Muskelkraft statt Motor – Philipp Köder mäht Wiesen mit selbst gebauten Sensen Naturschutz | 09.09.2025 | Philip Thomas
Freiburger Sensenmann: Philipp Köder schneidet Gras auf altertümliche Art.
Er könnte bundesweit der Einzige seiner Art sein: Seit zwei Jahren pflegt der Freiburger Philipp Köder hauptberuflich Wiesen mit der Handsense. Mit der Mähmethode will er Biodiversität fördern und die Umwelt schonen. Die messerscharfen Geräte stellt der Tüftler selbst her.
Mit der personifizierten Gestalt des Todes hat Philipp Köder wenig gemein. Mit rotem T-Shirt und schwarzen Sicherheitsschuhen steht der 39-Jährige an einem lauen Augustmorgen an den Ausläufern des Schönbergs im Freiburger Süden. Auf der Obstwiese liegt noch der Morgentau, Gras und Kräuter stehen hoch und reif. Allerdings hat der stämmige Mann eine schimmernde Sense dabei.
Mit einer ausladenden Bewegung schwingt er das geschärfte Stahlblatt am Ende des Aluminiumstiels durch das Grün. Immer von rechts nach links. „Es ist ein bedächtiges Tun. Hier komme ich in den Flow und höre die Bienen summen und die Vögel zwitschern“, sagt Köder mit ruhiger Stimme. Die Kraft kommt weniger aus den Armen, mehr aus den Beinen und dem Rumpf. „Die Anstrengung ist nicht so intensiv, wie man denkt“, sagt Köder und tupft sich den Schweiß von der Stirn.
Vor zwei Jahren hat er sich mit der Sense selbstständig gemacht. Heute mäht Köder hauptberuflich. Deutschlandweit dürfte er damit der Einzige seiner Art sein. „Ich habe zumindest noch niemanden gefunden, der das in diesem Umfang macht“, sagt Köder. Dabei war der Beruf des Mähers bis ins 20. Jahrhundert weit verbreitet. „Ich habe den Drang verspürt, in der Natur zu arbeiten“, erklärt der studierte Biologe. Die Sense schwang er bereits mit seinem Vater: „Daran erinnere ich mich immer gerne.“
Die Sensen mit frei einstellbaren Griffen, Stiel und Sensenblatt stammen aus Köders kleiner Metallwerkstatt. „Ich brenne fürs Tüfteln“, sagt er. Eine klassische, aus dem Alpenraum bekannte, oder osteuropäische Stab-Sense ohne Obergriff sowie den Prototyp einer Armstützsense hat er heute dabei. „Das ist Low-Tech, aber sie funktioniert sehr gut“, kommentiert er.
Low-Tech gegen hohes Gras
Die Schneideblätter kamen schon in der ehemaligen DDR sowie Sowjetunion zum Einsatz. „Ich habe da einen Bestand aufgekauft“, sagt Köder, der die rasiermesserscharfen Klingen alle paar Meter mit einem Wetzstein nachzieht. Zuvor muss das Blatt jedoch in seiner Werkstatt „gedengelt“ werden. Dabei klopft Köder die Kante der Schneide mit einem kleinen Hammer auf 0,2 Millimeter und verdichtet so den Stahl immer wieder.
Kein geringer Aufwand. Im Durchschnitt schafft Köder 300 Quadratmeter Wiese pro Stunde. Aber die Vorteile gegenüber benzin- oder batteriebetrieben Mähern liegen für ihn auf der Hand: „Der Schnitt mit der Sense fördert die Biodiversität und das Wachstum von Kräutern und Blumen. Außerdem schont es Insekten und Kleintiere.“ Und im Gegensatz zu den meisten Rasenmähern und Mährobotern komme Köders Sense auch durch hohes Gras und Hänge hinauf.
Von April bis November schwingt Köder die Sense am Schönberg, am Tuniberg, am Kaiserstuhl, bei Kappel oder in Freiburger Gärten. Aufträge erhält er auch von der Freiburger Stadtverwaltung. Um sich ein Zubrot zu verdienen, verkauft Köder seine selbst gebauten Sensen. 260 Euro kostet ein Exemplar. Auch Kurse bietet er an. „Ich merke, wie das Interesse daran wächst“, sagt er.
Rasenmäher und Traktoren verdrängen werde die Handsense aber wohl nicht mehr, weiß Köder. Der Freiburger sagt aber auch: „Im großen landwirtschaftlichen Maßstab ist diese Methode nicht praktikabel, im Kleinen kann die Sense aber einen guten Beitrag zum Naturschutz leisten.“
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