„Mein Wunsch ist Balance“: Jazzpreisträger Lukas DeRungs sucht nicht den großen Erfolg Musik | 23.06.2024 | Till Neumann

Lukas DeRungs wie er Klavier spielt und währendessen singt Ausgezeichnet und vielseitig: Lukas DeRungs ist Pianist, Komponist, Sänger und Beatboxer.

Mit 33 Jahren hat Lukas DeRungs schon viel erreicht. Jetzt hat der vielschichtige Pianist und Dirigent mit Wurzeln in Freiburg den Jazzpreis Baden-Württemberg erhalten. Weggefährten loben sein Schaffen. Große Hallen zu füllen, ist dennoch nicht das Ziel des in Karlsruhe lebenden Multitalents.

„Das fetteste Preisgeld“ 

Mit stolzen 15.000 Euro ist der Jazzpreis dotiert. „Das ist das fetteste Preisgeld, das ich jemals bekommen habe“, erzählt DeRungs beim Videointerview aus seinem Dachzimmer in Karlsruhe. Was er damit machen möchte, weiß er noch nicht: „Es wird irgendwie wieder zurückfließen in die Musik.“ Möglicherweise wird er sogar einen Teil spenden.

Reflektiert ist DeRungs, das merkt man schnell. Er spricht überlegt, wählt seine Worte mit Bedacht. So ähnlich funktioniert er wohl auch musikalisch: Sein Debütalbum „Kosmos Suite“ ist ein lang erarbeitetes kleines Meisterwerk, das die zwei Leidenschaften des Musikers vereint: Jazz und Chormusik. Entstanden ist die Platte im Rahmen seines Masterstudiums an der Royal Academy of Music in London. Aufgenommen hat er es dort in einer Kirche zu Coronazeiten. Sphärische Gesangsflächen treffen auf ein elastisches Piano, Ruhe auf Un­gezähmtes, nachdenkliche Momente begegnen dem Ausbruch.

„Bade auf keinen Fall im Geld“

Mit dem Jazzchor Freiburg spielte DeRungs nach der Pandemie eine sechs­tägige Tour. Bis heute für ihn ein Riesending: „Die Kosmos Suite auf Tour zu bringen, das war mein größter Erfolg.“ Mit 30 Musiker·innen tourte er durch die Republik. „Im Nachhinein denke ich: krass. Ich weiß nicht, wie und ob das jetzt noch so gehen würde.“ Denn auch das Timing war dem Projekt hold. Nach der Pandemie waren Fördertöpfe gefüllt, Veranstaltende offen für Experimente. Heute ist die Lage anders, stellt DeRungs fest.

Die 15.000 Euro sind daher gut zu gebrauchen. „Ich bade auf keinen Fall im Geld“, sagt der Musiker. Einen Großteil seiner Arbeit finanziere er durch Stipendien und Förderungen – die Ungewissheit schwingt dabei mit: „Das funktioniert bisher ganz gut. Aber du weißt ja selber nicht, wie lange noch.“

„Alles verlorene Zeit“

Mit der Kosmos Suite hat er sich nicht leichtgetan: „Es ging mir nicht immer so gut, als ich daran gearbeitet habe – ich habe mir sehr viel Druck gemacht.“ Sein Gedanke: „Wenn es nicht einschlägt wie eine Bombe, dann war das alles verlorene Zeit.“

Seitenaufnahme von Lukas DeRungs am Klavier

Pianist und noch viel mehr: Lukas DeRungs ist Jazzer, Chormusiker und Beatboxer.

Doch das Experiment glückte. Und DeRungs konnte das nach einigen Shows auch endlich genießen. Heute macht ihn das in seiner Arbeit freier: „Loslassen, das kann ich jetzt besser.“ Das gilt auch für ein neues Album mit dem Lukas DeRungs Quintett, das Anfang 2025 rauskommen soll. Fertig aufgenommen ist es. Auf Wunsch seines Labels hat er nun kurzerhand eine Beatbox-Session ergänzt. Den Vorschlag fand er erst etwas absurd, hat sich dann aber geöffnet: „Man nimmt sich oft so wichtig mit seiner künstlerischen Vision, aber man kann auch mal Dinge ausprobieren.“

Chor nimmt ihn als Beatboxer

Das tut er beispielsweise auch mit dem Rapduo Kleister. Auf Allgäuerisch macht er dort seit 2013 Musik mit dem ehemaligen Mannheimer Mitbewohner und Rapper Johannes Fässler. Der lobt ihn für seine „gesunde Mischung aus Gecheckheit, Organisiertheit und Intuitivität“. Als Jazzer sei er unheimlich spontan und improvisationsfreudig. Das Ganze verliere aber nie den roten Faden. „Man kann ziemlich effizient mit ihm arbeiten“, berichtet Fässler.

Die HipHop-Skills brachten DeRungs auch zum Freiburger Jazzchor. Dort begann er als Beatboxer. Und ist im Juni im Forum Merzhausen erneut mit seiner Kosmos Suite und dem Ensemble des Dirigenten Bertrand Gröger aufgetreten. Auch der ist von ­DeRungs begeistert: „Seine Voicings, seine Polyrhythmik sind unverkennbar.“ Er habe als Jazzer und Komponist eine eigene Sprache gefunden: „Unverkünstelt und echt, sehr komplex und abwechslungsreich, immer aber mit direktem Zugang zum Herzen.“ Der Jazzpreis sei hochverdient: „Auf einer Skala von eins bis zehn: zehn!“

„Motivation nicht Sachzwänge“

Gröger hofft, dass DeRungs den eingeschlagenen Weg weitergeht. Denn auch DeRungs ist nicht frei von Zweifeln. Das Musikerleben sei „auf jeden Fall tough“. Sein Ziel sei daher nicht, große Hallen zu füllen. Sondern ein gesundes Level zwischen Saat und Ernte: „Mein Wunsch ist Balance.“ So dass das Kreative nicht erstickt werde von administrativen Sachen. Und dass er es irgendwie hinkriege, Musik zu genießen. „Ich wünsche mir, dass meine eigene Motivation, das zu machen, weiterhin Freude bleibt – und nicht Sachzwänge oder Stress.“ Mit dem Landespreis im Lebenslauf könnte das etwas einfacher werden.

Fotos: © Daniel Wetzel

„90 Prozent ist Arbeit“: Marie Lemor brilliert als dreifache Freiburg-Slam-Meisterin