Der die Hexen tanzen lässt: Der Wetterfahnenmacher von Rheinau Freizeit in der Region | 14.04.2019 | Reinhold Wagner

Wetterfahnenmacher

Wenn Raimund Müller Leuten aufs Dach steigt, steckt dahinter keine böse Absicht. Auch dann nicht, wenn er in Begleitung einer Hexe ist. Im Gegenteil: Der Kunsthandwerker zeigt, woher der Wind weht.

Raimund Müller ist Wetterfahnenmacher. Einer von ganz wenigen, vielleicht sogar der Einzige seiner Art. Wer ihn zu Hause auf dem Land besucht, erkennt schon von Weitem: Hier ist ein begnadeter Tüftler und Bastler am Werk. Überall auf den Dächern und am schmiedeeisernen Gartentor drehen sich Wetterfahnen nach dem Wind. Mal ist es der berühmte „Lügenbaron Münchhausen“, der auf einer Kanonenkugel reitet, mal ein sich windender Drache – oder eben eine golden in der Sonne blinkende Wetterhexe, die auf ihrem Besen durch das dornige Gestrüpp einer Heckenrose reitet. Allen voran sind es Figuren und Fabelwesen aus der Welt des Mittelalters oder aus der Zeit der Wikinger, die es dem Künstler angetan haben.

Wetterfahne

Eine in der Sonne blinkende Wetterhexe reitet im dornigen Gestrüpp auf ihrem Besen.

So war das erste handwerkliche Meisterstück, das Müller vor mehr als 40 Jahren für seine Tochter Ansgard fertigte, eine hölzerne Wiege. Ihre Schaukelbeine endeten in Drachenköpfen, wie man sie von den Drachenbooten und Hausfirsten der Wikinger kennt. Die Tat spornte an, und bald waren auch die anderen Kinder – Inga, Hildur, Sigurd und Thorleif – mit jeweils eigenen Schreinerarbeiten versorgt. Die Fertigkeiten dazu brachte sich Müller selbst bei.

Im Jahr 1997, 17 Jahre nach dem Einzug der Familie in Haus und Hof in Rheinau-Holzhausen, sollte die erste eigene Wetterfahne aus der Hand des Tüftlers aufs Dach kommen. An Weihnachten 1999 jedoch zerstörte der Orkan „Lothar“ wertvolle Teile des nach altem Wikinger-Vorbild gefertigten Dachfirsts mit seinen hervorstehenden Drachenköpfen aus Holz. Müller ließ sich nicht entmutigen. Er ersetzte die hölzernen Drachenköpfe durch eiserne Wetterfahnen. Rostfrei und stabil sollten sie fortan jedem Wetter trotzen und zum Markenzeichen des Hausbesitzers werden.

Fahnen spiegeln den Charakter

Im Laufe der Jahrzehnte ist Müller durch rege Teilnahme an mittelalterlichen Märkten und durch Auslandsaufenthalte, vor allem aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda, als Wetterfahnenmacher bekannt geworden. Seine Werke sind allesamt handgefertige Unikate. In manch einem spiegelt sich die Persönlichkeit seiner Kunden wider – sei es in Form von seelenverwandten Tieren und Symbolen oder gar in Porträts, die dem Eigentümer aus dem Gesicht geschnitten sind. Nicht selten sind Berufsmotive gefragt, die dann wahlweise als Wetterfahne oder Stechschild über der Tür prangen – etwa in Form eines Wirtshausschildes oder dem Firmenlogo einer Winzergenossenschaft.

Eines der bekanntesten Beispiele aus der Region ist die „Hex vom Dasenstein“, die Symbolfigur des gleichnamigen Winzerkellers in Kappelrodeck in der Ortenau. Sie reitet auf einem Ziegenbock und soll an dem dort befindlichen Felsen, der ihren Namen trägt, einst Jahr für Jahr Reben angepflanzt und den Leuten wilde Streiche gespielt haben. Als Müller den Auftrag erhielt, für das Dach des Winzerkellers das Original-Emblem als Wetterfahne in der Art eines Scherenschnitts umzusetzen, ohne die wesentlichen Gesichtszüge und die typische Haltung des Ziegenbocks zu verändern, stand er zunächst vor einer großen Herausforderung: Das Gesicht der Hexe sollte so getreu und gut sichtbar wie möglich vor dem hellen Himmel abgebildet werden, dass es auch aus großer Entfernung deutlich erkennbar wäre.

Nach einigen Skizzen mit Bleistift auf Papier entschloss sich der Künstler, die eigentliche Gesichtsfläche der Hexe als offenes Fenster freizulassen und lediglich Augen, Mund und Nase mitsamt Falten und buschigen Brauen in Form von Stegen mit dem Umfeld zu verbinden. Der nächste Schritt bei der Umsetzung war der Gang in die Werkstatt. Dort zeichnet Müller stets das Motiv in Originalgröße auf eine Metallplatte und greift dann zu speziellen Sägen und Feilen, mit denen er alles im Detail ausarbeitet. Zuletzt werden Figur und Stange in schwarzen Lack getaucht und die beweglichen Teile ineinander gesteckt. Für den richtigen Dreh und die günstigste Optik braucht es nur noch den passenden Standplatz auf dem Dach, und der Wind kann kommen.

Eine andere Hexe, die Müller gerne im Rahmen seiner Ausstellungen präsentiert, streckt dem Betrachter frech die Zunge heraus – und nicht nur das: Im wilden Ritt durch die Lüfte auf ihrem Besen hebt sich ihr fliegender Rock so weit in die Höhe, dass sie den Ausstellungsbesuchern keck ihr blankes Hinterteil entgegenreckt. Dabei ist das noch immer nicht alles, was die Hexe an Rätseln und Geheimnissen mit sich herumträgt. Eine begleitende Informationstafel ruft den Betrachter dazu auf, nochmals genauer hinzusehen: Irgendetwas stimmt an dieser Hexe nicht so ganz. Müller hat dazu geschrieben: „Wenn mich der Schalk reitet, verstecke ich gerne ein Rätsel in der Wetterfahne. Wer errät’s?“

Wer das Geheimnis lüften will, sollte unbedingt einmal eine Ausstellung des Ausnahmekünstlers besuchen. Dort wimmelt es dann nur so von Hexen auf ihren Besen, Drachen auf Speeren und Teufeln, die mit dem Dreizack auf Windfang gehen.

Info

Veranstaltungen mit dem Wetterfahnenmacher:
28. April: Sasbachwalden blüht auf, Kurpark Sasbachwalden
4. bis 5. Mai: Markt der handwerklichen Künste, Gengenbach


www.wetterfahnenmacher.de

Foto: ©  Reinhold Wagner