Leuchtende Farben und tiefe Düsternis – Erstaunliche Entdeckungen in Museen und Kunsthallen in und um Freiburg Ausstellung | 25.07.2026
Helen Frankenthale
Mit vielfältigen Angeboten warten die Museen und Kunstsammlungen in Freiburg und der Regio in diesem Sommer auf. Die Ausstellungen reichen von Malerinnen-Retrospektiven mit Seltenheits- oder gar Einmaligkeitswert über die künstlerische Auseinandersetzung mit Wasser-Lebenswelten, globalen Ungerechtigkeiten oder nationalistischem Rassismus bis zur Möglichkeit, bisher wenig bekannte Seiten an bekannten Menschen zu entdecken. Auch das Zusammenspiel von Kunst und Sport kommt nicht zu kurz.
Zu allen in dieser Auswahl zusammengefassten Werkschauen haben Inhaber·innen des Museums-Pass-Musées freien Eintritt – und oft auch zu den Begleitveranstaltungen. Dieses Jahresticket ist in mehr als 350 Museen, Kunsträumen, Schlössern und Gärten in Frankreich, der Schweiz und Baden-Württemberg gültig – und die meisten von ihnen bieten außer vielseitigen Kunsterlebnissen auch wohltemperierte Hitze-Rückzugsräume.
Foto: © J. Paul Getty Trust; Alexander Libermann
Leuchtkräftige Farbwelten

Foto: © Helen Frankenthaler Foundation, Inc / ProLitteris, Zürich
Wer noch nicht dort war, sollte die ersten Ferientage nutzen, um im Neubau des Kunstmuseums Basel eine Ausstellung mit hohem Seltenheitswert zu besuchen: Bis zum 23. August gibt es dort die erste Schweizer Einzelausstellung der Werke der US-amerikanischen Künstlerin Helen Frankenthaler (l.). In der bisher größten in Europa gezeigten Werkschau dieser Pionierin der modernen abstrakten Malerei sind mehr als 50 meist großformatige Bilder zu sehen. Und die laden geradezu ein, in die leuchtenden Farbwelten einzutauchen.
Ihr experimenteller Umgang mit Farbe und Leinwand machte Frankenthaler früh zu einer wegweisenden Figur des vor allem in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten abstrakten Expressionismus. Mit gerade 23 Jahren erfand sie die die Soak-Stain-Technik, die nie zuvor gesehene Effekte erzielte: Sie breitete riesige, unbehandelte Leinwandbahnen auf dem Boden aus, versah sie mit Spots aus verdünnter Farbe und bearbeitete diese von allen Seiten mit Pinseln, Schwämmen, Schabern, Haushaltsbürsten und anderen Werkzeugen. Damit erreichte sie, dass die Leinwand die Pigmente aufsog, dass Stoff und Farbe eins wurden.
So schuf sie große, teils monumentale Kompositionen von enormer Leuchtkraft und gab entscheidende Impulse für die Farbfeldmalerei. Viele dieser imposanten Werke sind nun in Basel zu bewundern; in etlichen kleineren – und ebenfalls großartigen – Arbeiten spiegelt sich ihre Auseinandersetzung mit Künstlern früherer Epochen wider. Diese reichen von Tizian, Gustave Courbet, Edouard Manet, Claude Monet bis Marie Laurencin und vielen anderen. Sie entdeckte diese Künstler bei Museumsbesuchen auf ihren Europareisen. Anhand von Kunstpostkarten interpretierte sie sie dann auf ihre visionäre Art. Eine Bereicherung dieser ohnehin bereichernden Ausstellung.
Helen Frankenthaler; bis 23. August
Kunstmuseum Basel/Neubau St. Alban-Graben 20, CH-4051 Basel
kunstmuseumbasel.ch
Wohlstand hier – Zerstörung dort

Foto: © Federico Vespiniani
Dass es irgendwie unfair zugeht in dieser Welt, das spüren fast alle. Denn allmählich wächst das Bewusstsein dafür, dass globale Rohstoffmärkte und lokale Lebenswelten eng miteinander verbunden sind. Dass „Wohlstand hier“ unmittelbar zusammenhängt mit „Armut dort“. Die Menschen des globalen Südens machen diese Erfahrung indes viel früher als die, die das Glück hatten, zufällig in einem reichen Land wie etwa Deutschland auf die Welt zu kommen.
Die Ethnologische Sammlung des Museums Natur und Mensch nimmt nun zwei ganz unterschiedliche Produkte in den Fokus, die diese Ungleichheit bedingen: Kakao und Zement. Bis zum 3. Januar 2027 wird hier nachvollziehbar, wie Ausbeutung funktioniert, welche Formen des Widerstands es gibt und welche hoffnungsvollen Perspektiven vor Ort entwickelt werden können.
Das wird anhand zweier künstlerischer Positionen gezeigt: Dewi Candraningrum aus Java beschäftigt sich mit dem Abbau des Kalksteins im Kandeng-Gebirge: Die fast ausschließlich für den hiesigen Import bestimmte Zementproduktion zerstört dort die natürlichen Wassersysteme und damit die Lebensgrundlagen der Menschen. Und der aus Ecuador stammende Künstler Marcello Martinez Vega zeigt in seiner Installation „El País del Cacao“, dass das hiesige Genussmittel dort eine spirituelle Bedeutung hat und dass der gewinnorientierte Raubbau schon viele Gemeinschaften zerstört hat, die jetzt an fairen Produktionsbedingungen arbeiten.
Voll unfair; bis 3. Januar 2027
Museum Natur und Mensch, Gerberau 32, 79098 Freiburg
museen.freiburg.de/mnm
Die Architektur des Wassers

