Viele Stangen, wenig Helfer: Spargelsaison hat begonnen Freizeit in der Region | 24.04.2019 | Tanja Senn

Spargelkiste

2019 ist ein Spargeljahr. Schon Mitte März haben südbadische Bauern die ersten Stangen im Freiland geerntet. Doch immer mehr Spargelhöfe haben Probleme Helfer zu finden.

Knack. Oh je, schnell weiterbohren und so tun, als wäre nichts passiert. Doch Hans-Peter Bressels Ohren entgeht nichts. „Der ist durch“, sagt der Spargelbauer aus Forchheim am Kaiserstuhl und lacht. Schon nach wenigen Minuten des Selbstversuchs wird klar: Spargelstechen ist nicht so einfach wie gedacht.

Noch strecken nur wenige Stangen ihre weißen Köpfchen aus der Erde, das Kilo Spargel liegt daher bei 16 bis 18 Euro. Seit Ende März verkauft Bressel das Erdgemüse an seinen 15 Verkaufsständen von Breisach bis Lahr. Damit ist er nicht der Erste: Durch das milde Frühjahr wurde schon Mitte März Spargel in Südbaden gestochen. „Wir beginnen auch dieses Jahr wieder sehr früh“, freut sich Simon Schumacher, Geschäftsführer vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE).

Bauern, die ihre Stangen unter Folie anbauen, können die Erntezeit sogar noch mal um bis zu vier Wochen nach vorne verlegen. Durch die Spargeldämme kann die Temperatur gleichmäßig gesteuert werden: Die Stangen verholzen weniger, die Bauern haben einen höheren Ertrag und sparen bis zu 40 Prozent ihrer Produktionskosten. Der heiße Sommer im vergangenen Jahr habe dem Spargel nicht geschadet, weiß Schumacher. Im Gegenteil: „Durch die Trockenheit wurde das Laub sehr lange gesund gehalten, davon profitiert der Spargel in diesem Jahr.“

Spargelfeld

Für Probleme hat der stürmische März gesorgt, der vielerorts die Folien weggeweht hat.

Die Hauptsaison erwartet Schumacher Anfang April. Der Preis wird sich voraussichtlich wieder normalisieren und nicht mehr so niedrig sein wie 2018. Auch Bressel hofft auf stabile Preise: „Wenn es früh so viel Spargel gibt, gehen die Preise runter und auch die kommenden Wochen nicht mehr nach oben.“ Was die Käufer freut, wird für den Bauer zur Zerreißprobe. „Der Spargelanbau ist für uns fast nicht mehr tragbar. Die Kosten laufen davon, die Preise fallen und die gesetzlichen Auflagen werden immer höher.“

Verschärft wird die Lage durch den gesetzlichen Mindestlohn. Der gilt seit 2018 auch für die Landwirtschaft. So bekamen Erntehelfer in Deutschland vergangenes Jahr erstmals 8,84 Euro die Stunde. Mittlerweile sind es 9,19 Euro. Die Landwirte am Oberrhein haben es dadurch immer schwerer, mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten. So liegt etwa in Spanien der Mindestbruttostundenlohn bei 4,46 Euro – ein Unterscheid, der sich natürlich an der Supermarktkasse deutlich bemerkbar macht.

„Wir wollen und müssen fair bezahlen“, findet Schumacher. Er sieht jedoch ein ganz anderes Problem am Mindestlohn: Viele ausländische Erntehelfer würden durch ihre Arbeit einen bestimmten Betrag zusammensparen wollen. Sei dieser erreicht, reisten sie kurzerhand wieder in ihr Heimatland zurück – auch, wenn ihr Arbeitsvertrag eigentlich noch laufe.

Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt schon von vornherein angespannt ist: In einer Umfrage hat der VSSE vergangenes Jahr festgestellt, dass 90 Prozent der Spargel- und Erdbeerbauern nicht genügend Erntehelfer finden. Auch dieses Jahr sei die Lage kritisch, weiß Schumacher. Die Erntehelfer – die zu 70 Prozent aus Rumänien kommen – finden entweder in ihrer Heimat genug Arbeit oder sie weichen auf längerfristige und besser angesehene Beschäftigungen aus, wie das Ausliefern von Paketen.

Dabei dürfte dieses Jahr auf die Spargelbauern einiges an Arbeit zukommen: Schumacher rechnet mit einer hohen Nachfrage. „Wir haben Vollbeschäftigung, die Einkommen steigen – das sind gute Indizien dafür, dass sich die Leute etwas gönnen.“ Die Wahrscheinlichkeit sei dann auch höher, dass die Kunden im Hofladen statt im Discounter einkaufen. „Der Regionaltrend wird weitergehen.“ Schließlich hat der eigentlich nur Vorteile: Wer zu Spargel aus dem Direktverkauf greift, hat eine Frischegarantie, weiß, woher die Stangen kommen und unterstützt seine Region.

Peter Pressel

Hohe Löhne und niedrige Preise machen Hans-Peter Bressel zu schaffen.

Auch für die Umwelt hat der regionale Anbau nur Vorteile: Importspargel verursacht durch die langen Transportwege hohe CO2-Emissionen. So belastet nach einer Studie der ETH Zürich ein einziges Kilogramm Spargel, das aus Peru eingeflogen wird, die Luft mit zwölf Kilo CO2 und anderen Treibhausgasen. Das ist knapp 20-mal so viel wie bei Spargel aus der Region. Zudem belastet der wasserintensive Anbau in den trockenen Ländern die Umwelt. Viele Supermärkte bieten trotzdem auch dann noch Spargel aus anderen Ländern an, wenn es längst heimische Stangen gibt. Das erhöht zusätzlich den Preisdruck auf die Bauern der Region.

Bressel ist dabei noch relativ unabhängig von diesem Druck: Sein Hof vermarktet 90 Prozent der Ware im Direktverkauf, also an Verkaufsständen an der Straße und auf Märkten. Hier kann der Bauer die Preise selbst bestimmen – anders als im Discounter oder beim Großmarkt. Dort bekommt er für seinen Spargel oftmals nur die Hälfte des Preises. Vergangenes Jahr seien das in der Hauptsaison an manchen Tagen nur noch 2,80 Euro für das Kilo Spargel Klasse 1 gewesen. „Wir wissen nicht mehr, wie wir das auffangen sollen“, zeigt sich Bressel mutlos. „Wenn das nicht besser wird, müssen wir unseren Hof nächstes Jahr um die Hälfte verkleinern.“

Bevor das Frühlingsgemüse auf dem Verkaufstisch landet, geht es vom Feld zunächst zu den Kühlräumen. Hier herrscht täglich nach der Ernte emsige Betriebsamkeit, wenn die Spargel gewaschen und sortiert werden. Am Mittag sollen die eben noch gestochenen Stangen schon auf den Verkaufsständen liegen.

Nur der verunglückte Bruchspargel wird nicht verkauft – er dient als Abendessen für Bressels Säue. „Der viele Spargel ist eine richtige Entschlackungskur für die Schweine“, erzählt der Landwirt schmunzelnd. „Die specken in der Spargelzeit ordentlich ab.“ Schließlich ist Spargel nicht nur eine Delikatesse, sondern auch gesund – solange man es mit der Sauce Hollandaise und den Kratzete nicht übertreibt.

Fotos: © Pixabay, VSSE, Tanja Senn