Über den Wolken: Neuer Windrad-Gigant versorgt Freiburg – Redakteur klettert hoch Natur & Umwelt | 20.07.2025 | Till Neumann
Gigantisch: Fast 250 Meter hoch ragt das Windrad auf dem Taubenkopf in den Himmel
Enercon E-160 EP5 E3. So heißt ein Riese auf dem Schauinsland. Das Windrad der neuesten Generation ragt auf dem Taubenkopf fast 250 Meter in den Himmel. Seit Mai ist es in Betrieb, die mächtigen Rotoren versorgen unter anderem die VAG mit Strom. Keine andere Anlage im Schwarzwald hat solche Ausmaße. chilli-Redakteur Till Neumann hat sich das genauer angeschaut: von unten, innen und ganz oben. Eine schwindelerregende Erfahrung. Und ein Booster für Freiburgs ambitionierte Pläne.

Eng: Im Miniaufzug geht’s mit Lukas Schuwald nach oben.
6 Tage Transport
Dienstagvormittag. Ein Rastplatz auf halber Höhe zum Schauinsland. Die Sonne lacht. Im schwarzen E-Auto kommen die beiden Macher des Riesenrads angefahren. Lukas und Thomas Schuwald. Lässiges Business-Outfit, entspannte Art. Seit rund drei Jahren leiten die Zwillinge (29) die Ökostromgruppe Freiburg. Von ihrem Vater Andreas Markowsky haben sie das Geschäft 2022 übernommen – und legen sich seitdem ordentlich ins Zeug.
Was sie gleich präsentieren, ist ein Vorzeigeprojekt par excellence: Das höchste Windrad im Schwarzwald haben sie hier 2024 errichten lassen. Eineinhalb Jahre Bauzeit. Rund zehn Millionen Invest. Ein Mammutprojekt. Allein sechs Tage hat der Transport eines Rotorblatts vom Feldberg zum 880 Meter hohen Taubenkopf auf dem Schauinsland gebraucht. „In Schrittgeschwindigkeit“, erzählen sie. Für Kurven wurden die 79 Meter langen Rotoren schräg nach oben gestellt. Nur so kommt man durch mit dem sogenannten Selbstfahrer.
„Viel Wind ist nicht“

Schwindelerregend: der Blick nach oben
Über einen Waldweg geht es im Auto wenige Minuten durch die Natur. Dann stehen wir vor dem Giganten: 24 Meter breit. 246,50 Meter hoch. Und daneben gleich noch eins: 229 Meter hoch. Eingeweiht wurde das Duo im Mai 2025. Drei leise surrende Rotoren à jeweils fast 80 Meter hat das größere. Sie drehen sich langsam. „Viel Wind ist heute nicht“, sagen die Brüder und holen die Ausrüstung aus dem Kofferraum.
Der Trip nach oben ist für sie Routine. Rund einmal im Monat besteigen sie ihr Vorzeigeprojekt. An Ausrüstung braucht es dafür so einiges: Helm, Klettergurte, Karabiner. Gekonnt legt sich Lukas die Sachen um. Klack, klack machen die Haken. „Wir bekommen regelmäßig Kletter-Fortbildungen bei Paderborn“, erzählt der Freiburger. Und das ist nötig: Die Windradbesteigung geht nur mit doppelter Sicherung. Einhaken, aushaken, einhaken, aushaken – heißt es an vielen Stellen. Wie am Steilhang.
Wie im Actionfilm
Für den Besuch stoppen sie die Anlage. Ein Schaltkasten mit Display im Erdgeschoss des Riesenrads macht das möglich: „Windgeschwindigkeit 2,3 Meter pro Sekunde“, steht dort. Per Touchscreen deaktiviert Schuwald die Rotorblätter. „Von den Gegnern heißt es: Wenn die Presse kommt, schmeißen wir die Dieselgeneratoren an, damit die Anlage läuft, weil es ja angeblich keinen Wind gäbe – da hört man so einiges“, berichtet Thomas Schuwald. Etwas grinsen müssen sie da schon.
Wir sind im Inneren. Der Blick vom Erdgeschoss nach oben erinnert an einen Actionfilm: Fast endlose graue Betonwände ragen Richtung Spitze. Schwarze Kabel schlängeln sich die Wände entlang. Und ein winziger silberner Aufzug. Hier könnte sich Tom Cruise für Mission Impossible abseilen. Oder James Bond halsbrecherisch Verbrecher jagen. Oder ein waghalsiger Reporter den Aufstieg probieren.
„Modernste Anlage“
Für uns geht es los: Mit Lukas Schuwald steige ich in den Zwei-PersonenAufzug. Ein kleiner Metallkasten, der schon für nur einen Menschen mit Klaustrophobie problematisch werden könnte. „Wir fahren ungefähr zehn Minuten. Bereit?“, fragt Schuwald. „Klar.“ Auch wenn die Knie etwas weich sind. Auf geht’s. 166 Meter nach oben. Sogar hier sind wir angegurtet.