Foto: © Nicolas Floc’h, Structure productive, Kikaijima, – 8 mètres, Japon, Tara Pacific, 2017 I © ADAGP, Paris, 2026
Kühlung findet sich in diesen heißen Sommertagen nicht nur am Ort, sondern auch im Thema der Ausstellung: Beides hat mit Wasser zu tun. In Wattwiller, der an den schattigen und quellenreichen Ausläufern der Südvogesen gelegenen Gemeinde, zeigt die Fondation François Schneider bis 20. September die Ausstellung „Hydroscape“ mit Fotografien und Collagen von Nicolas Floc’h.
Seit vielen Jahren erforscht der Künstler mit der Kamera Unterwasserlandschaften und andere unsichtbare Räume und macht sie sichtbar. Weit entfernt von der bloßen Dokumentation begreift er das Element Wasser als eigenständigen Lebensraum mit eigenen Wäldern, Wiesen und farblichen Nuancen, die den Zustand von Ozeanen und Flüssen preisgeben.
So hat er etwa für das Tableau „La Couleur de l‘eau“ an verschiedenen Stellen zwischen Bodensee und Nordsee in verschiedenen Tiefen Fotos vom Wasser des Rheins gemacht und somit deutlich gemacht, welchen urbanen, landwirtschaftlichen oder industriellen Einflüssen er in seinem Verlauf unterworfen ist. Neben solchen farbigen Bildern finden sich oft geheimnisvolle Schwarzweiß-Aufnahmen von Meeresgründen, die zeigen, wie sich die Natur fast immer ihre Orte zurückerobert. Sehr schön.
Nicolas Floc’h, Hydroscape; bis 20. September
Fondation François Schneider, 27, Rue de la Première Armée, F-68700 Wattwiller
fondationfrancoisschneider.org
Dichter, Maler und Nobelpreisträger

Foto: © Kunststiftung Sparkasse Pforzheim Calw
Eine besondere Ausstellung widmet die Kunsthalle Messmer bis zum 11. Oktober dem Schriftsteller Hermann Hesse. „Bereit zum Aufbruch“ ist sie benannt und zeigt den Dichter und Nobelpreisträger von einer überraschenden Seite: als Maler.
Der Autor der Werke „Der Steppenwolf“, „Siddhartha“ oder „Das Glasperlenspiel“ nutzte die Malerei als kreativen Gegenpol zum Schreiben und als Mittel, persönliche Eindrücke zu verarbeiten.
Mehr als 130 Objekte sind zu sehen – von leuchtenden Aquarellen und Tuschezeichnungen über illustrierte Gedichte und Briefe bis hin zu Typoskripten und kostbaren Erstausgaben. Bilder vom Beginn seiner Malerei in Bern über die inspirierende Zeit in Montagnola bis zu Einflüssen durch die alternative Gemeinschaft auf dem Monte Verità setzen sein bildnerisches in Dialog mit seinem literarischen Schaffen. Denn sowohl Bild als auch Wort spiegeln seine Liebe zur Natur, seine Sehnsucht nach Harmonie und zentrale Lebensthemen wie Aufbruch, Erneuerung und Identitätssuche wider.
Hermann Hesse – bereit zum Aufbruch; bis 11. Oktober
Kunsthalle Messmer, Großherzog-Leopold-Platz 1, 79359 Riegel
kunsthallemessmer.de
Ping Pong mit Hindernissen

