Der Schatz im Ozean: Mauritius ist nicht nur für Urlauber ein Paradies Special for Homepage | 31.10.2022 | Lars Bargmann

Der Berg Le Morne Braban vor der Südwestküste Malerisch: Der Berg Le Morne Brabant vor der Südwestküste mit den Unterwasser-Wasserfällen.

Rot für das Ringen um Unabhängigkeit, Blau für das Meer, Gelb für die Sonne, Grün für die Vegetation – schon die Flagge von Mauritius erzählt viel über diese wunderbare Insel im Indischen Ozean. Aber längst nicht alles. Von spektakulären Wanderungen und majestätischen Walflossen.

Wir sind mit „Little Rambo“ unterwegs. Der Weg zu den sieben Wasserfällen bei Tamarind geht im Wortsinn über Stock und Stein. Ohne unseren Guide, der mit einigem Stolz sein vom Government ausgestelltes Zertifikat vorzeigt und über die anderen, unzertifizierten Pseudoguides wie ein Wellensittich meckert, würden wir uns beim Abstieg verirren.

Wasserfall bei Tamarind

Bloß nicht zu nah ran: Wasserfall bei Tamarind

Manchmal hängt man mit einem Arm noch an einem Ast und sucht mit dem anderen Fuß wieder Halt auf irgendeinem Felsenbrocken. Aber die spektakulären Ausblicke in der Schlucht, der am Wegesrand gepflückte süßliche Pfeffer im Mund und die munteren Javaneräffchen belohnen das. Als wir am fünften Wasserfall, dem mit knapp 50 Metern Fallhöhe zweithöchsten der sieben, unsere nassgeschwitzten Klamotten auf den Felsen werfen und ins kalte Bassin springen, vergessen wir völlig glücklich, dass es später auch wieder nach oben geht.

Etwas weiter südlich beginnt der 1995 aus mehreren kleinen Naturschutzgebieten zusammengefasste Black River Gorges Nationalpark. Zwar gibt es auch hier Wasserfälle, der Park aber ist für Flora und Fauna auf der Insel viel wichtiger als für die Touristen.

Überlebenswichtig sogar etwa für den Mauritiusfalken, der Mitte der 70er-Jahre um eine Feder schon fast ausgestorben war. Auch die Bestände der Rosentaube oder der Mauritiussittiche haben sich hier durch Nachzucht und Auswildern wieder erholt. (Die Rosentaube stolziert übrigens während des Schreibens dieser Zeilen durch unseren Garten am Cap Malheureux, sie ist scheu wie ein Reh.)

Es gibt viele schöne, durchaus auch nicht ganz ungefährliche Wanderrouten durch den Park. Wer es anspruchsvoll mag, kann den mit 828 Metern höchsten Gipfel der Insel, den Piton de la Petite Rivière Noire, erklimmen. Und wenn das Wetter es gut meint, von dort sogar die 160 Kilometer südöstlich gelegene Nachbarinsel La Réunion sehen.

Aber Mauritius ist nicht für sein Hochland berühmt, sondern für seine Küsten. Im Nordwesten locken die Grand Baie und der Strand von Mont Choisy mit dem Sehnsuchtsbild „weißer Sandstrand trifft grüne Palme vor türkisblauem Wasser“. Etwas weiter südlich, in Trou aux Biches, bieten Foodtrucks frische Ware an, lächelnde Menschen stellen dir einen Tisch und Stühle unter einem Baum direkt an den Strand – und kassieren bei den hernach so gut gelaunten Touris dann saftige Gelder ab. Wer hat in der Kulisse schon Lust zu feilschen?

Fischersfrau bereitet sich auf Kundschaft vor

So sehen Arbeitstische auf Mauritius aus: Fischersfrau bereitet sich auf Kundschaft vor.

Auch vor diesem Strand liegt ein Korallenriff, sodass es sich schön schnorcheln lässt. Auf der anderen Seite, im Südosten, liegen zwei der besten Resorthotels der Welt, der Strand von Belle Mare ist umsäumt von schattenspendenden Palmen, kann aber, obwohl er sicher erste Liga spielt, auch nicht mit den schon ins Absurde abdriftenden Stränden der Ile aux Cerfs mithalten.