Blick ins Tal: aus 246 Metern Höhe ist das Panorama majestätisch.
Während die Kabine langsam hochrattert, fasst der Windkraftexperte zusammen, wo wir gerade sind: „Das ist die größte, leistungsstärkste und modernste Anlage im Schwarzwald.“ Der Strom fließe nach Littenweiler ins Umspannwerk und werde in Freiburg verbraucht.
„Gleich ruckelt es“
5,56 Megawatt leistet die Anlage. Zusammen mit der zweiten nebenan versorgt sie rund 5500 Freiburger Haushalte. Rund 17 Millionen Euro haben sie dafür investiert. Finanziert durch ihre Hausbank, die Sparkasse Freiburg, Bürgerenergiegenossenschaften und Privatpersonen. „Etwa drei bis vier Millionen Euro haben wir durch Bürgerbeteiligung eingesammelt“, sagt Schuwald. 90 Prozent davon seien aus Freiburg.
Zurück im Fahrstuhl. Schuwald warnt: „Achtung, gleich ruckelt es.“ Ratsch. Wir sind da. Auf einer Zwischenplattform steigen wir aus und klettern über eine Leiter rund sechs Meter weiter hoch. Mein Karabiner hängt in einem Metallläufer, der sich nach oben schieben lässt, nach unten aber nicht. Safety First.
„Überlassen wir Experten“

Letzte Etappe: Lukas Schuwald holt die Leiter.
Durch eine Luke erreichen wir das nächste Plateau. „Hier oben ist die gesamte Technik verbaut“, berichtet Schuwald. Bei bisherigen Windrädern sei das unten gewesen. „Wenn der Strom direkt oben produziert wird, haben wir tatsächlich etwas geringere Übertragungsverluste“, erklärt er. Durch einen kleinen Gang – nur gebückt gehen ist möglich – gelangen wir ins Herz der Anlage. Hier drehen sich bei Betrieb die drei Rotoren. Über winzige Schächte kann man zur Wartung in sie reinkrabbeln. Liegend. Schuwald macht das nicht: „Sowas überlassen wir lieber den Experten.“
Ein Gefühl von Star Trek beschleicht mich. Abgespacter Ort. Hier oben. In einer kleinen Kapsel. Gefühlt im Nirgendwo.
„Ein tolles Gefühl“
Schuwald holt eine Leiter. Wir klettern weiter hoch. Einhaken, aushaken, einhaken, aushaken. Grelles Licht kommt uns entgegen. Noch zwei sportliche Stufen, dann sind wir da. Auf einer winzigen Plattform stehen wir auf 246,50 Metern mitten auf dem Windrad. Im Tal Freiburg. Neben uns Wälder, Dörfer und der blaue Himmel. Der Wind weht überraschend sanft in dieser Höhe. Die stillstehenden Rotoren sehen aus wie Flügel. „Auch da kann man zur Wartung drauf“, sagt Schuwald. Mit einer extra angefertigen Hebebühne. Und Nerven wie Drahtseilen.
Schwindelig wird’s einem. Aber auch Demut macht sich breit. Was ein Panorama. Was ein Bauwerk. Mit Kränen errichtet. Mitten im Schwarzwald. In dieser Höhe. Auch für Lukas Schuwald ist das was Besonderes: „Ein tolles Gefühl, wenn wir sehen: Wir haben das mit allen, die uns unterstützt haben, am Ende geschafft, und die Anlagen trotz aller Widrigkeiten errichtet.“ Jetzt laufen sie und das eine ganze Weile: „Wenn sie einmal stehen, dann für 25 Jahre – um den Schauinslandwind in grünen Strom umzuwandeln.“
„Auf einem sehr guten Weg“

