob der ganze Körper vibriert.

chilli: Wie viel von dem, was ihr tut, ist geplant?

Tino: Ich versuche mich meist sehr genau dran zu halten, was ich mir vorgenommen habe. Außer manchmal die Freestyle-Konter (spontane Reaktionen). Aber da habe ich auch über die Zeit gelernt: Nicht jeder Freestyle ist eine gute Idee.

Phillip: Bei mir 50-50. Ich würde jedem raten, die 50 Prozent Freestyle abzubauen. Ich habe damit schlechteste Erfahrungen gemacht. Wobei: In zwei, drei Video-Compilations von Dltlly (die wichtigste Accapella-Freestyle-Liga) habe ich es wegen einem Freestyle-Konter reingeschafft. Mit geschriebenen Parts ist mir das noch nicht passiert. Diese spontane Genialität ist schon schwer aufzuwiegen mit anderen Sachen.

chilli: Welche Angriffe funktionieren am besten?

Tino: Das ist eine Frage der Era. Heute funktionieren andere Sachen als noch vor 15 Jahren. Damals waren es Brutalität und Schockfaktor. Dieser Das-hat-er-nicht-gesagt-Moment. Heute zieht vorwiegend Humor oder ein persönlicher Angriff, der ein bisschen tiefer geht.

Phillip: Real-Talk-Parts funktionieren heutzutage sehr gut. Geschichten, die so wirklich passiert sind, mit denen man den anderen ausziehen kann, sind gerade Status quo.

chilli: Wie bereitet ihr euch vor?

Tino: Sehr akribisch. Ich habe normalerweise einen Monat vorher alle Battle-Runden fertig. In der Woche vor dem Battle hab’ ich alle Runden auswendig drauf. Ich versuche mir zu überlegen: Wie ist die Situation, wenn ich da stehe? Damit ich einfach vorbereitet bin für diesen seltsamen Moment, dass du einer anderen Person gegenüberstehst und beleidigt wirst. Vorbereitung ist alles.

Phillip: Was ich seit drei, vier Battles unschätzbar wertvoll finde: Ich mache ein, zwei Probeläufe vor guten Freunden. Die müssen gar nicht bewerten. Einfach, dass der Text einmal über deine Lippen gegangen ist. Mit diesem zittrigen Gefühl, das du auch im Kreis (das Publikum steht um die beiden Rapper·innen herum) hast.

chilli: Wie tief geht die Recherche über eure Gegner·innen?

Tino: Ich bereite jetzt gerade ein neues Battle für Ende Februar vor. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich von Anfang vor allem über diesen Gegner nachdenke. Das mache ich viel mehr mittlerweile als zu recherchieren. Was natürlich aber trotzdem der gewöhnliche Weg ist für die meisten.

Phillip: Eine Grundrecherche gehört dazu. Ich will keine Sachen bringen, die ich dem Publikum erklären muss. Wenn du das musst, dann fliegt es bei mir schon raus. Ich grabe nicht tiefer als nötig. Du willst ja nicht wirken wie so ein schleimiger Privatdetektiv.

chilli: Warum macht ihr das überhaupt?

Tino: Als wir angefangen haben mit Hip-Hop war es schon so: Man will dazugehören, sich beweisen. Man will nach einem Leben, in dem man früher nicht so oft Platz eins war, sich diese Bühne nehmen. Der ganzen Welt zeigen: Seht ihr, ich hab’s euch gesagt. Ich hab’s richtig drauf, Digga. Und ja, der Competition-Gedanke ist es natürlich auch. Wenn das Battle vorbei ist, fällt so eine Last ab. Diese Abende nach einem Battle sind unvergesslich.

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Phillip: Total. Was dazukommt: Die ganzen Hip-Hop-Elemente leben vom Respektgedanken. Wie es in vielen Kinderbüchern heißt: Es ist egal, wer du bist, wenn du was draufhast, kriegst du Respekt. Gerade bei Battle-Rap kommst du dahin und die gucken schief. Wenn du dann einen raushaust, kannst du das switchen. Wir waren früher komische Vögel. Wir hatten diesen Respekt ehrlich nötig.

chilli: Zeigt ihr euch eure Texte vor den Battles und gebt Tipps?

Phillip: (lacht). Ich bin ein großer Fan davon, es sich zumindest zu zeigen. Tino hasst das. Das kann ich sehr gut verstehen. Er möchte nicht des Bühnen-Momentes beklaut werden. Andere sollen das als Rap-Fan auch erst im Kreis hören und dort die Flashs bekommen.

Tino: Phillip kommt, wenn er grad nicht als Koch arbeiten muss, mit zu den Battles. Auch meine Homies kommen mit zu den Battles. Für die schreibe ich das ja auch. Wenn die schon fünfmal meinen Text gehört haben, das ist ein bisschen kacke.

chilli: Könnt ihr sagen, welchen Skill ihr an eurem Bruder feiert?

Tino: Phillip hat einen wahnsinnig schönen Stift, sagt man so schön.

Phillip: Danke. Tino ist großer Wrestling-Fan. Das merkt man, er kann sehr gut entertainen. Er ist gerade vor Live-Publikum ein unglaublich effizienter Rapper. Und er hat diese unglaubliche Konstanz. Ich habe bei ein paar Battles böse reingeschissen. Tino würde das in hundert Jahren nicht passieren.

Einer „will den Titel“ – der andere macht’s „für die Kunst“

chilli: Wie viel verdient ihr mit den Battles?

Tino: Sagen wir mal dreistellig pro Battle.

Phillip: Die ganz Großen kriegen deutlich mehr. Wir haben am Anfang für 50 Euro plus Anfahrt gebattelt. 

chilli: Und wie weit wollt ihr hoch?

Tino: Ich will den Titel. Es wäre absurd, was anderes zu behaupten.

Phillip: Ich behaupte was anderes: Ich mache es für die Kunst.

Tino: Ich sag nicht, dass ich morgen ein Titelmatch bekommen soll. Ich mag’s einfach, hoch zu pokern. Ich bin nicht sauer, wenn ich die Geschichte beende irgendwann, ohne es geschafft zu haben. Aber ich weiß, dass ich in jedem Match das vor Augen haben werde. Mein All-over-Ziel.

Phillip: Ich mach’s einfach, um dort zu stehen. Für die großen Matches hat man eine sehr lange Vorbereitungszeit und viel Krise im Kopf. Ich habe eine andere Leidenschaft, die ist kochen. Die stellt mich zufrieden. 

Biografie

Die eineiigen Zwillinge Phillip Türemis (Faivel) und Sebastian Türemis (Young Kennedy) sind in Flensburg geboren und in Freiburg aufgewachsen. Seit vier Jahren leben sie in Hamburg und pendeln regelmäßig nach Freiburg. Sie sind Teil der Rap-Crew Endlessstory und nehmen an Rap-Battles teil. Anfangs beim Rap-Anker in Freiburg. Mittlerweile unter anderem bei Deutschlands wichtigster Liga DLTLLY (Don’t let the label label you).

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Fotos: © Screenshots Future of Battlerap & DLTLLY battlerap culture