Bis zum Atlantik: Zwei Freiburger radeln ans Meer Special for Homepage | 12.08.2019 | Till Neumann

Von-Freiburg-an-den-Atlantik

Flache Strecke, schönes Panorama, bestens ausgeschildert. Das bietet der Radweg EuroVelo 6. Auf 1300 Kilometern führt er von Basel an den Atlantik. Quer durch Frankreich. chilli-Redakteur Till Neumann ist die Strecke von Freiburg aus im Sommer 2018 gefahren – und kam trotz der Anstrengung entspannt zurück. Sein Tourtagebuch erzählt von tierischen Begegnungen, malerischen Landschaften und einem Sturz auf der Zielgeraden.

Eine zweiwöchige Radtour sollte es werden. Am besten ohne Bergetappen. Vielleicht sogar bis ans Meer. Im lnternet entdecken wir den EuroVelo 6 (EV6). Er führt vom Schwarzen Meer über Budapest und Wien nach Basel. Und von da aus an den Atlantik. Angepriesen als »eine der einfachsten und angenehmsten Radrouten in Frankreich«, führt er fast immer am Fluss entlang: Ill, Doubs, Saône, Canal du Centre und Loire, dem letzten wilden Fluss Europas. Für uns zwei fleißige Alltagsradler sind 1000 Kilometer keine Kaffeefahrt. Doch die Idee, auf zwei Rädern von der Haustüre ans Meer zu kommen, klingt zu verlockend.

Viel Strecke heißt wenig Gewicht: zwei leichte Hosen, ein Pulli, Zelt, Schlafsack, Isomatte und ein Kocher finden den Weg in die Radtaschen. Die erste Etappe führt nach Mülhouse, wo wir auf den EV6 stoßen. Es geht vorbei an Feldern und Wiesen, Weinreben und Apfelbäumen. Einige Kilometer vor Mulhouse fahren wir auf der Route Nationale. Autos überholen scharf, schnell sind wir wieder auf dem Waldweg. Das dauert länger, ist aber deutlich entspannter.

Die letzten Kilometer rollen wir in der Abendsonne – herrlich. Ein kurzer Stopp in der Stadt, Nudeln, Käse und Soße für den Campingkocher in der Epicerie kaufen; schon wird das Zelt aufgeschlagen. Viel Gepäck haben wir nicht, aber ein bisschen Luxus muss sein: das Reise-Scrabble. Ermöglicht lustige Knobelrunden vor dem Schlafengehen.

Camping-in-der-Natur

Mitten in der Natur: Morgendliches Erwachen auf dem Camping d’Olivet am Stadtrand von Orléans.

Schon nach wenigen Metern finden wir am zweiten Tag das EV6-Schild. »Wo fahrt ihr hin?«, fragt uns ein Rennradler. »Zum Atlantik. Und du?« »Nach Rom«, erzählt er, grinst und fährt weiter. Mehrfach haben wir auf der Tour solche netten Begegnungen. Europa lebt – zumindest auf zwei Rädern.

Die Strecken sind top ausgebaut und ausgeschildert. Die ersten Tage rollen wir fast meditativ am Kanal entlang. Das Gefühl von Freiheit ergreift uns. Ohne zu wissen, wo und wann wir das Zelt aufschlagen, geht’s geradeaus. Wir haben nichts gebucht oder reserviert. Alles spontan, Ende offen. Wenn nötig, können wir wild campen. Oder umkehren.

Nur zweimal kommen wir vom Weg ab – und müssen leiden. Als wir bei Châlon-sur-Saône die EV6-Schilder nicht finden, laufen die ersten Kilometer spitze. Doch am Nachmittag wird’s eine heftige Bergetappe – vom flachen Flussufer keine Spur. Im bergigen Charolles angekommen, sind wir platt wie Briefmarken. Aber auch stolz, es geschafft zu haben.

Irgendwann melden sich die Hintern. Wir holen Salbe aus der Apotheke. Geht schon. Auch dank Radlerhosen bleiben größere Schmerzen aus. Die Strecke bietet dafür umso mehr Highlights: Wir beobachten flitzende Eidechsen, zupackende Reiher und stoische weiße Kühe. Städte wie Dole, Orléans oder La Charité-sur-Loire sind bezaubernd. Die Flüsse bieten malerische Panoramen, gerade die sich wild schlängelnde Loire lädt zum Träumen und Baden ein. Campingplätze liegen meist direkt auf der Route. Etwa 15 Euro kostet die Nacht für zwei Personen. Mit dem Wetter haben wir Glück. Nur zweimal regnet es – aber nicht lange.

Bei Hitze hüpfen wir lieber mitsamt Radlerhose in die Flüsse. Das erfrischt Kopf und Beine. Fantastisch, wie gut die dann wieder funktionieren. Genauso unglaublich wie die Mengen an Nudeln, die man abends verputzen kann. Tomatensoße, Farfalle und französischer Käse – was Schöneres kann’s da kaum geben.

Loire-Fluss-Frankreich

Malerische Loire: Der Radweg führt fast immer am Wasser entlang. Das lädt zu Badestopps ein.

In der zweiten Woche merken wir: Bis zum Atlantik ist es weiter als gedacht. Trotz Etappen bis zu 110 Kilometern Länge ist die Strecke in 14 Tagen nicht zu machen. Drei Wochen wären nötig. Da wir die Zeit nicht haben, fahren wir Zug von Orléans bis Nantes. Ein bisschen Zeit am Meer soll bleiben.

In Nantes geht’s auf die letzte Etappe nach Saint-Brévin-les Pins. Ausgerechnet da kommt’s zum ersten Sturz auf einer kurvigen Schotterpiste. Blutige Hände und Knie sind die Folge. Eine Stunde durchhalten bei sengender Hitze bis zur nächsten Apotheke. Uff. Doch auch diese Hürde wird gemeistert. Dann sehen wir das Meer. Was ein Glücksgefühl.

Am Camping zaubert der Betreiber sogar Süßigkeiten unter der Theke hervor, als er erfährt, dass wir am Ziel sind. Dabei stehen die zwei größten Hürden noch bevor: Beim Erholungstag in Saint-Nazaire müssen wir mit dem Rad über die Autobrücke (rechts oben) mit höllisch schmalem Radweg. Und für die Heimreise quetschen wir uns in den Schnellzug TGV. Der einzige Weg, die Velos mitzunehmen: Vorderrad abmontieren, das Rad in eine Hülle packen und ins Gepäckfach quetschen. Die Metallablagen im TGV kann man hochklappen. Die Radmitnahme ist kostenlos, aber stressig. Die Reise hat sich dennoch gelohnt. Körper und Geist sind erholt, die 1000 Eindrücke noch lange nicht verarbeitet. Nur eine Frage der Zeit, bis die nächste EuroVelo-Tour ansteht.

EuroVelo

Das europäische Radnetz EuroVelo bietet 17 Strecken durch 42 Länder. Von Trondheim bis Santiago de Compostela, von London nach Rom, von Kiew bis Dublin. Zu allen Routen gibt es detaillierte Pläne und Tipps im Internet. Bis 2020 soll das gesamte Netz ausgebaut sein – auf rund 70.000 Kilometer. Mehr Infos auf: eurovelo.com/de. Konkrete Infos zum EuroVelo 6 gibt es auf der Seite de.eurovelo.com/ev6

Fotos: ©  Till Neumann, iStock.com/Altitude Drone