Doppelt gesichert: Redakteur Till Neumann auf dem Windrad
Für Freiburgs ambitionierte Pläne ist die Anlage ein großer Schritt: 2023 hat der Gemeinderat eine Windkraftoffensive beschlossen. Der produzierte Strom soll bis 2030 verzehnfacht werden. Der Schauinsland ist ein mächtiger Teil davon: Seit 2003 drehten sich an der Holzschlägermatte zwei Windräder. Sie wurden 2023 und 2024 gesprengt. Für mehr Effizienz und Leistung (Repowering) wurden sie durch ein größeres ersetzt: 229 Meter hoch statt 133 Meter. Das wird gemeinschaftlich von der Ökostromgruppe und der BadenovaErneuerbare betrieben. Vier weitere Anlagen gab es auf dem Rosskopf. Drei davon auf Freiburger Gemarkung, eine auf Gundelfinger. Zwei sind bereits gesprengt worden, auch hier werden größere Anlagen entstehen.
Lukas Schuwald ist optimistisch: „Freiburg ist auf einem sehr guten Weg.“ Wenn die geplanten Projekte umgesetzt werden, könnte das Ziel 2030 erreicht werden. Zehn moderne Anlagen würden dafür benötigt. Auch die Kritiker dürfte das auf den Plan rufen, die sich in Bürgerinitiativen organisieren. „Es gibt Gegner, teilweise auch sehr lautstarke“, sagt Schuwald. Sie würden aber keineswegs die gesamte Bevölkerung repräsentieren. „Wir sehen in Freiburg eine Zustimmung von 70 bis 80 Prozent.“ 20 Jahre Windkrafterfahrung habe die Stadt. Der Unternehmer ist überzeugt: „Freiburger sind stolz auf ihre Winde.“
Dann geht’s nach unten. Leiter, Krabbeln, Leiter, Aufzug. Geschafft. Und überlebt. „Der Aufzug kann auch mal stecken bleiben“, habe ich unterwegs erfahren. Doch verunglückt sei bisher keiner. In den Europa-Park muss ich heute nicht mehr.
Chronik
22 Jahre Windkraft in Freiburg
› 2003: Auf der Holzschlägermatte gehen Freiburgs erste zwei Windräder in Betrieb. Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) will sie abbauen lassen. Doch OB Dieter Salomon (Grüne), die Bürger·innen der Regiowind, denen die Windräder gehörten, die BadenovaWärmeplus und die Ökostromgruppe halten Kurs.
› 2003: Kurz darauf gehen auch auf dem Rosskopf vier Windräder in Betrieb.
› 2019: Ein neuer Teilflächennutzungsplan erlaubt, neue Windkraft-Flächen auszuweisen
› 2023: Das erste Windrad auf der Holzschlägermatte wird gesprengt. Es soll durch ein größeres ersetzt werden (Repowering).
› 2023: Der Gemeinderat Freiburg beschließt eine Windradoffensive. Bis 2030 soll die Stromerzeugung verzehnfacht werden. Auf 140 Gigawattstunden.
› 2024: Auch das zweite Windrad auf der Holzschlägermatte wird gesprengt. Die Repowering-Anlage geht in Betrieb.
› 2025: Zwei der vier Windräder auf dem Rosskopf werden gesprengt. Alle vier sollen durch zwei größere ersetzt werden.
› 2025: Der Bau eines weiteren Windrads auf dem Rosskopf Südwest ist genehmigt. Zwei weitere Anträge „Kleiner Rosskopf“ und „Kleiner Rosskopf Nord“ sollen folgen.
› 2025: Auf dem Taubenkopf werden zwei Windräder ans Netz gehängt.
› 2026: Die zwei Repowering-Windräder sollen auf dem Rosskopf in Betrieb gehen.
› 2027: Möglicher Baubeginn für drei Windräder auf dem Prangenkopf beim Schauinsland. Die Stadtverwaltung lässt den Standort derzeit prüfen.
› 2030: Freiburgs Strom soll zu zehn Prozent aus Windkraft von vor Ort erzeugt werden und zu 20 Prozent aus Solarenergie.
So Green ist die City: Freiburgs Nachhaltigkeit im Faktencheck











