Lebendige Vielfalt – Biosphärengebiet Schwarzwald Unterwegs | 08.08.2026 | Marianne Ambs & Erika Weisser
In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Schutzgebiete zur Bewahrung von Natur und Landschaft: ein Beispiel sind Biosphärengebiete. In den Modellregionen wird aufgezeigt, wie Natur und Umwelt gemeinsam fortentwickelt werden können. Das Schutzgebiet im südlichen Schwarzwald, das in Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen aufgeteilt ist, wurde 2017 von der UNESCO als Biosphärenreservat international anerkannt. Es umfasst 63.000 Hektar artenreiche Natur- und Kulturlandschaft.
Wo die Natur das Sagen hat – In den Kernzonen ist der Mensch nur Gast
Mindestens 3 Prozent der Fläche – so die Vorgabe der UNESCO – müssen in einem Biosphärenreservat als Kernzonen ausgewiesen werden. Im Schwarzwald wurden 30 Kernzonen auf einer Fläche von etwa 2100 Hektar, 3,3 Prozent der Gesamtfläche, abgegrenzt. Sie sind neben den Entwicklungszonen und den Pflegezonen das naturnahe Herzstück des Biosphärengebietes. Hier ist die Natur sich selbst überlassen, Eingriffe durch den Menschen sind gering, es gibt keine Holznutzung. Der Mensch ist in den Kernzonen Gast, Forscher und Bewunderer. Es darf gejagt werden, ansonsten müssen sich Wanderer an strenge Regeln halten, um Pflanzen und Tiere nicht zu stören.

Wilde Schönheit: Umgestürzte Bäume, Totholz und seltene Pflanzen prägen die Bannwälder.
Weil viele alte Bannwälder, die sich schon seit mehr als 50 Jahren fast ungestört entwickeln können, zu Kernzonen wurden, kann der Besucher Urwälder im Entstehen erleben, die mystisch und wild anmuten. Die Flächengrößen variieren zwischen einem und 430 Hektar. In diesen Wäldern gibt es seltene Pflanzen, Pilze, Insekten, Vögel und Säugetiere, die auf das natürliche Werden und Vergehen des Waldes angewiesen sind. Der Schutz dieser Lebensräume, der „Prozessschutz“, sei die wichtigste Funktion der Kernzonen, berichtet Manuela Bacher-Winterhalter von der Geschäftsstelle des Biosphärengebietes. Sie seien aber auch Forschungslabor für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. So würden zum Beispiel Forstwissenschaftler regelmäßig Aufnahmen in den Bannwäldern machen, um die natürliche Entwicklung zu dokumentieren. Auch Bildung und Aufklärung seien wichtige Funktionen der Kernzonen. Deshalb gibt es Infotafeln am Eingang und entlang ausgewiesener Rundwege. Und das Biosphären-Team erarbeitet gerade für jede der 30 Kernzonen spezifische Karten, die auf die besonderen Merkmale jeder Zone hinweisen.
In Deutschland gilt ein allgemeines Betretungsrecht für den Wald. Deshalb dürfen Wanderer die Kernzonen betreten – mit Einschränkungen, die von den Förstern und Rangern im Biosphärengebiet überwacht werden. „Markierte Wege und Pfade dürfen nicht verlassen und Müll muss mitgenommen werden. Und Hunde müssen an die Leine“, umreißt Manuela Bacher-Winterhalter die wichtigsten Spielregeln. Auch ein Feuer zu entfachen und campen ist verboten, Pflanzen und Pilze dürfen nicht gesammelt werden. „Die meisten Wanderer halten sich daran“, so Bacher-Winterhalter. „Hin und wieder stoßen wir aber auch auf illegale Trails.“ Das Wandern in den Kernzonen-Wäldern sei manchmal beschwerlich oder auch gefährlich. Umgestürzte Bäume, Totholz, Aufschüttungen – die Natur mache eben, was sie wolle. „Wer die Kernzonen betritt, tut das immer auf eigene Gefahr.“

Wer das Biosphärengebiet erkunden will, kann sich geführten Rangertouren anschließen.
INFO
Termine
Biosphärenfest in Hausen im Wiesental, So., 6. September, 10–18 Uhr
Bannwaldwanderung auf dem Urwaldpfad, Schönau im Schwarzwald, Mi., 12. August, 13–16 Uhr, Anmeldung Tel.: 0 76 73/82 04-8 00
Mit der Försterin durch den Bannwald am Feldberg, Do., 13. August, 10.30–14 Uhr, Anmeldung Tel.: 0 76 76/93 36 30
Nasse Lebensräume – Impulse für umfassenden Schutz von Quellen
Etwa 500 Quellen gibt es im UNESCO-Biosphärengebiet Schwarzwald. Doch nicht alle hier entspringenden Gewässer werden zu Bächen, nur wenige zu Flüssen: Oft dienen sie vor Ort als Weideviehtränken; besonders ergiebige Quellen werden gefasst und der örtlichen – menschlichen – Wasserversorgung zugeleitet.
„Natürliche Quellen sind einzigartige, geschützte Lebensräume mit spezialisierten und oft bedrohten Tier- und Pflanzenarten“, sagt Karolin Gums. Sie ist beim Biosphärengebiet Schwarzwald für Naturschutz, Landschaftspflege, Forschung und Monitoring zuständig und betreut ein gemeinsam mit der Universität Basel initiiertes Projekt zur systematischen Erforschung der Quell-Lebensräume am Schauinsland, am Belchen im Bereich der Kleinen Wiese sowie an der Menzenschwander und Bernauer Alb.