Wir sind mit dem Schnellboot auf die Hirschinsel gefahren, vorbei an einem Luxushotel zu einer Bucht, vielmehr einer Sandbank, die das offene Meer von einer Lagune trennt. Hier ein Wäldchen, dort ein Katamaran, der sein Boot auf einem Bierdeckel dreht, derweil auf dem Grill frischer Fischers Fritze Fisch duftet. Es muss wohl hier gewesen sein, wo Mark Twain in sein Notizbuch schrieb: „Zuerst schuf Gott Mauritius, dann das Paradies. Und das Paradies war eine Kopie von Mauritius.“

Der Captain bringt uns in eine weitere Bucht, wir steuern vorbei an einem Affenfelsen zu einem fotogenen Wasserfall, „ach, das ist schon wieder Festland“, geht es mir durch den Kopf. Nun, später tanzt das Boot dann mit 30 Knoten über die Wellen, dreht noch ein Paar Donuts, die Passagiere jauchzen.

Am anderen Abend, nach wieder einmal kurioser Fahrt übers Land (irgendein Vermesser hatte wohl vor langer, langer Zeit beim Festlegen der Straßenbreite einen falschen Zollstock dabei, im Gegenverkehr befindet sich der Außenspiegel ständig im Hochrisikogebiet), treffen wir Ajay, unseren Concierge. 

Nebenan sei heute Willy William eingezogen, er zeigt ein Video. Der französische Musiker und Produzent hat für seinen Song „Ego“ 902 Millionen Klicks auf Youtube, 3,1 Milliarden für das mit
J Balvin produzierte Lied „Mi Gente“ – meine Leute. Ein zurückhaltender Typ mit mauritischen Wurzeln. Er hat sich das Apartment nebenan gemietet – für ein Jahr. Dagegen ist auf Mauritius nicht allzu viel einzuwenden.

Sonnenuntergang am Cap Malheureux

Sunset: Abendstimmung am Cap Malheureux

Das Eiland war bis zur Unabhängigkeit in vielen Jahrhunderten in vielen Händen. Die Portugiesen waren hier, die Holländer haben ihre Spuren hinterlassen, dann kamen die Franzosen, die Engländer. Der 12. März 1968 beendete – nach gut 560 Jahren – die Zeit der Aneignungen.

Heute ist das Paradies nicht nur die stabilste Demokratie Afrikas, sondern belegt im Demokratie-Index einen stolzen Platz 19 von 167. Vor Österreich etwa. Oder Frankreich. Oder den USA. Die politische Struktur ist der in Deutschland relativ ähnlich. 

Nicht ganz so vergleichbar mit Deutschland war vielleicht, dass die vorherige Präsidentin Ameenah Gurib-Fakim nach einem Korruptionsskandal im März 2018 zurücktreten musste. „Bei der haben sie 200 Millionen Euro gefunden“, sagt Little Rambo.

So sagt eben der Volksmund. Offiziellen Quellen zufolge hatte Gurib-Fakim eine Kreditkarte der Hilfsorganisation Planet Earth Institute, mit der sie im Ausland mal so richtig teuer shoppen war. Sie war die einzige Staatspräsidentin in Afrika. Shoppen kann auch sehr schade sein.

Mauritius ist nicht nur für Urlauber ein Paradies, sondern auch für vermögende Privatleute und Firmen. Privatiers zahlen hier maximal 15 Prozent Steuern, wer nach einer Erbschaftssteuer fragt, hätte genauso gut nach dem Ergebnis der Partie Erzgebirge Aue gegen Heidenheim fragen können. Firmen, es sind mehrere Zehntausend gelistet, zahlen drei Prozent Steuern. Drei. Dem Vermögen pro Kopf nach ist Mauritius das reichste Land Afrikas. Nur dass es den einheimischen Köpfen eben nicht gehört.

Afrikanisch wirkt Mauritius nicht. Der Inselstaat ist multikulturell, Hindus, muslimische Sunniten, Christen, Bahai leben friedlich nebeneinander her – aber meist eben auch nur nebeneinander. Kaum, dass sich ein Mann vom einen Verein eine Frau vom anderen Club  aussucht oder eben umgekehrt. „Wenn sich ein Moslem in eine Christin verliebt, muss die konvertieren“, sagt unser Taxifahrer. Er selber ist Hindu: „Moslems mögen keine Hindus“, sagt er, der gerade seine Tochter verheiratet hat. Er arbeite an 365 Tagen im Jahr und hat die Insel (65 Kilometer lang, 47 Kilometer breit) noch nie verlassen. Wenn, dann will er mal nach Indien. Wo die Großväter von ihm und seiner Frau leben. 