Foto: © Bernhard Strauss
Was hat Sport mit moderner Kunst zu tun? Wann wird ein Spielfeld zum Atelier oder zur Werkstatt? Oder umgekehrt: Wie wird ein Museum zum Spielfeld? Bis zum 11. Oktober können Besucher als Akteure im Museum für neue Kunst erleben, was geschieht, wenn man Regeln neu denkt – oder den Sport vom Leistungsgedanken befreit.
Einige Kunst-Installationen laden zur aktiven Beteiligung ein, darunter ein ganz in Weiß gehaltenes Schachbrett von Yoko Ono. In einem anderen Saal steht eine Tischtennisplatte mit überraschenden Hindernissen – und in einem Raum, der fast wie eine Schulturnhalle riecht, liegen Bälle zum Spiel bereit, deren Form und Funktion abgewandelt wurden. Zu einzelnen Kunstwerken der Ausstellung kann man sich launige Audio-Kommentare des Schirmherrn und früheren SC-Trainers Christian Streich anhören.
Spielfeld – Sport und Kunst; bis 11. Oktober
Museum für Neue Kunst, Marienstr.10a, Freiburg
Museen.freiburg.de/mnk
Zuflucht bei Monstern

Foto: © Cartoonmuseum Basel
Emil Ferris (*1962) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Comiczeichnerinnen. Mit Kugelschreiber auf liniertem Papier verbindet sie zeichnerische Meisterschaft mit einer radikal subjektiven, tief poetischen Erzählweise. Ihr Debüt „Am liebsten mag ich Monster“ von 2017 gilt als Meilenstein des modernen Comics. Es spielt im Chicago der 1960er-Jahre. Die junge Protagonistin Karen Reyes meint, ein Werwolf zu sein, und liebt Monster. Sie sind ihre Zuflucht und ihr Blick auf eine feindliche Welt. Während sie versucht, den Tod ihrer Nachbarin aufzuklären, öffnen sich Abgründe familiärer Vergangenheit.
Ferris̓ erste große Einzelausstellung in Europa zeigt – bis 15. November – neben Originalseiten aus ihren Graphic Novels auch viele unveröffentlichte Zeichnungen, Objekte und Skizzen. Sie ist längere Zeit vor Ort, bietet im Cartoonmuseum Workshops an und gibt Einblicke in ihr künstlerisches Universum.
Emil Ferris, Between Selves; bis 15. November
Cartoonmuseum Basel, St. Alban-Vorstadt 28, CH-4052 Basel
cartoonmuseum.ch
Skimuseum Hinterzarten

Foto: © Steffi Böhler
Bilder von Stefanie Böhler kennt man eher aus Sportreportagen: Die heute 45-Jährige galt viele Jahre lang als beste Skilangläuferin des Schwarzwalds. Sie debütierte 2001 im Weltcup, gewann deutsche Meistertitel, nahm dreimal an Olympischen Spielen teil, errang Team-Medaillen.
Im Schwarzwälder Skimuseum Hinterzarten ist sie nun als Künstlerin zu erleben: Bis 1. November ist dort ihre Ausstellung „Mein Weg in Farben“ zu sehen – mit Bildern, die sie in den letzten Jahren gemalt hat. Ganz unterschiedliche Motive hat sie interpretiert – Porträts, Landschaften, abstrakte Farbspiele.
„Malen ist für mich kein Ziel, sondern ein Weg, der sich mit jedem Bild neu entfaltet. Schicht für Schicht entsteht auf der Leinwand ein offener, manchmal überraschender Prozess“, sagt sie dazu.
Stefanie Böhler, Mein Weg in Farben; bis 1.11.
Schwarzwälder Skimuseum, Erlenbrucker Str. 35, 79856 Hinterzarten
schwarzwaelder-skimuseum.de
Mörderischer Nationalismus

Foto: © Patrick Seeger
Ein düsteres Kapitel der Geschichte wird derzeit im Haus der Graphischen Sammlung erhellt. In Marcel van Eedens Ausstellung „6. August 1870“ geht es um die Verflechtungen von Nationalismus, Kolonialismus und Rassismus. Ausgangspunkt für den 70-teiligen Werkzyklus ist das kurze Leben des Kolonialsoldaten Abdel Kader Ben Lahcen – und sein Tod im November 1870.
Der aus Algerien stammende Ben Lahcen kämpfte als Tirailleur im Deutsch-Französischen Krieg, wurde am 6. August 1870 bei der mörderischen Schlacht bei Woerth/Froeschwiller schwer verwundet. Er starb drei Monate später im Lazarett Schwetzingen; der dortige Chefarzt Albert Schinzinger obduzierte und präparierte seine Leiche – und brachte die Gebeine 1872 nach Freiburg. Hier übergab er die unrechtmäßig angeeigneten Trophäen an Alexander Ecker, der mit seiner kolonialen „Wissenschafts“-Sammlung die Grundlage für die an der Uni Freiburg entwickelte Rassentheorie schuf.
Marcel van Eeden, Malerei-Professor an der Kunstakademie Karlsruhe, präsentiert nun die Ergebnisse seiner jahrelangen Spurensuche – und holt zumindest ein Opfer des Rassenwahns aus der Anonymität.
6. August 1870; bis 18. Oktober
Haus der Graphischen Sammlung, Salzstr. 32, 79098 Freiburg
museen.freiburg.de