Natürliche Quellen mit besonderem Pflanzenbewuchs und Kleinstwassertierchen gibt es viele an den Hängen des Schauinslands.
Ziel dieses Projekts ist es, natürliche Quellen als Grenzökosysteme zu erhalten und sie besser zu schützen. Zugleich soll weiterhin eine nachhaltige Wasserversorgung auf der Weide garantiert werden. Dazu werden mit den Landwirten verschiedene Maßnahmen abgesprochen – wie etwa, zur Vermeidung von Trittschäden, die Einzäunung der Quellen und die Errichtung von regulierbaren Tränken außerhalb der Umzäunung.
Bei der Kartierung werden die Lage, die Umgebung, die Größe und die Schüttung einer Quelle erfasst, ihre kulturhistorische Bedeutung sowie die Temperatur und die Qualität des Wassers dokumentiert. Besondere Bedeutung kommt dabei der genauen Untersuchung von Flora und Fauna zu: Der Bestand an typischen Pflanzen und Kleinstlebewesen gilt als Indiz dafür, wie intakt der gesamte Lebensraum Quelle noch ist – oder wie weit er durch menschliche Eingriffe und zusätzlich durch Einflüsse fortschreitender Klimaänderungen bereits gefährdet ist.
Die Erforschung ergab, dass in einigen Quellen noch ein – allerdings für das menschliche Auge weitgehend unsichtbares – reges Leben herrscht. Und bei einer eigens angebotenen Exkursion fanden dann auch Laien verschiedene Schnecken, Würmer und Insektenlarven in den Wasserproben unter der Lupe. Dort bewegte sich unter anderem ein kurioser Wurm, der sehr lang und so dünn wie eine Instrumentensaite ist und sich zu dichten, unentwirrbaren Knäueln verwickeln kann. „Gordischer Saitenwurm“ heißt er deshalb. Daneben waren einige „Badische Quellschnecken“ samt Gehäuse zu erkennen. Diese etwa zwei Millimeter kleinen gefährdetenTierchen leben nur im Südschwarzwald – in Quellen mit kaltem, klarem und nährstoffarmem Wasser. Und sorgen dafür, dass es so bleibt.
Inzwischen ist diese „Bythinella Badensis“ zum Maskottchen geworden: Auf dem Ende Juni neu eröffneten Quellen-Wander- und Lehrpfad bei Bernau – auch ein Produkt des Quellenschutz-Projekts – ziert sie die acht Infotafeln.
INFO
Von Quell zu Quell
Rundweg über Herzogenhorn und Krunkelbachhütte
Start und Ziel: Wanderparkplatz Bernau-Hof
Länge: 9 Kilometer
Auf- und Abstieg: 513 Höhenmeter
Robust am Berg – Genügsame Landschaftspfleger
Robust, berggängig, gedrungen, mit neugierigen Augen stehen die Hinterwälder Rinder auf den Wiesen im Südschwarzwald. Die heimische Rasse ist optimal an die gebirgige Landschaft im Biosphärengebiet Schwarzwald angepasst – und dennoch vom Aussterben bedroht. Umso wichtiger ist das Engagement von Menschen, die sich, beispielsweise im Förderverein Hinterwälder, für die Zucht und den Erhalt der Landschaftspfleger und Nutztiere einsetzen. Schließlich kommen die bestens an die Berglandschaft angepassten Hinterwälder Rinder mit den Steillagen besonders gut zurecht.
Vor allem die typischen Allmendweiden profitieren im Biosphärengebiet von der genügsamen Rinderrasse, deren Fleisch besonders zart und wohlschmeckend ist. Deshalb wurde im Biosphärengebiet das Konzept der Kulinarischen Hinterwälderwochen entwickelt. Gastronomen aus der Region setzten während des Aktionszeitraums besonders kreative Gerichte mit Hinterwälderfleisch auf die Speisekarte.
Wer gerne Hinterwälder im Original treffen möchte, der kann sich im Biosphärengebiet entlang der Wanderrouten auf den Weg machen. Besonders spannend ist der Gersbacher Erlebnisweg auf dem Rinderlehrpfad bei Schopfheim.
Veranstaltungen im Biosphärengebiet
Kulinarische Zicklein-Wochen: „Landschaftspflege trifft auf Genussmoment“, 1. bis 15. September
Kulinarische Hinterwälder-Wochen: „Mit Genuss die Landschaft erhalten“, 1. bis 15. Oktober 2026
biosphaerengebiet-schwarzwald.de

Buchtipp
Hinterwälder
Landschaftspfleger, Nutztiere & ein Stück Schwarzwald
Verlag: Badischer Landwirtschafts-Verlag GmbH, 2025, 176 Seiten, Hardcover
Preis: 29 Euro