Sagar Shiv Mandir Hindu-Tempel

Sagar Shiv Mandir Hindu-Tempel

Er fährt uns zu einer Katamaran-Tour. Zwei Hände voll Touristen steigen aufs Boot. Unsere Augen hängen noch an der Felsküste, als wir plötzlich eine Gruppe Delfine erspähen. Nach und nach kommen andere Boote dazu, Touris springen hektisch ins Wasser – die Delfine ziehen weiter. Wir auch, zum Crystal Rock, vermutliche der meistfotografierte Felsen der ganzen Insel, wie er sich da so malerisch aus dem türkisblauen Meer erhebt.

Unbedingt einen Abstecher mit dem Boot wert sind die Iles du Nord. Thornton Dietrich erwartet uns am Anleger bei der pittoresken rotgedeckten Kapelle Notre Dame Auxiliatrice am Cap Malheureux, seine Crew reitet dann die Dreamcatcher über die drei Meter hohen Wellen, vorbei an der Coin de Mire an die Ile Plate. „Ihr werdet heute sicher Wale sehen“, hatte Thornton beim Ablegen gesagt. Alle suchen sie, keiner sieht sie. Auf der flachen Insel lassen wir uns von der Strömung beim Schnorcheln treiben, schweben nur einen halben Meter über Korallenriffe – Fische und Korallen wetteifern um die „Wirklich-alle-Farben-Meisterschaft“ – die Fische gewinnen.

Auf der Insel wird gegrillt, getrunken, gechillt und gestaunt. Auf der Rückfahrt dann der große Moment: Zwei Wale tummeln sich zwischen den Nordinseln und Mauritius. Noch majestätischer ist wirklich schwer.

Wal Schwanzflosse reckt sich aus dem Meer

Majestätisch: Rund um Mauritius gibt es oft Wale zu bestaunen.

Wir ankern auf der Südseite der Coin de Mire, ein atemberaubender Tauch- und Schnorchel-Spot. Die unbewohnte Insel liegt acht Kilometer vor der Nordküste und steht unter Naturschutz. Auf der einen Seite gleitet sie förmlich ins Meer, auf der anderen reckt sie sich gut 160 Meter in die Höhe. Der Steuermann erzählt, dass der Vulkanfelsen für Geologen hochinteressant ist. 

Hochinteressant muss auch der Botanische Garten in Pamplemousses sein – wenn man ihn zur richtigen Zeit aufsucht. Als wir im September – also im mauritischen Winter – in dem nach dem ehemaligen Premierminister Sir Seewoosagur Ramgoolam benannten Garten spazieren, kommen bei den Tausenden von Pflanzen noch keine farbfrohen Frühlingsgefühle auf. Der 37 Hektar große Garten hat knapp 300 Jahre auf dem Buckel und ist damit der älteste der südlichen Hemisphäre. 

Der Botanische Garten kann für das Grün in der Flagge stehen, könnte aber im mauritischen Sommer auch für alle Farben stehen. Nicht ganz so üppig grün geht es in der Hauptstadt Port Louis zu, dem Wirtschafts- und Verwaltungszentrum mit einigen Wolkenkratzern und der sehenswerten Caudan Waterfront. Nicht weit weg vom Hafen lohnt der Besuch des Central Market. Hier im Gewusel unter den Dächern der denkmalgeschützten Stahlbauten treffen asiatische auf indische und kreolische Händler. Es gibt so gut wie alles. Hier mischen sich Touristen und Einheimische, der Markt ist so etwas wie der Schmelztiegel der Kulturen auf Mauritius. Und es gibt hier noch viel mehr Farben als in der Flagge. 

Die Caudan Waterfront in der Hauptstadt Port Louis

Buntes Gehänge: Die Caudan Waterfront in der Hauptstadt Port Louis lockt Touristen und Einheimische an.

Infos

Mauritius ist nach König Moritz von Oranien benannt. Die Inselgruppe hat knapp 1,3 Millionen Einwohner. Rund 70 Prozent sind indischer Abstammung. 25 Prozent sind Christen. Exportschlager und wichtigster Devisenbringer ist das Zuckerrohr. Urprünglich zählten die Chagos-Inseln zu Mauritius. Drei Jahre vor der Unabhängigkeit wurden sie ausgegliedert. Die Engländer stellten die Insel Diego Garcia den Amerikanern zur Verfügung, die dort eine der größten Atombasen der Welt errichteten. In einem von der UNO beauftragten Gutachten stellte der internationale Gerichtshof in Den Haag 2019 fest, dass die Abspaltung der Inselgruppe rechtswidrig gewesen sei. Die UNO muss entscheiden, was daraus folgt. 

Literatur: Mauritius
von Wolfgang Därr
DuMont Reiseverlag
5. Auflage, 2020

Fotos: © iStock.com/extremetravel; kasto80; Vpommeyrol, Lars Bargmann, Michaela Moser