Schwebendes Raumschiff – Große Werkschau von Yayoi Kusama in der Fondation Beyeler Ausstellung | 10.10.2025 | Erika Weisser
Rätselhafte Collage: „Selbstportrait“ nennt Yayoi Kusama dieses Werk aus dem Jahr 1972.
Die Fondation Beyeler, bekannt für ihre ambitionierten Präsentationen moderner Kunst, wartet in diesem Herbst mit einer ganz besonderen Ausstellung auf: Vom 12. Oktober bis 25. Januar ist eine umfassende Retrospektive des Werks von Yayoi Kusama zu erleben – zum ersten Mal in der Schweiz. Gezeigt werden 300 Objekte der 96-jährigen und seit etwa 75 Jahren tätigen japanischen Künstlerin.
Die Frau hat einen sehr gerade gehaltenen Kopf, ein blasses, von einer leuchtend roten Pagenfrisur umgebenes Gesicht und Hände, die in Merkel-Manier übereinandergelegt sind. Und während sie den Betrachter direkt anschaut, verschwindet ihr Körper in einem Gewirr von endlosen schwarzen Schleifen mit gelben Punkten, die wie Schlangenleiber wirken. Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass sie in ein kimonoartiges Gewand gehüllt ist, auf dessen Stoff sich das Schlangenmotiv wiederholt. Und dass sie auf einem Sofa sitzt, das, wie auch der Lampenschirm über ihr, dieses ziemlich beklemmende Muster ebenfalls aufweist.
Das Bild gibt eine Selbstinszenierung Yayoi Kusamas in ihrer 2010 für die Triennale im japanischen Aichi geschaffene Installation „Yellow Tree/Living Room“ wieder. Darin kommen gleich mehrere Konzepte zum Ausdruck, die im Zentrum des Schaffens dieser radikal innovativen, jedes Genre sprengenden Künstlerin stehen: Die Illusion von Unendlichkeit, die sie mit ihren „Polka Dots“ genannten Tupfen und anderen repetitiven Motiven, mit Netzmustern und Spiegeln erzeugt. Zudem die Überwindung traditioneller Vorstellungen und Betrachtungsweisen von Raum und Realität – und die Furcht vor der Auslöschung der Individualität.

Polka Dots: Mit stetig wiederholten Punktmustern erzeugt Kusama ein Gefühl von Unendlichkeit.
Sie gilt heute als eine der bedeutendsten lebenden Künstlerinnen weltweit. Doch ihr Weg bis zu diesem Status war alles andere als leicht. Die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit sowohl mit Kusama als auch mit den Museen Ludwig Köln und Stedelijk Amsterdam organisiert wurde und im kommenden Jahr dort zu sehen sein wird, thematisiert nun die Etappen auf diesem Weg.
Den Auftakt bilden wenig bekannte, erstmals in Europa gezeigte Malereien aus den frühen 1950er-Jahren in Matsumoto. Es folgt ein sehr umfassender Blick auf die Werke aus den prägenden 20 Jahren, die sie in New York verbrachte, wo sie zur Ikone der Avantgarde avancierte. Und schließlich auf die Arbeiten, die nach ihrer 1977 erfolgten Rückkehr nach Japan entstanden und eine höchst persönlichen Bildsprache aufweisen.
Zu diesen gehören ihre „Infinity Mirror Rooms“ – Installationen, deren präzise platzierten Spiegel den umgebenden Raum vielfach reflektieren, ihn erweitern und die Grenzen seiner Wände durchbrechen. Einen solchen „Kunstraum der Unendlichkeit“ hat sie eigens für die Ausstellung in Riehen geschaffen. Er verwandelt den Saal in ein schwebendes Raumschiff, das sich bis in den angrenzenden Park zu bewegen scheint.











