Geschichtsträchtig und aktuell REGIOschönheit Kenzingen im Porträt Freizeit | 05.03.2020 | Liliane Herzberg
Die beschauliche Kleinstadt Kenzingen, gelegen zwischen Offenburg und Freiburg, punktet mit regem Wachstum und mit vier Ws: Wasser, Wein, Wiese und Wald. Ehrenbürger Hermann Kaspar ist leidenschaftlicher Stadtführer und kennt Historie und Anekdoten.
Die Lage ist romantisch, schmiegt sich die Stadt doch an den Fuß der Weinberge und lädt zu ausgiebigen Spaziergängen mit einer Sicht über die Weiten der Region ein. „Alles ist in der Nähe, und wir haben viel Zuzug, auch wegen der guten Infrastruktur“, so Hermann Kaspar. Der 77-Jährige verweist auf die großen Städte Freiburg und Offenburg, ebenso wie das Elsass und den Schwarzwald.

Kenzingen lockt mit romantischer Idylle und traumhafter Aussicht.
Kenzingen ist dem Aufbau nach eine Zähringer Stadt, wurde im Jahr 772 erstmals urkundlich erwähnt und 1249 von Rudolf II. von Üsenberg gegründet. Kaspar erzählt von dem typischen Kreuzaufbau der Stadt, an dem erkennbar sei, dass diese nach Zähringer Vorbild gebaut wurde. Weiterhin sei auch die katholische doppeltürmige Stadtkirche Kenzingens, die 1275 erstmals urkundlich erfasst wurde, besonders erwähnenswert. Denn diese ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt, das alle Kriege und Wirren überstanden hat. Insbesondere den Dreißigjährigen Krieg: „Nach dem Krieg war die Einwohnerzahl von 3000 auf 300 dezimiert“, erzählt der stattliche Mann. Das sei verheerend gewesen. Diese Redewendung komme nicht von ungefähr – „das sagt man, wenn ein Heer durch eine Gegend zieht und sich von den Erträgen des Landes, dem Vieh und Getreide ernährt und alles wegnimmt.“
Genau das zu verhindern, war früher eine wichtige Aufgabe und bestimmte die Stadtstruktur: Feste Mauern und ein Wassergraben sollten vor Feinden bewahren und den Bewohnern Schutz bieten. Nur der Schinder durfte nicht in Kenzingen wohnen, verrät Kaspar, denn der schlachtete Pferde und das war verpönt. Ebenfalls außerhalb der Stadtmauern lag das Kloster Wonnental, allerdings in glockenweiter Entfernung, sodass die Bürgerwehr bei Gefahr zur Hilfe eilen konnte. Und die heute so schönen Rebhänge dienten einst als Ort für Hinrichtungen. Dort hätte der Galgen gestanden, erzählt der Stadtführer, an dem die Getöteten zur Abschreckung hängen gelassen wurden – eine vermeintlich abschreckende Methode, um weitere Verbrechen zu unterbinden.
Die Regierungsmacht hatten lange Zeit die vier Kenzinger Klöster gemeinsam mit den vier wichtigsten Zünften, erzählt Kaspar fasziniert: „Zünfte, das waren Körperschaften von Handwerkern, die zur Wahrung gemeinsamer Interessen entstanden. Im Falle Kenzingens waren das Bäcker, Metzger, Wagner und Weber, denn diese produzierten, was zum Leben notwendig war.“

Die Kenzinger Stadtkirche ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt.
Was sonst noch für den täglichen Bedarf nötig war, wurde über die Elz importiert, erklärt der Stadtführer vor dem Kenzinger Ladhof: „Die Sachen wurden früher auf der Elz transportiert und hier auf dem Ladhof zum Verkauf angeboten. Sie mussten mindestens zwei Tage angeboten werden, ehe sie weitertransportiert wurden.“ Ein Treffpunkt wäre der Ladhof somit gewesen, obwohl er in einiger Entfernung von der Stadtmitte liegt.
Nicht nur am Ladhof war die Zusammenkunft der Bürger Kenzingens von großer Bedeutung. Kaspar erzählt, dass sehr viel für die Bürger getan worden sei. Weil die Stadt sehr waldreich war, bekam jeder Bürger sechs Ster Holz zum Heizen geschenkt: „Meine Mutter hat sie sogar noch gekriegt, aber ich nicht mehr.“
Zukunftsweisender Klimaschutz
Das Stromwerk, das unweit des Ladhofes liegt, erst Mühle war und dann Elektrizitätswerk wurde, ist auch heute noch in Betrieb, sehr zum Stolz des alteingesessenen Bürgers. Denn das bedeute für ihn, dass Kenzingen regenerativ sei: „Wir haben Photovoltaikanlagen, das E-Werk, das früher die gesamte Stadt mit Strom versorgt hat, und Solaranlagen zum Beispiel auf den Dächern des Gymnasiums.“
Das sieht Matthias Guderjan, Bürgermeister der Stadt Kenzingen, ähnlich. Auch für ihn ist der Klimaschutz zukunftsweisend, allerdings „sind wir im Klimaschutz als Stadt schon eine ganze Weile unterwegs“. Darüber hinaus sei die Umgestaltung der Kenzinger Hauptstraße ein großer Schritt zur Wiederbelebung der Innenstadt: „Die Geschäftslage soll verbessert werden und so der Mittelpunkt des Stadtlebens wieder dort sein“, so der langjährige Politiker.
Die Stadt ist dynamisch und befindet sich in stetiger Entwicklung und Veränderung. „Seit geraumer Zeit schon verzeichnet Kenzingen ein Prozent Wachstum pro Jahr“, erzählt Guderjan. Zwar sei es keine touristische Destination, dafür sei die Konkurrenz durch den Schwarzwald zu groß. „Aber wir haben viele Tagestouristen und profitieren vom Europa Park in Rust und dem Abenteuerwald in Bombach.“

Auf dem Dorfbrunnen steht ein Bildnis des Stadtgründers Rudolf II. von Üsenberg.
Damals wie heute wird die Bürgergemeinschaft in Kenzingen großgeschrieben. Aus Sicht von Guderjan und Kaspar zeichnet sich die Qualität der Stadt dadurch aus, inwiefern die Bürger mit teilhaben. Auch für den Bürgermeister spielen die vier Ws eine große Rolle: „Mir ist der Erhalt unserer Landschaft und Lebensgrundlage ebenso wichtig wie der Wein und der große Wald, denn Kenzingen macht die Kombination aus Wirtschaft und Erholung aus.“
Kenzingen ist durch seinen Bahnhof sehr gut angebunden. Schnell ist man in den Städten im Umland ebenso wie an Startpunkten für Wanderrouten oder Erlebnistouren. Den Reiz, den das Städtchen insbesondere bei einem zweiten, tiefergehenden Blick versprüht, fasst Guderjan so zusammen: „In Kenzingen kann man ständig neue Dinge entdecken. Zum Beispiel den Panoramarundweg oder die St. Laurentius Bilderkirche, die sehr sehenswert ist. Kenzingen ist eben beides: geschichtsträchtig und aktuell.“
Ortsinfo
Lage: Landkreis Emmendingen im Nördlichen Breisgau. Mit dem Auto etwa 30 Minuten von Freiburg.
Gründung: Kenzingen wurde 772 erstmals urkundlich erwähnt. Gegründet wurde die Stadt schließlich 1249. Stadtherren waren die Herren von Üsenberg.
Ortsteile: Kenzingen, Bombach, Hecklingen und Nordweil
Bevölkerung: 10.052 Einwohner
Fotos: © Markus Schwerer, Stadt Kenzingen








